Philippe Lançon. Der Fetzen

Lançon_Der_FetzenKaum habe ich dieses Buch zugeschlagen, da vermisse ich es bereits. Ich habe das Gefühl, ich hätte mich gerade stundenlang mit Philippe Lançon über Literatur und Musik unterhalten. Über Kafkas Briefe an Milena, Thomas Manns Der Zauberberg und über Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust (Lançons ständige Begleiter und Lebensretter). Und immer wieder über Bachs Goldberg-Variationen (Glenn Gould) oder Das wohltemperierte Klavier (Svjatoslav Richter). Die Musik von Bach schenkte ihm Erleichterung wie die tägliche Dosis Morphium:
Ja, mehr als das: Sie machte jeden Ansatz einer Klage, jedes Gefühl von Ungerechtigkeit und jede Fremdheit des Körpers zunichte. Bach senkte sich über das Zimmer und das Bett und mein Leben, über die Krankenschwestern und ihre Wagen. Er hüllte uns ein. Im Leuchten seiner Klänge zeichnete sich jede einzelne Geste ab, und der Friede, ein besonderer Friede machte sich breit (Seite 280). Weiterlesen

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Doris Knecht. weg

knecht_weg_Eigentlich ein Luxusproblem. Zumindest in Asien. Zumindest in einer Millionenmetropole wie Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt). Ein Kind finden. Um die halbe Welt zu fliegen, um eine Tochter zu finden!
Heidi sieht um sich herum so viel Armut, so viele Menschen, die am Existenzminimum leben. Für sie muss es purer Luxus sein, was Heidi hier tut. Zusammen mit dem Kindesvater Georg, mit dem sie nichts verbindet. Nie verbunden hat! Außer dieser Moped-Tour damals … ohne welche sie nie eine gemeinsame Tochter Charlotte hätten. Sie haben es dann noch kurze Zeit als Paar versucht. Es hat nicht funktioniert. Weiterlesen

Deine kalten Hände von HAN KANG

kang_deine_kalten_händeJang Unhyong ist Bildhauer. Er arbeitet ausschließlich mit Gips. Seine Plastiken entstehen aus der Abformung von Körpern. Anders als bei Totenmasken, nimmt Unhyong seine Abdrücke ausschließlich von lebenden Menschen. Seine Skulpturen sind beklemmend und seltsam.
Begegnet man ihm, dann wirkt er wie ein ganz gewöhnlicher, netter Mann. Ende dreißig, schlank und mit Lachfältchen. Doch blickt man tief in Unhyongs Augen, so entdeckt man dort etwas Unheimliches. Eine seiner Besonderheiten ist, dass er Schönheit dort sieht, wo niemand welche findet. Es sind die Aussenseiter, die ihn faszinieren: Als schön empfand ich, was mich elektrisierte … was ich als schön empfand, war für andere ungewöhnlich oder gar abnorm oder etwas, womit sie möglichst nicht in Kontakt kommen wollen (Seite 86).
So verliebt er sich in die zarten kleinen Hände des absolut übergewichtigen Mädchens L. Später wird ihn auch ihr Körper zutiefst faszinieren. Weiterlesen

Annie Ernaux. Die Jahre

img_4614Als Studentin träumt Annie Ernaux davon, ein ganz besonderes Buch zu schreiben. Mysteriöse Dinge würde sie darin ausdrücken und eine neue überraschende Sprache finden wollen. Lange Zeit bleibt es bei ihrem Traum. Und es braucht tatsächlich ein ganzes Leben für dieses Buch (Les Années ist 2008 in Frankreich und Die Jahre 2017 bei Suhrkamp erschienen). Ein ganzes weiteres Jahr braucht es, dass ich es lese … Weiterlesen

Im Dunkel der Erinnerung: Andrè Herzberg und Christian Berkel

Ich würde gern für ein paar Stunden an den Anfang des vorigen Jahrhunderts reisen. Um durch alte Berliner Bezirke zu schlendern, um Schöneberg im Jahr 1920, Kreuzberg in den Dreißiger oder Prenzlauer Berg in den Fünfziger Jahren zu erleben. Ich würde ebenso gern im Zeitraffer all die Menschen sehen, die in den vergangenen Jahrzehnten in den von mir bewohnten Berliner Altbauzimmern gelebt haben …

Auf Zeitreisen dieser Art entführten mich die Romane In Zeiten des abnehmenden Lichts und Ab jetzt ist Ruhe von Eugen Ruge und Marion Brasch. Doch da mein Hunger nach Geschichten mit historischem Fokus nie endet, habe ich aktuell mit den Romanen Der Apfelbaum und Was aus uns geworden ist zwei neue Lieblingsbücher. Beide könnten unterschiedlicher kaum sein. Gleichzeitig aber verbindet sie so viel, spielen sie doch ganz oder teilweise im historischen Berlin. Beide Autoren erzählen die Geschichten ihrer jüdischen Eltern oder eines jüdischen Elternteils. Doch während Christian Berkels Roman die Geschichte einer großen Liebe ist, geht es bei André Herzberg um sechs in der DDR geborene Menschen und deren Suche nach Identität. In Jakob – eine der Romanfiguren – glaube ich, den Autor selbst zu erkennen. Weiterlesen

Archipel von Inger-Maria Mahlke

Herbstspaziergang in Kreuzberg. Mit einem Buch unterm Arm. Auf der Suche nach der perfekten Bank … Welchen Roman würde ich wohl heute lesen, hätte Inger-Maria Mahlke den Deutschen Buchpreis nicht gewonnen? Egal. Ich lese Archipel und ich lese ihn gern. Irgendwie lässt er mich ja auch nicht los. Weiterlesen

Berührung mit dem Bösen – Annette Hess und ihr Roman „Deutsches Haus“

img_4416Eva Bruhns ist eine junge Frau im Frankfurt am Main der Sechziger Jahre. Ihre Eltern Edith und Ludwig Bruhns betreiben das Lokal “Deutsches Haus” – hier wird täglich gute deutsche Küche serviert. Gänsebraten, Eisbein, Knödel, Schokoladenpudding.
Weil Eva sehr gut Polnisch spricht, wird sie eines Tages ins Gericht bestellt, um die Zeugenaussage eines polnischen Juden zu übersetzen, welche ihr absurd und skurril erscheint. Zyklon B? Menschen wurden vergast??
Am nächsten Tag liest Eva in der Zeitung vom Beginn der Auschwitz-Prozesse und ist wieder voller Unglaube. Es soll mehr als 1.000.000 Tote in Auschwitz gegeben haben? Das MUSS ein Druckfehler sein. Eine Million? Da sind doch ein paar Nullen zu viel?!
Doch mit der Zeit ahnt Eva, dass mehr Wahrheit hinter dieser Zahl steckt, als ihr lieb ist. Weiterlesen