Die Kieferninseln von Marion Poschmann

poschmann_die_kieferninselnIch bin nie in Japan gewesen und doch voller Sehnsucht nach diesem Land, seiner Natur und seinen Menschen. Ganz selbstverständlich finde ich es deshalb (wenn auch nicht mit dem Flugzeug), so doch ab und zu im Kopf dorthin zu reisen. Wozu sonst gibt es Romane?
Und so träume ich mich mit Die Kieferninseln nach Japan. Eine erste Begegnung mit der Autorin konnte ich bereits auf dem Suhrkamp-Sommerfest genießen. Gemeinsam saßen sie und Professor Thomas Macho auf der Bühne am Wannsee, um über ihre neuen Bücher zu reden, in denen es (auch) um Selbstmord geht (Thomas Macho. Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne. Suhrkamp 2017).
Dort hörte ich zum ersten Mal von den vielen Kultorten, die es ganz besonders in Japan gibt. Magische Orte, zu denen unzählige Menschen jedes Jahr reisen, um sich in den Tod zu stürzen. Und von denen auch Die Kieferninseln erzählt. Dieses schmale Buch – das so alles zugleich ist: Liebesgeschichte, Reiseroman und Hommage für Japan. Philosophisch, klug unterhaltend und geheimnisumwoben spannend.  Weiterlesen

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Ich laufe, um Leere zu erlangen. Haruki Murakami

murakami_wovon_ich_redeEin Marathonläufer bewegt sich ausdauernd, gleichmäßig  und diszipliniert. Um seine Kraft nicht zu verlieren, läuft er nie zu schnell – ohne dabei jedoch auffallend langsamer zu werden. Gleiches kann man von einem guten Schriftsteller sagen. Wie sonst kann einer mehr als 30 Jahre lang immer wieder neue Ideen für die verrücktesten Geschichten finden und Millionen Leser weltweit so konstant begeistern?! Dazu gehört doch ein extrem hohes Durchhaltevermögen. Es gehört Ausdauer dazu und Disziplin. Ein langer Atem außerdem und der Glaube an sich selbst und an sein Schreiben. So muss es wohl sein, denn so liest man es in den autobiographischen Büchern Haruki Murakamis. Doch wie kam einer wie er zum Schreiben? Wie fing das an? Weiterlesen

Het smelt. Und es schmilzt. Lize Spit

spit_und_es_schmilztUnd es schmilzt ist ein Buch, das ganz unterschiedlich gelesen und aufgenommen wird. Wir Bücherfreundinnen Maria von der Buchhandlung ocelot, die Klappentexterin und ich haben bei einem Aperol Spritz ganz ungezwungen darüber geredet. Es fielen Worte wie krass, schmerzhaft, schrecklich und trostlos. Aber auch irre gut, grandios, klug, würdig und lebensweise.

Auch wenn wir keinen gemeinsamen Nenner finden konnten, war unser gemeinsames Fazit, dass es ein gutes Buch ist, das seinen Weg gehen wird. Weil Lize Spit bestechend gut erzählt und die Tristesse eines Lebens auf dem Land sowie das Gefühl, ein Außenseiter zu sein, mit überraschenden Metaphern beschreibt.
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Homegoing. Heimkehren. Yaa Gyasi

gyasi_heimkehrenEin Buch, das mich vor einigen Wochen sehr bewegt hat, ist Heimkehren von Yaa Gyasi. Von der Story und den Figuren los zu lassen, fiel mir extrem schwer. Ich brauchte mehrere Tage, um überhaupt Lust zu haben auf ein neues Buch. Und das will schon was heißen! Nun schreibe ich darüber und habe das Gefühl, ein Theatervorhang öffnete sich. Wieder und wieder würden Esi, Effia, Ness, H und all die anderen auf die Bühne treten und sich bei tosendem Applaus verneigen. Jede Figur vertraut, so vertraut.
Der Roman beginnt in Afrika vor mehr als 200 Jahren mit den Mädchen Esi und Effia. Sie sind Halbschwestern und kennen sich doch nicht. Esi schließlich wird gefangen genommen und als Sklavin in die USA verschleppt, Effia muss einen weißen Briten heiraten, der in Afrika stationiert ist. Kapitel für Kapitel geht es in großen Sprüngen durch die Jahrhunderte bis ins Heute. Weiterlesen

Kevin Kuhn. Liv

kuhn_livDie letzten 100 Seiten gelesen. Fast ohne Pause. Die Finger eiskalt. Der Herzschlag viel zu schnell. Ein entzündetes Gefühl in den Augen. Was würde Livs elektronischer Pulsmesser jetzt sagen?
Atmen. Wasser trinken!
Ich besitze eine solche Smartwatch, wie Liv sie zeitweise trägt, nicht. Hauchdünn und biegsam legt sie sich um das Handgelenk wie eine zweite Haut. So ein Ding würde mir Angst machen, überwacht es doch alles, was man tut und fühlt – ähnlich dem implantierten Chip in Juli Zehs Roman Corpus Delicti. Schließlich weiß ich auch ohne eine solche Smartwatch, dass ich jetzt erstmal einen super starken Kaffee brauche!

Ein verrückt schöner Trip durch die Zeit und über mehrere Kontinente liegt hinter mir. Bin mit Liv, ihrem Smartphone und Tausenden von Followern einmal rund um den Erdball gereist. Stationen dieses Trips waren Israel, Mexiko, die USA, Neuseeland und Berlin. Wir waren in einer Geisterstadt in der amerikanischen Salzwüste und sind da fast verdurstet! Wir waren mit dem kleinen Hund_Fufu auf einer Luxusjacht im Pazifik, wo wir beinahe von einer riesigen Sturmfront verschlungen wurden. Wir waren im Tempelhofer Feld in Berlin.  Weiterlesen

Im Herzen der Gewalt – der neue Roman von Édouard Louis

louis_im_herzen_der_gewaltÉdouard Louis ist gerade mal 24 Jahre alt und hat bereits sein zweites Buch geschrieben. Während er in Das Ende von Eddy von einer schwierigen Kindheit in einem französischen Dorf erzählt, geht es in diesem Buch um einen jungen Mann und um eine Gewalttat, welche fast tödlich endet. Der Autor hat diese Situation erlebt und arbeitet mit Im Herzen der Gewalt  das schreckliche Erlebnis auf.

Es ist Nacht. Hinter ihm liegt ein lustiger Pariser Kneipenabend mit ein paar Freunden und er ist noch ganz in dieser positiven Stimmung, als ein fremder junger Mann aus dem Maghreb ihn anspricht. Reda ist unglaublich schön und sofort sehr zärtlich zu Édouard. So zärtlich, dass sich bei Édouard heftiges Begehren einstellt. Ein Begehren, dem er schnell erliegt. Redas Vorschlag, ihn in seine Wohnung zu begleiten, nimmt er deshalb bedenkenlos an. Beide erleben vorerst glückliche Stunden, bis die Situation eskaliert und sich komplett ins Gegenteil verkehrt.
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Salut Michel, Yasmina et Virginie!

Was ist ein Wohlfühlbuch? Darüber habe ich vor einigen Tagen mit zwei Freundinnen diskutiert. Unser Fazit: Ein Wohlfühlbuch sollte hoffnungsvoll optimistisch und mit vielen positiven Figuren und Situationen angereichert sein. Es sollte einen verregneten Sonntag auf dem Sofa schöner machen – bei Schokolade und einer Tasse Tee oder Kaffee. Manchmal braucht man das einfach bei all der Tristesse da draußen. Und es tut gut für den Moment des Lesens.
Eigentlich lese ich aber viel lieber Bücher, die kritisch, düster, zynisch oder auch mal ein bißchen schräg sind. Unangepasste Helden in komplizierten Situationen, verrückte Einzelgänger oder komplizierte Aussenseiter – ich suche immer wieder nach ihren Geschichten. Und finde sie neuerdings immer öfter in der aktuellen französischen Literatur:

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