Raupe Nimmersatt, Traumzauberbaum und Hasenkind

traumzauberbaum

Der Traumzauberbaum ist wohl eins der schönsten Hörbücher für Kinder. Es lädt ein zum Träumen, zum Mitsingen und ist gleichermaßen spannend für Jungs und für Mädchen. Ich habe es in den 90er Jahren unzählige Male mit meinen zwei Söhnen gehört und mitgesungen. Beim Autofahren und in der Badewanne. Bald werde ich gemeinsam mit meinem Enkel Karl das Regenlied, den Pfannkuchenschreck oder den Mopseklops singen. Ich finde die Lieder immer noch wunderschön, emotional tiefgreifend und oft zum Lachen komisch. Erstmals erschienen 1980 (bei Deutsche Schallplatte), ist Der Traumzauberbaum heute schon fast ein Klassiker.  Weiterlesen

Gott, hilf dem Kind. Toni Morrison

morrison_gott_hilf_dem_kindLula Ann Bridewell nennt sich als junge Frau einfach Bride. Ihre zwei Vornamen hat sie längst abgelegt. Sie arbeitet in der Kosmetikbranche und hat in einem Konzern mit Milliardenumsatz ihr eigenes Label: YOU, GIRL. Irgendwann entscheidet Bride sich, nur noch Weiß zu tragen. Und entdeckt die vielen Schattierungen dieser Farbe: Reinweiß, Perlweiß, Elfenbein, Champagner, …
Ihr Freund Jeri hatte das empfohlen und gesagt, diese Farbe würde phantastisch passen, nicht nur wegen ihres Namens, sondern auch, weil das ihre Lakritzenhaut so wunderbar zur Geltung bringen würde. Es funktionierte. Und wie!  Weiterlesen

Eine Geschichte von Einsamkeit und Stille und Liebe – Gerbrand Bakker

bakker_oben_ist_es_stillNach Hölle und Paradies möchte ich gedanklich noch ein wenig in den Niederlanden bleiben. Mit Gerbrand Bakkers Oben ist es still, erschienen in Amsterdam 2006. Ich will diesen Roman seit vielen Jahren lesen. Nie aber gab es den richtigen Moment. Stumm und vorwurfsvoll schauen die fünf Schafe auf dem Buchcover mich an, sie scheinen mich schon ewig zu rufen. Ich hatte immer Angst, der Roman sei zu trist, zu düster, und er könnte mich möglicherweise in Trübsinn stürzen. Allein das Cover – so grau und so kalt. Nichts von alldem ist diese Geschichte! Und sie hat mich ganz sicher nicht traurig gemacht. Ganz im Gegenteil. Ich habe mit Gerbrand Bakker einen Autoren entdeckt, von dem ich mehr lesen will und muss!

Auch wenn wir Mai und nicht November haben, passt die Lektüre außerdem perfekt zum Wetter: Es regnet, und der starke Wind hat die letzten Blätter von der Esche geweht. Der November ist nicht mehr eisig und windstill … Die Kühe stehen schon seit zwei Tagen im Stall. Beim Melken herrscht Unruhe (S. 11).  Weiterlesen

Hölle und Paradies von Bettina Baltschev

baltschev_hölle_und_paradiesDas Exil-Thema lässt mich einfach nicht los. Zu sehr bewegen mich die Fragen, welche sich gegenwärtig unzählige Menschen in Syrien, Venezuela oder der Türkei stellen müssen: Gehen oder bleiben? Einen neuen Lebensort finden oder in der geliebten Heimat weiterleben? Nicht immer ist „Gehen“ die bessere Alternative. Liest man einige der Miniaturen von aus Der Spaziergänger von Aleppo, so versteht man, dass ein geliebtes Zuhause mit all seinen Büchern, Schallplatten und Freunden zu verlassen, nicht ganz einfach ist. Für Niroz Malek ist es unmöglich.

Viele deutschsprachige Autoren und Autorinnen in den Dreißiger Jahren konnten sich diese Frage gar nicht erst stellen. Denn zu bleiben, hätte für Intellektuelle wie Stefan Zweig, Fritz Landshoff, Klaus Mann, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger oder Joseph Roth schlimmste Repressalien oder sogar den Tod im Vernichtungslager bedeutet. Für sie gab es deshalb nur eine Frage: Wohin – nach Westeuropa oder besser gleich nach Amerika? Und vor allen Dingen: Was dann?  Weiterlesen

Schreiben gegen den Schmerz.

malek_der_spaziergänger_von_aleppoKarfreitag. Ein Tag der Stille und des Nachdenkens. Meine Schwester schreibt mir eine lange Mail aus Indien. Dort nennt man den heutigen Tag Good Friday. Das gefällt mir sehr. Möge es ein guter, ein entspannter Tag werden. Die Zeiten sind unruhig und oft mag ich das Radio gar nicht mehr anschalten. Möchte gern weiter in meinem kleinen Glück aus Büchern, Musik, Freunden und Familie bleiben. Hier in Berlin.

In seinem schmalen Buch Der Spaziergänger von Aleppo erzählt Niroz Malek in einer Balance zwischen Traum und Realität vom Leben im heutigen Aleppo: Geschichten aus einer zerstörten und traumatisierten Stadt – Ruinenlandschaft aus verwinkelten Gassen, zerstörten Kirchen und Moscheen, über welcher düster die alte Zitadelle thront. Bei mir hinterlassen diese Geschichten das Gefühl, im Barcelona der Nachkriegszeit zu sein. Wer dieses Buch aufschlägt und „das Tor öffnet“ (auf dem Buchcover abgebildet: das Eingangstor der Zitadelle von Aleppo), der betritt eine düstere mystische Welt voll dunkler Gestalten – Menschen in ständiger Angst um ihr Leben, Untote, welche nie zur Ruhe kommen und natürlich unzählige Tote.

Dennoch will Niroz Malek diese Welt nicht verlassen. Weiterlesen

Mit Natascha Wodin auf einer Odyssee durch das 20. Jahrhundert

wodin_mariupolHeute möchte ich mein Glück mit Euch teilen. Es kommt nämlich nicht allzu oft vor, dass ein von mir favorisiertes Buch es auf die Longlist oder Shortlist schafft oder sogar einen Buchpreis gewinnt. Natascha Wodin hat mit ihrem biographischen Roman Sie kam aus Mariupol den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 gewonnen. Ich lächele still und bin voller Glück. Denn dieses Buch hat mich in den vergangenen Tagen begleitet und extrem aufgewühlt. Manches aus dieser Geschichte las ich das erste Mal in meinem Leben, andere Dinge waren mir bereits vertraut, ja ich hatte fast das Gefühl, als hätten mich die vorherigen Romane Der Lärm der Zeit und Betrunkene Bäume bereits vorbereitet auf diese Lektüre. Ich war durch die genannten Romane ja längst gedanklich ganz tief in der ehemaligen Sowjetunion …  Weiterlesen

Schostakowitsch und der Lärm der Zeit

barnes_larm_der_zeitDer Komponist Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch liebte die Bücher von Gogol, von Tschechow und von Puschkin. Turgenjew mochte er weniger, doch las er ihn gern, weil er trotz all seiner Fehler einen echt russischen Pessimismus besaß. Ja, er hatte begriffen, dass russisch zu sein hieß, pessimistisch zu sein. (S. 97).
Nun hatte ein echter Sowjetbürger aber optimistisch zu sein. Und Optimismus fiel Schostakowitsch so unendlich schwer. Was nicht wundert bei einem Leben in jener Zeit. Als 1936 schließlich die Aufführung seine Oper Lady Macbeth von Mzensk im Bolschoi-Theater Stalins Zorn provoziert, scheint es das endgültige Aus für den berühmten Komponisten zu sein.  Weiterlesen