Melle oder Kubiczek? Eine Buchhandlung und die Shortlist

Eine wunderschöne und sehr gut sortierte Buchhandlung auf der belebten Schönhauser Allee im Prenzlauer Berg ist anakoluth. Man lässt den tosenden Lärm von Tram, Metro und mehrspuriger Hauptstraße hinter sich und taucht ein in diese besondere Welt der Literatur. Kaum umhüllt mich die Atmosphäre aus Stille und Bücherduft, da entdecke ich auf den Tischen bereits diverse meiner Lieblingsautoren. Ein gutes Gefühl. Hinter dem Tresen steht lächelnd Kathrin Bach und berät eine Kundin. Kathrin ist begeisterte Leserin und Buchhändlerin bei anakoluth.

In dem Gespräch mit ihr erfahre ich, dass sie sich für den Deutschen Buchpreis einen Gewinner wünscht, den sie Kunden dann gut empfehlen kann. Es ist genau das, was ich auch von anderen Buchhändlern immer wieder höre – der Wunsch nach einem interessanten und gut lesbaren Buch. Einem Buch, dass man von Herzen weiter empfiehlt. Und sollte die Entscheidung der Jury auf keinen Favoriten fallen, dann suchen wir Buchhändler uns – jenseits aller Listen – einen eigenen Favoriten. Ein schönes Beispiel dafür ist der Roman Das achte Leben von Nino Haratischwili, der es 2014 zwar nicht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Der aber bis heute in vielen Buchhandlungen empfohlen und gut verkauft wird.

kathrin-bach_3-2

© Kathrin Bach

Weiterlesen

Akos Doma. Der Weg der Wünsche

doma_weg_der_wunscheAkos Domas Der Weg der Wünsche ist ein sehr stiller Roman, dessen Kraft sich ganz langsam entfaltet, der aber lange nachwirkt. Er ist außerdem einer der wenigen unter den 20 Nominierten der Longlist, welchen ich bis zur letzten Seite gelesen und dabei Freude und Glück empfunden habe. Ich wachte morgens auf, und meine ersten Gedanken waren: Kaffee trinken. Doma lesen. Mit jedem Tag ist mir die kleine ungarische Familie ein Stück mehr ans Herz gewachsen, habe ich intensiver mit Teréz, Károly, Misi und Bori gelacht und gelitten.

Schaue ich zurück auf den Tag der Veröffentlichung der Longlist, dann war es genau dieses Buch, das mich neben Bodo Kirchhhoffs Widerfahrnis am meisten interessierte. Dass Doma die Geschichte einer Flucht aus dem Ungarn der 70er Jahre erzählt, hatte mich sofort neugierig gemacht. Genau wie der Junge Misi im Roman, hat auch Akos Doma als Jugendlicher mit seiner Familie Budapest verlassen, um über Italien und die Schweiz nach Deutschland zu flüchten. Ganz subtil beschreibt er die stille und unauffällige, aber tiefgreifende Veränderung einer Familie unter den Bedingungen der Flucht. Weiterlesen

Eine Buchhandlung und die Longlist

Im Feuilleton und in den literarischen Blogs werden sie intensiv diskutiert und rezensiert – die 20 Titel der Longlist des Deutschen Buchpreises. Doch was bedeutet das Bekanntwerden der Longlist eigentlich für eine Buchhandlung? Ich selbst lese in diesen Wochen möglichst viele der nominierten Titel. Nicht nur als Buchpreisbloggerin, sondern auch als Buchhändlerin. Jetzt bin ich irgendwie neugierig geworden, wie es anderen BuchändlerInnen mit der Longlist geht und habe Maria vom ocelot mal drei Fragen gestellt.

ocelot_longlist

Weiterlesen

Bodo Kirchhoff. Widerfahrnis

kirchhoff_widerfahrnisReither gibt auf. Als etwa 60jähriger Verleger mit circa vier Büchern im Jahr erkannte er am Ende seines Berufslebens, dass es allmählich mehr Schreibende als Lesende gab (S. 10). Reither kann es sich leisten, plötzlich aufzuhören. Ein jüngerer Verleger müsste sich etwas Neues suchen. Reither kann sich einfach zurücklehnen. Die Seele baumeln lassen.

Dieser Reither ist auf sympathische Weise im Herzen und auch im Geiste jung geblieben. Auf eine wilde Art auch unvernünftig, raucht er leidenschaftlich gern filterlose Zigaretten und trinkt Rotwein aus Apulien – den er regelmäßig direkt dort kauft. Reither liebt seine Lederjacke und sein Feuerzeug, beides besitzt er schon ewig. Auch das hat etwas Jungenhaftes und führt dazu, dass ich Reither mehr und mehr sympathisch finde. Apropos, die Lederjacke! Sie ist gefüttert und hat viele Taschen, und es gab sie schon, als es noch kein Internet gab, solche Jacken werden heute gar nicht mehr hergestellt, weil sie zu lange halten (S. 35). Auch liebt er spontane Aktionen, was dazu führt, dass er eines Morgens im April das verschneite Weißachtal im bayerischen Allgäu in Richtung Süden verlässt – in einem BMW Cabrio. Weiterlesen

10 Tage später … erste Lese-Erlebnisse von uns Buchpreisbloggern

In vielen Buchhandlungen schmücken sie gesammelt die Tische: die Romane der Autoren, welche am 23.08. für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 nominiert wurden. Noch sind nicht alle Bücher erschienen und längst ist nicht Alles gelesen. Doch erste Eindrücke gibt es bereits. Ich fand spannend, wie so die ersten Lese-Erfahrungen sind und habe diese Frage mal uns sechs Buchpreisbloggern gestellt …  Weiterlesen

Elena Ferrante. Meine geniale Freundin

ferrante_meine_geniale_freundinIm Mai diesen Jahres habe ich das erste Mal von der italienischen Autorin Elena Ferrante gehört, deren Romane in deutscher Übersetzung vor einigen Jahren in den Verlagen List und DVA erschienen sind. Irgendwie hatte ich mich bisher weder für die Autorin noch für ihre Romane interessiert. Das änderte sich, als ich von dem Buch Meine geniale Freundin hörte – einem weltweit vielbeachteten Roman, der nun (von Karin Krieger ins Deutsche übersetzt) im Suhrkamp Verlag erschienen ist.

Ich denke zurück an jenen 22. Mai 2016 und an das Bloggertreffen im Haus des Verlages. Hier gibt es bereits erste Informationen zum Buch und zur Autorin (deren Wunsch, anonym zu bleiben ihr italienischer Verlag seit 1992 akzeptiert). Große Begeisterung für das Buch und seine Autorin von allen Suhrkamp-Mitarbeitern. Verhaltene Neugier bei uns Bloggern (nachzulesen bei Jochen von lustauflesen.de). Für jeden von uns gibt es als Überraschung noch ein Leseexemplar des Romans und so ist der Monat Mai für mich Ferrante-Monat. Die ganz große Begeisterung stellt sich bei mir nicht ein, doch beschäftigt mich die Geschichte um Elena und Lila bis zum heutigen Tag.

In diesem ersten Teil ihrer vierbändigen Saga erzählt Ferrante in ausdrucksstarken Bildern die Geschichte zweier fleißiger kleiner Schulmädchen, deren Weg von Anfang an klar zu sein scheint. Und der sich ganz allmählich und schließlich für immer verändert.  Weiterlesen

Claudia Piñeiro. Ein wenig Glück

pineiro_ein_wenig_glück_Glücklicherweise wusste ich vor dem Lesen dieses Romans nichts über seinen Inhalt, habe einfach angefangen. „Lies mal die Piñeiro. Die wird dir gefallen.“ Diese zwei Sätze einer guten Freundin noch im Ohr, verzichte ich sogar auf den Klappentext (ein Tipp, den ich unbedingt weitergeben möchte, da dort alles, was den Roman so besonders macht, vorweggenommen wird). Ich starte also völlig ahnungslos mit den ersten Sätzen …

Ich hätte Nein sagen sollen, dass es nicht geht, dass ich nicht wegkann. Irgendwas sagen, egal was. Aber das habe ich nicht getan. Immer wieder habe ich mir die Gründe aufgezählt, warum ich mich, statt Nein zu sagen, am Ende doch bereit erklärt habe. Der Abgrund zieht uns an. Manchmal ohne dass wir es merken. Wie ein Magnet. Dann treten wir an den Rand, blicken in die Tiefe – und könnten springen. Ich bin so jemand. Ich könnte vortreten, mich in die Tiefe stürzen, in die Leere, ins Nichts fallen lassen, nur um – endlich – frei zu sein (S. 10).  Weiterlesen