Spannend, dystopisch und leise hoffnungsvoll – Der Report der Magd

atwood_der_report_der_magdWenn man einen Roman nach vielen (sehr vielen!) Jahren erneut liest, dann begegnet man irgendwie auch einer jüngeren Version seiner selbst. Ich sehe mich, wie ich damals erschüttert und mit Schauern der Angst das Schicksal Desfreds verfolgte. Erinnerten mich doch viele Passagen an die gerade untergegangene DDR. Abweichler vom vorgegebenen System werden bestraft. Orangen sind rar. Mauern sind mit Stacheldraht gesichert …

Heute bin ich einfach extrem fasziniert, wie sehr Margaret Atwood schon 1985 (Erscheinungsjahr des englischen Originals) gesellschaftliche und politische Strömungen erahnen konnte und diese ins Zentrum ihres Romans stellt. Mit coolem Weitblick schaut sie aus den Achtziger Jahren des 20. in die Zwanziger Jahre des heutigen Jahrhunderts. Weiterlesen

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Intelligent und absurd-komisch: Tyll

kehlmann_tyllEs war November. Die Weinvorräte waren erschöpft, und weil der Brunnen im Garten verdreckt war, tranken sie nur noch Milch. Da sie sich keine Kerzen mehr leisten konnten, ging der ganze Hofstaat abends mit der Sonne schlafen. Die Dinge standen nicht gut … (Seite 229).

Zurück aus einer unbestimmten Zukunft mit Juli Zeh und ihrem Roman Leere Herzen, stürze ich mich mit Daniel Kehlmanns Tyll in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Sofort bin ich komplett vereinnahmt von dem historischen Kosmos und seinen Figuren. Hier wirkt alles lebendig, ich habe das Gefühl, das Buch pulsiert und sprüht Funken. Endlich wieder ein Roman, bei dem ich mir gern den Wecker eine Stunde früher am Morgen stelle, weil ich ihn weiterlesen will, und weil er so genial in diese dunkle triste Zeit passt! Denn auch in Kehlmanns Roman ist es irgendwie ständig kalt und ungemütlich. Das Essen miserabel. Die Menschen meist übellaunig. Mitteleuropa im 17. Jahrhundert war einfach kein schöner Ort. Obwohl die Geschichte inhaltlich also ziemlich düster ist, überschlägt sie sich an intelligenten Einfällen und komisch-absurden Situationen. Und zaubert mir ein glückliches Lächeln ins Gesicht. Das liegt zuallererst natürlich an Kehlmanns großer Erzählkunst. Es liegt aber auch an der Hauptfigur Tyll Ulenspiegel. Diesem großen, hageren Mann, der immer da auftaucht, wo es eigentlich gar nichts mehr zu lachen gibt. Und es liegt auch an so zentralen Figuren wie Nele, dem Winterkönig Friedrich und dessen Frau Liz. Es fiel mir schwer, sie alle loszulassen. Weiterlesen

Seelenlos … Leere Herzen von Juli Zeh

zeh_leere_herzenMeist ist es der erste Satz. Und wenn der es nicht ist, dann muss ein Roman mich mindestens auf den nächsten 20, 30 oder wenigstens 50 Seiten faszinieren. Diese Chance bekommt jeder Roman von mir. Begeistert er mich nicht, verabschiede ich mich schnell von der Lektüre. Angesichts der unzähligen Neuheiten, die fast täglich auf mich einstürmen, habe ich mich für diese radikalen Abbrüche entschieden.

Leere Herzen also. Hier sitze ich nun, starre auf Seite 270 und vermag einfach nicht umzublättern. Wozu? Will ich denn wirklich wissen, was auf den letzten 80 Seiten passiert? Eigentlich nicht. Und all die Zeit, die da noch drauf geht! Ermutigt von drei befreundeten BuchhändlerInnen, deren Meinung ich stets sehr schätze, werde ich deshalb hier und jetzt einfach abbrechen. Ich werde nie erfahren, wie die Story endet. Und es stört mich kein bißchen!  Weiterlesen

Ein Baum wächst in Brooklyn von Betty Smith

smith_baum_wächst_in_brooklyn_insta1901 erblickt in Brooklyn die kleine Frances Nolan das Licht der Welt. Ein Jahr später folgt Bruder Neeley. Ihre Eltern Katie und Johnny sind jung, viel zu jung! Sie geben ihr Bestes, doch die Zeiten sind schlecht und immer ist zu wenig Geld da. Deswegen erzählt aber Ein Baum wächst in Brooklyn keine düstere Geschichte. Traurige Szenen kommentiert die Autorin mit lustigen, manchmal sarkastischen Worten und findet insgesamt einen sehr stimmungsvollen, einen heiteren Ton. Und genau so beginnt diese Geschichte: “Heiter” war ein Wort, das auf Brooklyn, New York, passte. Zumal im Sommer 1912 … zumal an einem Samstagnachmittag im Sommer. Am Spätnachmittag schien die Sonne schräg in den vermoosten Garten, der zu Francie Nolans Haus gehörte (Seite 9).  Weiterlesen

Queer gelesen: Unerklärlich logisch und hoch emotional

saenz_die_unerklärliche_logikIst irgend eine Situation kritisch oder gefährlich, dann heißt es bei Sam und Sal: No bueno. Nur diese zwei Worte. Weil beider Leben nicht einfach ist, kommt es ziemlich oft vor, dass sie diese zwei Worte sagen. Ihre richtigen Namen sind Salvador und Samantha, sie leben in El Paso in Texas und sind 17 Jahre alt. Sie reden über fast alles – per SMS oder real, sie fluchen, lachen und weinen gemeinsam. Best friends.
Ein weiterer wichtiger Mensch in Sals Leben ist sein schwuler Dad Vicente. Weswegen er in der Schule manchmal angemacht und “Schwuchtel” genannt wird.
Manchmal schlägt Sal dann zu – ohne Nachzudenken. Er weiß, dass das nicht okay ist. Und er versucht zu lernen, zwischen sich und seinen Schlagreflex einen bewussten Gedanken zu stellen. Was manchmal funktioniert. Ob diese Wut im Bauch und der Wunsch, zu schlagen, von seinem biologischen Vater kommen? Sal hat ihn nie kennen gelernt. Auch an seine Mom kann er sich nicht erinnern. Diese Geheimnisse sollen erst am Ende dieses dramatischen und sehr emotionalen Jugendromans gelöst werden.  Weiterlesen

Ralf Rothmann. Im Frühling sterben

im_frühling_sterbenManche Romane brauchen den richtigen Zeitpunkt. So kommt es, dass ich mich auf dieses bereits im Juni 2015 erschienene Buch erst jetzt einlasse. Bisher mochte ich Rothmanns Romane deshalb besonders, weil sie von der Gegenwart im Ruhrpott, in Polen oder in Berlin erzählten. Weil sie auch von der Liebe erzählten.
Ich will keine Kriegsgeschichte, dachte ich. Bis ich im Urlaub im kleinen Bücherregal des Hotels Im Frühling sterben entdeckt und die ersten Sätze gelesen habe. Ich spürte ihn sofort, diesen ganz bestimmten Erzählton, den ich so sehr schätze und der mich immer wieder zum Lesen seiner Geschichten verführt. Denn Ralf Rothmann gelingt es, ganz normalen Alltag in Literatur zu verwandeln. Seine Romane kommen mit weniger als 300 Seiten aus und erzählen kompakte tiefgreifende Geschichten. Ohne überflüssige langatmige Textpassagen und auf das Wesentliche reduziert, stimmt bei ihm jeder Satz! Weiterlesen

Die Kieferninseln von Marion Poschmann

poschmann_die_kieferninselnIch bin nie in Japan gewesen und doch voller Sehnsucht nach diesem Land, seiner Natur und seinen Menschen. Ganz selbstverständlich finde ich es deshalb (wenn auch nicht mit dem Flugzeug), so doch ab und zu im Kopf dorthin zu reisen. Wozu sonst gibt es Romane?
Und so träume ich mich mit Die Kieferninseln nach Japan. Eine erste Begegnung mit der Autorin konnte ich bereits auf dem Suhrkamp-Sommerfest genießen. Gemeinsam saßen sie und Professor Thomas Macho auf der Bühne am Wannsee, um über ihre neuen Bücher zu reden, in denen es (auch) um Selbstmord geht (Thomas Macho. Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne. Suhrkamp 2017).
Dort hörte ich zum ersten Mal von den vielen Kultorten, die es ganz besonders in Japan gibt. Magische Orte, zu denen unzählige Menschen jedes Jahr reisen, um sich in den Tod zu stürzen. Und von denen auch Die Kieferninseln erzählt. Dieses schmale Buch – das so alles zugleich ist: Liebesgeschichte, Reiseroman und Hommage für Japan. Philosophisch, klug unterhaltend und geheimnisumwoben spannend.  Weiterlesen