Archiv der Kategorie: Neue Beiträge

Gary Shteyngart. Willkommen am Lake Success

shteyngart_lake_successBarry Cohen ist auf der Flucht vor der Börsenaufsicht. Er ist ein “Hedgi” und nicht ganz unschuldig am steilen Fall des Fonds This Side of Capital. Hektisch verlässt er die New Yorker Glitzerwelt, seine Frau Seema und den gemeinsamen Sohn Shiva. Nachdem er noch Karuizawa Whisky im Wert von zwanzigtausend Dollar getrunken hat, taumelt er …

… in den Busbahnhof der Port Authority an der Südspitze Manhattans. Er war sichtlich betrunken und blutete. Über seiner linken Augenbraue klaffte ein sauberer Schnitt, der vom Fingernagel des Kindermädchens stammte, und von seiner Frau hatte er einen tränenförmigen Kratzer unterm Auge … Für die Polizei sah er wie der typische New Yorker aus. Ein blutender Mann, vom Nachtschweiß strähniges Haar … (Seite 7).

Barry steigt in einen Bus der Greyhound-Linie, um quer durch Amerika zu reisen. Es ist der Sommer 2016 – Donald Trump ist Kandidat für die Wahl zum Präsidenten. Weiterlesen

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Harstad. Max, Mischa & …

harstad_max_mischa_und_die Ted-offensiveWie soll man über einen Roman schreiben, der mehr als 1.200 Seiten umfasst? Ich habe mir gedacht: so kurz wie möglich. Denn dieses Buch muss man selbst lesen. Idealerweise unbefangen und unvorbereitet.

Johan Harstad ist ein norwegischer Autor, geboren in Stavanger. Hier erlebt auch Max Hansen seine Kindheit. Besonders beliebt sind Kriegsspiele, inspiriert durch Coppolas Vietnam-Film Apocalypse Now aus dem Jahr 1979. Max ist elf Jahre alt, als er diesen Film das erste Mal sieht. Szenen daraus ziehen sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman. Warum ich auch hier beim Schreiben gerade The Doors mit ihrem unvergesslichen Song The End höre. Apocalypse Now und The End – das bildet für mich irgendwie eine Einheit. Und jetzt gehört auch Harstads Roman dazu. Weiterlesen

Philippe Lançon. Der Fetzen

Lançon_Der_FetzenKaum habe ich dieses Buch zugeschlagen, da vermisse ich es bereits. Ich habe das Gefühl, ich hätte mich gerade stundenlang mit Philippe Lançon über Literatur und Musik unterhalten. Über Kafkas Briefe an Milena, Thomas Manns Der Zauberberg und über Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust (Lançons ständige Begleiter und Lebensretter). Und immer wieder über Bachs Goldberg-Variationen (Glenn Gould) oder Das wohltemperierte Klavier (Svjatoslav Richter). Die Musik von Bach schenkte ihm Erleichterung wie die tägliche Dosis Morphium:
Ja, mehr als das: Sie machte jeden Ansatz einer Klage, jedes Gefühl von Ungerechtigkeit und jede Fremdheit des Körpers zunichte. Bach senkte sich über das Zimmer und das Bett und mein Leben, über die Krankenschwestern und ihre Wagen. Er hüllte uns ein. Im Leuchten seiner Klänge zeichnete sich jede einzelne Geste ab, und der Friede, ein besonderer Friede machte sich breit (Seite 280). Weiterlesen

Doris Knecht. weg

knecht_weg_Eigentlich ein Luxusproblem. Zumindest in Asien. Zumindest in einer Millionenmetropole wie Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt). Ein Kind finden. Um die halbe Welt zu fliegen, um eine Tochter zu finden!
Heidi sieht um sich herum so viel Armut, so viele Menschen, die am Existenzminimum leben. Für sie muss es purer Luxus sein, was Heidi hier tut. Zusammen mit dem Kindesvater Georg, mit dem sie nichts verbindet. Nie verbunden hat! Außer dieser Moped-Tour damals … ohne welche sie nie eine gemeinsame Tochter Charlotte hätten. Sie haben es dann noch kurze Zeit als Paar versucht. Es hat nicht funktioniert. Weiterlesen

Deine kalten Hände von HAN KANG

kang_deine_kalten_händeJang Unhyong ist Bildhauer. Er arbeitet ausschließlich mit Gips. Seine Plastiken entstehen aus der Abformung von Körpern. Anders als bei Totenmasken, nimmt Unhyong seine Abdrücke ausschließlich von lebenden Menschen. Seine Skulpturen sind beklemmend und seltsam.
Begegnet man ihm, dann wirkt er wie ein ganz gewöhnlicher, netter Mann. Ende dreißig, schlank und mit Lachfältchen. Doch blickt man tief in Unhyongs Augen, so entdeckt man dort etwas Unheimliches. Eine seiner Besonderheiten ist, dass er Schönheit dort sieht, wo niemand welche findet. Es sind die Aussenseiter, die ihn faszinieren: Als schön empfand ich, was mich elektrisierte … was ich als schön empfand, war für andere ungewöhnlich oder gar abnorm oder etwas, womit sie möglichst nicht in Kontakt kommen wollen (Seite 86).
So verliebt er sich in die zarten kleinen Hände des absolut übergewichtigen Mädchens L. Später wird ihn auch ihr Körper zutiefst faszinieren. Weiterlesen

Annie Ernaux. Die Jahre

img_4614Als Studentin träumt Annie Ernaux davon, ein ganz besonderes Buch zu schreiben. Mysteriöse Dinge würde sie darin ausdrücken und eine neue überraschende Sprache finden wollen. Lange Zeit bleibt es bei ihrem Traum. Und es braucht tatsächlich ein ganzes Leben für dieses Buch (Les Années ist 2008 in Frankreich und Die Jahre 2017 bei Suhrkamp erschienen). Ein ganzes weiteres Jahr braucht es, dass ich es lese … Weiterlesen

Im Dunkel der Erinnerung: Andrè Herzberg und Christian Berkel

Ich würde gern für ein paar Stunden an den Anfang des vorigen Jahrhunderts reisen. Um durch alte Berliner Bezirke zu schlendern, um Schöneberg im Jahr 1920, Kreuzberg in den Dreißiger oder Prenzlauer Berg in den Fünfziger Jahren zu erleben. Ich würde ebenso gern im Zeitraffer all die Menschen sehen, die in den vergangenen Jahrzehnten in den von mir bewohnten Berliner Altbauzimmern gelebt haben …

Auf Zeitreisen dieser Art entführten mich die Romane In Zeiten des abnehmenden Lichts und Ab jetzt ist Ruhe von Eugen Ruge und Marion Brasch. Doch da mein Hunger nach Geschichten mit historischem Fokus nie endet, habe ich aktuell mit den Romanen Der Apfelbaum und Was aus uns geworden ist zwei neue Lieblingsbücher. Beide könnten unterschiedlicher kaum sein. Gleichzeitig aber verbindet sie so viel, spielen sie doch ganz oder teilweise im historischen Berlin. Beide Autoren erzählen die Geschichten ihrer jüdischen Eltern oder eines jüdischen Elternteils. Doch während Christian Berkels Roman die Geschichte einer großen Liebe ist, geht es bei André Herzberg um sechs in der DDR geborene Menschen und deren Suche nach Identität. In Jakob – eine der Romanfiguren – glaube ich, den Autor selbst zu erkennen. Weiterlesen