David Copperfield – einmal Reichtum und zurück

Der britische Schauspieler Dev Patel ist bekannt aus diversen großen Filmen (Slumdog Millionär, Lion – der lange Weg nach Hause, Exotic Marigold Hotel). Aktuell ist er im Kino zu sehen als David Copperfield. Geboren in London als Sohn indischer Eltern, schlüpft er mit großer Leidenschaft und Hingabe in diese Rolle. Regisseur und Drehbuchautor Armando Ianucci hat ihm ein hochkarätiges Darsteller-Team an die Seite gestellt. Um nur einige zu nennen: Tilda Swinton (Tante Betsey), Hugh Laurie (Mister Dick), Benedict Wong (Mister Wickfield), Ben Wishaw (Uriah Heep).

Dieser Film ist eine Freude und feiert ein Fest der Farben und der Heiterkeit. Nichts ist zu spüren von der bekannten Düsternis des viktorianischen Englands. Auch wenn David eine wirklich harte Kindheit erlebt, in welcher er schon früh in der Fabrik seines fiesen Stiefvaters Mister Murdstone arbeiten muss, ist da immer ein Lächeln im jungenhaften Gesicht. Und er hat das Schreiben als Trost! Grausames und Belustigendes notiert er auf diversen Zetteln, welche er in einer Holzschachtel sammelt. Gedanklich ist er oft ganz weit weg in einer ihn rettenden Phantasiewelt. Später fließen diese frühen Gedanken und Beobachtungen in den Roman des jungen Mannes, der David Copperfield einmal werden wird.

Parallel dazu lese ich gerade den Roman von Charles Dickens und konnte viele Szenen und Momente wiederfinden. So gibt es eine grandiose Trinkerszene, in welcher David verzweifelt feststellt, dass seine Haare betrunken seien. Der darauffolgende Theaterbesuch mit einer stark angeheiterten Männerclique ist im Zeitraffer gedreht und lässt mich unwillkürlich an Stummfilm-Szenen aus “Laurel und Hardy” denken.

Insgesamt schmilzt auf der Kinoleinwand oft zu einer einzigen Szene, was im Roman auf mehreren Seiten mit viel Humor und Charme erzählt wurde. Doch ich habe ganze Textzeilen aus dem Buch wiederentdeckt! Und die filmische Lösung ist dann oft verblüffend genial! Ianucci arbeitet sehr effektvoll mit unglaublich raschen Szenenwechseln. So sieht man beispielsweise den zehnjährigen David beim Verkorken der Flaschen in der Fabrikhalle, während er im selben Moment zum jungen Mann (Dev Patel) wird, der immer noch am selben Korkhebel steht.

Auch mochte ich sehr, wenn sich in einer Szene plötzlich eine Wand öffnet wie eine Tür, und man einen neuen Erzählraum betritt. Hochdramatische Spannung wird aufgebaut, als in eine fröhliche Runde aus Freunden und Familie im Hausboot in Yarmouth plötzlich eine riesige Hand durch die Decke stößt. In der nächsten Szene liegt der kleine David daheim auf dem Fussboden und sein überaus strenger Stiefvater entreißt ihm mit genau dieser Hand das gerade Gemalte: ein Hausboot bzw. ein Boothaus. Entweder er male ein Boot ODER ein Haus! Er möge doch nicht solchen Blödsinn machen! Dazu nickt David nur stumm –

Überhaupt ist David Copperfield schon als Junge ein Mensch mit größtem Einfühlungsvermögen und scharfem Verstand. Er ist stets voller Mitgefühl. Kaum besitzt er ja selbst etwas und gibt von dem Wenigen mit Freude ab. Diese Haltung gibt dem Film eine sehr positive Stimmung. Irgendwie ist selbst in der finstersten Tristesse ein Schimmer Hoffnung zu sehen.

Farbenfrohe außergewöhnliche Kostüme, komische Momente und skurrile Dialoge machen diesen Film zu einem großen Kino-Ereignis. Selbst die musikalische Untermalung ist positiv! Und wenn der leicht wirre Mister Dick seine Drachen steigen lässt oder wenn Mister Wickfield stark vernuschelt fragt, ob es zu früh für Sherry sei – dann bin ich einfach nur glücklich, dass ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen habe.

Abschließen möchte ich meine Rezension mit dem legendären ersten Satz des Films, welcher genau so auch in der Fischer-Taschenbuchausgabe steht (aus dem Englischen übersetzt von Gustav Meyrink):

Ob ich mich in diesem Buch zum Helden meiner eigenen Leidensgeschichte entwickeln werde oder ob jemand anders diese Stelle ausfüllen soll, wird sich zeigen.

In dieser ersten Szene sehen wir eine kleine Theaterbühne, auf welcher an einem Pult ein Autor (Dev Patel) steht, um aus seinem gerade erschienen Roman “David Copperfield” zu lesen.

Ein Cut – und wir sind im “Krähenhorst” – dem Ort seiner Geburt. Und während der Autor als Mann auf der Filmleinwand erzählt, schauen wir in eine kleine Hütte und sehen zu, wie er als kleiner Junge zur Welt kommt …

Vorhang auf für einen magischen zweistündigen Kinoabend. Hier der Trailer zum Film (Kinostart 24.09.2020):

Regie und Drehbuch von Armando Ianucci. Nach dem Roman von Charles Dickens. David Copperfield. Erstmals in der englischen Originalausgabe als Fortsetzungsroman erschienen 1849/50. Aktuell beim Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main. 2008. 1002 Seiten. 14,- €

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