Archiv der Kategorie: Neue Beiträge

Pierre Jarawan. Ein Lied für die Vermissten

jarawanEine Lesung mit Pierre Jarawan ist ein echtes Event, das man keinesfalls verpassen sollte. 2016 war ich zu der Präsentation seines Debüts “Am Ende bleiben die Zedern” in der Buchhandlung ocelot. Parallel zu seinen Geschichten über den Roman, über Beirut und den Libanon zeigte er eine spektakuläre Diashow. Schnell wurde klar – der Libanon ist ein aufregendes schönes Land voller Gegensätze. Da es so klein ist, kann man morgens in den Bergen Skilaufen und abends am Strand liegen und aufs Meer schauen!
Seitdem sind vier Jahre vergangen. Momentan finden keine Lesungen statt, ich habe aber Pierre Jarawan ein paar Fragen geschickt. Zuerst wollte ich wissen, ob ein Besuch des Libanon weiterhin lohne.
Ja, das würde es unbedingt, hatte er mir vor ein paar Tagen geantwortet. Auch wenn es aktuell natürlich schwierig sei – aber das Land ließe sich sehr leicht bereisen und hätte von Nachtleben bis Kultur und Natur viel Umwerfendes zu bieten. Weiterlesen

Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

de_vigan_dankbarkeitenMischka hat einmal als Korrektorin einer großen französischen Zeitung gearbeitet – heute fühlt sie sich “zerlöchert” und “ausgeschöpft”.
Worte und Erinnerungen entgleiten ihr, fallen ihr nicht mehr ein. So kommt es dann, dass sie “Das ist nicht nötlich” oder “Nein, dante” sagt. Sie ist dabei allerdings bei vollem geistigen Bewusstsein. Mischka spürt also, dass sie etwas verliert. Sie leidet an beginnender Aphasie – aus dem Griechischen übersetzt bedeutet es “Sprachverlust, ohne Sprache sein”. Weiterlesen

Marianengraben von Jasmin Schreiber

Marischreiber_marianengrabenanengraben ist eine rasant erzählte Geschichte mit extrem emotionaler Tiefe und einem gekonnten Mix aus Trauer und Fun. Es steckt außerdem sehr viel Lebensweisheit in diesem Roman der sehr jungen Autorin, deren Themen auch Sterbehilfe und Sterbebegleitung sind.
Erschienen ist das Buch zufällig gleichzeitig mit dem Urteil in Karlsruhe Ende Februar, welches selbstbestimmtes Sterben ab sofort möglich macht. Beihilfe zur Selbsttötung ist nicht mehr verboten.
Jetzt würde ich mich gern sofort mit Jasmin Schreiber zu diesem Thema unterhalten, denn aus dem Klappentext weiß ich – sie arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin. Diese Erfahrung spürt man. Weiterlesen

John von Düffel. Der brennende See

Düffel_Der_brennende_See_CoverWenn eine Tür sich schließt, öffnet sich immer eine nächste … diese Weisheit ist für mich Realität geworden.

Gestern früh habe ich die wundervolle Buchhandlung ocelot in Berlin Mitte als neue Kollegin im Team betreten. Hier werde ich zukünftig an einigen Tagen pro Woche arbeiten. Den anderen Teil der Woche werde ich in der Charlottenburger Buchhandlung der divan sein.

Vor einigen Wochen saß ich noch als Gast in der ersten Reihe im ocelot und stellte mir vor, wie es sein würde, hier zu arbeiten … nun liegt ein erster glücklicher Tag hinter mir. Es war am Abend des 28. Januar und John von Düffel stellte in einer Vorpremiere seinen Roman Der brennende See vor.
Und weil es ein paar Fragen gibt, die ich ihm an jenem Abend gern gestellt hätte, dies aus Zeitgründen aber dann doch nicht getan habe, beantworte ich sie mir hier einfach selbst: Weiterlesen

Ann Petry. Die Strasse

petry_die _strasseEgal, ob Lutie Johnson zu Fuß durch New York City hastet oder mit der Subway von Downtown Manhattan nach Harlem fährt – immer ist man mitten drin mit ihr in dieser aufregenden einzigartigen Metropole. Vor dem inneren Auge den Stadtplan New Yorks:

Ein kalter Novemberwind jagte durch die 116th Street. Er rüttelte an Mülltonnendeckeln, saugte Rollos aus halboffenen Fenstern und klatschte sie von außen gegen die Scheiben, und er vertrieb zwischen Seventh und Eight Avenue fast alle von der Straße, bis auf ein paar gehetzte Passanten (Seite 7).

Atmosphärisch und geradezu filmisch beginnt dieser Roman. Er bleibt es bis zum letzten Satz. Und hat man diesen schließlich gelesen, muss man sich eingestehen, dass das Ende unerwartet bitter ist (mit einem winzigen Lichtblick, immerhin). Doch es sind die 40er Jahre in Harlem in New York City. Was hatte ich erwartet? Weiterlesen

Herta Müller. Atemschaukel

müller_atemschaukelIn den vergangenen Tagen haben wir besonders intensiv an Auschwitz und an die Befreiung des Lagers am 27. Januar 1945 gedacht.
Ein weiteres trauriges Kapitel in der Geschichte Europas hat sich ebenfalls vor 75 Jahren ereignet – unzählige Kilometer entfernt im tiefsten Osten der ehemaligen Sowjetunion. Wieder rollten Güterzüge voller Menschen in Lager zur Zwangsarbeit in die Ukraine und den Ural. Diesmal auf Anweisung Stalins.
Herta Müller erzählt darüber in ihrem Roman Atemschaukel  in atemberaubenden und sprachgewaltigen Bildern. Unzählige dunkle Stunden verbringe ich in meiner warmen Wohnung, stumm und voller Demut lausche ich der Stimme von Ulrich Matthes, der eindringlich und grandios diesen Roman liest. Weiterlesen

Ginette Kolinka. Rückkehr nach Birkenau

kolinka_rückkehr_nach_birkenauMeine Enkelkinder werden wahrscheinlich keine persönlichen Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden mehr haben. Ich selbst hatte im September 2015 das ganz große Glück, Marceline Loridan-Ivens zu begegnen. Ein erschütternd schöner Moment, als sie mir ihr Buch signiert hat. Auch meine beiden Söhne haben in der Schule noch Überlebende des Holocaust kennen gelernt. Von einem Besuch des Autors Sally Perel besitze ich ein signiertes Exemplar des Buches Ich war Hitlerjunge Salomon. Mit elegantem Schriftzug und einem freundlichen „Shalom“. Mein Sohn hatte es mir im Januar 2003 geschenkt.

Eine der ältesten Überlebenden ist Ginette Kolinka. Sie ist heute 95 Jahre alt, Jahrzehnte hat sie geschwiegen, bevor sie dieses schmale Buch schrieb.
Sie lebt in Paris und begleitet regelmäßig Schulklassen nach Auschwitz und Birkenau. Weiterlesen