Franziska Hauser. Die Glasschwestern

glasschwesternDunja und Saphie sind Zwillingsschwestern. Bisher gab es in ihren Leben selten Übereinstimmungen. Bis zu jenem Tag im Januar, als beide eine Todesnachricht erhalten. Dunjas Mann Winne hat sich beim Sturz vom Baugerüst das Genick gebrochen und Saphies Mann Gilbhart erlitt einen tödlichen Herzinfarkt auf dem Hometrainer.
Während Dunjas Trauer nicht allzu groß ist, da sie seit einiger Zeit von Winne getrennt lebt, ist Saphie zumindest irritiert und verwirrt. Gemeinsam mit Gilbhart hatte sie das kleine Hotel im Dorf ihrer Kindheit geführt. Die Ehe war nicht mehr allzu glücklich, ihr Mann hatte ein Alkoholproblem und war keine wirkliche Hilfe. Doch nun steht sie komplett allein da. Da taucht Dunja mit ihren erwachsenen Kindern Augusta und Jules auf, um im Hotel vorübergehend zu wohnen.

Man könnte Die Glasschwestern einen typischen Familienroman nennen, würde damit der Geschichte aber nicht gerecht werden. Denn es steckt so viel mehr drin, erstreckt sich doch der zeitliche Rahmen des gesamten Geschehens über etwa 40 Jahre.
Ein zu DDR-Zeiten unter der grünen Grenze gegrabener Tunnel in den Westen ist noch immer geheimnisumwoben. Alte Geschichten über den Glasbläser-Vater der Mädchen und seine bulgarische Frau wechseln sich ab mit neuestem Dorf-Tratsch der reichen Hausfrauen in der Sauna.
Gleichzeitig droht der nahe See auszutrocknen und die Landschaft zu versteppen. Tochter Augusta wird als Klimaaktivistin verhaftet.

In das aktuelle Geschehen rund um das Hotel lässt Franziska Hauser zusätzlich zu den Kindheitserinnerungen auch Träume der Schwestern in die Geschichte einfließen. Träume, die von den unbewussten Ängsten und Wünschen der beiden erzählen.
Saphie konnte nie loslassen, wollte immer absolut perfekt funktionieren. Was ihr über viele Jahre auch gelang. Mit dem Tod ihres Mannes jedoch ändert sich alles und sie stellt sich die Frage, ob sie dieses Hotel überhaupt noch will.
Dunja übernimmt ganz allmählich die Rolle der Chefin, denn der Betrieb muss weitergehen!
Und dann ist da außerdem Jorge, den sie aus der Schulzeit noch kennt. Und die Streuobstwiese mit dem kleinen Gartenhaus, die zum Verkauf angeboten wird. Und die Stille und der Wald und die gute Luft!
Allmählich spürt Dunja, die immer weg gewesen ist, dass das Dorf ihr Zuhause sein könnte.

Als Saphie schließlich den kleinen Labradormischling Hewimann geschenkt bekommt, muss sie neue Verantwortung übernehmen und dann steht ihr plötzlich ein Wohnmobil unbegrenzt zur Verfügung. Plötzlich bekommt sie Fernweh. Und wollte sie nicht eigentlich immer schon weg? War es nicht ein dummer Zufall, dass sie damals den letzten Zug um wenige Minuten verpasst hatte, als sie als Teenager spontan abhauen wollte? Saphies Veränderung vollzieht sich ganz langsam, überschreitet aber eines Tages einen entscheidenden Punkt:

“Sie will keine Verantwortung mehr tragen, keine Entscheidungen mehr treffen, keine Abläufe mehr kontrollieren” (Seite 365). Der nächste logische Schritt wäre, jetzt loszufahren … Aber einfach den ganzen Tag nichts tun? Saphie weiß nicht, wie das gehen soll, einfach eine Reise zu machen. Sie kann es sich einfach nicht vorstellen.

Franziska Hauser macht einem das Lesen nicht ganz leicht. Immer wieder tauchen neue Gedanken oder Träume ihrer Figuren auf, die nicht jedes Mal einen Sinn ergeben.
Was mir aber sehr gefiel und warum ich den Roman dann doch sehr mochte – sie spürt darin der Frage nach, was der Verlust eines nahen Menschen mit uns macht, welche Potenziale in uns schlummern und wie wir uns aus alten Verstrickungen befreien können. In beiden Schwestern mit ihrem Wunsch nach Veränderung kann man sich ganz wundervoll selbst entdecken. Ein leiser, ruhiger und sehr erfrischender Roman. Fast möchte ich sagen, wie ein perfekter Tag auf dem Land, wo die Stunden ohne große Hektik langsam und gleichmäßig verstreichen. Wo man den Schwalben beim Segeln zuschaut, einen schwarzen faulen Kater streichelt oder dem Rauschen des Windes in den Zweigen einer alten Kastanie lauscht und abends am Feuer sitzt und einfach nur in die lodernde Glut schaut …

Franziska Hauser. Die Glasschwestern. Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG. Köln 2020. 429 Seiten. 22,-€. auch als eBook

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