Schlagwort-Archive: USA

American War – düster, melancholisch und voll flammender Kraft

el_akkad_american_warBeim Lesen von American War stellt sich bei mir das Gefühl ein, alles sei ganz ohne Farbe. Als würde ich einen alten Schwarz-Weiß-Film mit braunen Tönungen schauen. Da ist immer wieder das morastige Wasser des nahen Flusses, da ist die Hütte der Familie Chestnut (selbst die tropfende Wäsche auf der Leine besteht aus unauffälligen Kleidungsstücken in weiß und beige), da sind die trostlosen Weiten Amerikas. Kein Grün. Kein Leuchten. Keine Hoffnung. Es ist das Jahr 2074 und zwischen den Nord- und den Südstaaten Amerikas herrscht Krieg. In all dieser Tristesse leuchtet eine kleine Heldin. Mutig, entschlossen und wild. Sara T. Chestnut. Allein wegen ihr lohnt sich diese Story.  Weiterlesen

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Imbolo Mbue. Das geträumte Land

mbue_das_getraumte_landEinige Tage lang habe ich vier außergewöhnliche Menschen durch New York begleiten können. Es wurde geliebt und gelacht, getrunken und gestritten. Ich habe viel erfahren über Familie und Zusammenhalt in schweren Zeiten. Wo es manchmal einfacher gewesen wäre, wegzulaufen oder sich für immer zu trennen. Es wurden Entscheidungen mit enormem Weitblick getroffen, die ich gar nicht erwartet hatte und die dann doch einleuchtend waren. Das geträumte Land hat mich am Ende sehr überrascht. Irgendwie hatte ich ganz eigene Vorstellungen und Wünsche für die Story. Und ganz besonders für Neni Jonga …  Weiterlesen

Nächte totenstill und totschwarz – McCarthy. Die Straße

mccarthy_die_strasseEigentlich wollte ich das traurige Jahr 2016 mit diesem düster-melancholischen Buch beenden. Wie passend, hatte ich mir gedacht. Ich begann mit dem Lesen. Düstere Endzeitstimmung! Mir fehlte dann doch die Kraft …
Heute ist der 22. Januar und das Buch liegt neben mir. Ja, ich habe es nun ausgelesen, wollte wissen, wie es endet. Diese Vater-Sohn-Geschichte hatte mich irgendwie vom ersten Satz an berührt und einfach nicht losgelassen. Wie sich beide durch dieses völlig zerstörte und in Asche gehüllte Amerika schleppen. Keine Sonne. Nur graue Tristesse. Die Nächte totenstill und totschwarz. So kalt. (S. 241).
Der Plan, nach Süden ans Meer zu gehen sowie die damit verbundene Hoffnung, geben Vater und Sohn Kraft. Ob das Meer blau sei, fragt der Junge. Der Vater weiß nur, dass es früher blau war. Früher, als es noch Möwen und Fische gab –  Weiterlesen

David Vann. Aquarium

vann_aquariumIch träume mich weit weg mit diesem Roman. Zu Caitlin nach Nordamerika, in die dunklen sparsam beleuchteten Gänge des Großaquariums und zu den faszinierenden stummen Wesen hinter Glas, die dort ruhig und gelassen ihre Bahn ziehen. Bunt schillernd, urzeitlich und bizarr.

Caitlin ist ein zwölfjähriges Mädchen, das all seine Freizeit im Aquarium in Seattle verbringt. Hier fühlt sie sich wie in einem U-Boot in ungeheurer Tiefe. Wenn sie dann die faszinierende Unterwasserwelt verlässt, betritt sie die reale Welt der grau-matschigen Großstadt. Dort wartet sie auf ihre Mutter, die in ihrem Thunderbird selten pünktlich ist. Der kindliche Traum von einer Zukunft weit weg aus diesem Leben verwundert deshalb wenig:

Ich würde später mal Ichtyologin werden. Ich würde in Australien leben oder Indonesien oder Belize oder am Roten Meer. Und fast den ganzen Tag in diesem warmen Wasser tauchen. Ein Fischbecken, das sich Tausende von Meilen erstreckte. Im Aquarium kamen wir ja nicht zu ihnen (S. 14).  Weiterlesen

Dorothy Baker. Zwei Schwestern

Baker_Zwei_SchwesternZusammen sind sie 48 Jahre alt – die Zwillingsschwestern Cassandra und Judith Edwards. In wenigen Tagen würde Judith heiraten. Es ist der 21. Juni und Cass fährt zügig los in Berkely, drückt richtig auf die Tube, um rechtzeitig am Abend auf der Ranch bei ihrer Familie anzukommen. Es würde glühend heiß sein zu Hause und es würde schön sein, sie alle wiederzusehen. Hund, Katze, Dad, Granny und … Judith. Ihre Mom war vor drei Jahren überraschend gestorben. Den Bräutigam kannte Cass nicht. Hieß er Lynch oder Finch? Und konnte Cass zulassen, dass Judith einen unbekannten Medizinstudenten aus New York heiratete und damit das unsichtbare Band zerriss, dass die beiden eineiigen Zwillinge in ihrem bisherigen Leben aufs Engste miteinander verbunden hatte?  Weiterlesen

Patricia Highsmith. Carol oder Salz und sein Preis

Highsmith_Carol_oder_Salz_und_sein_PreisDer Sommer boomt, die Hitze in der Großstadt ist kaum noch auszuhalten. Warum also die Gedanken nicht mal wandern lassen an einen kühleren Ort und in eine andere Zeit … Vorweihnachtliche Stimmung im New York der 50er Jahre. Um sich ein wenig Geld dazu zu verdienen, arbeitet Therese in der Spielzeugabteilung eines Kaufhauses. Übermächtig lastet auf ihr das Sinnlose ihrer Tätigkeit. Sie hat das Gefühl, dieser Job mit seiner hoffnungslosen Tristesse hindere sie daran, das zu tun, was sie eigentlich gern tun würde. Sie ist Bühnenbildnerin und entwickelt mit großer Leidenschaft Modelle für Theaterbühnen. Doch fehlt ihr die Zeit für Kreativität. Auch macht ihre Beziehung mit Richard sie nicht glücklich. Er ist gut zu ihr und manchmal war ihr, als wäre sie verliebt … Doch diese Empfindung hatte keine Ähnlichkeit mit dem, was sie über die Liebe gelesen hatte. Die Liebe galt als eine Art seligen Irrsinns (S. 42). Und wenn sie die Arme um Richard legte, dann kam sie sich gehemmt und töricht vor, als würde sie einen Baumstamm umarmen (S. 35).

In all dieser sinnlosen Tristesse steht eines Tages Carol vor ihr. Weiterlesen

Anna Quindlen. Ein Jahr auf dem Land

Quindlen_Ein_Jahr_auf_dem_LandStill life with bread crumbs – so ist der Originaltitel dieses wundervollen Romans, in welchem es auch um Fotografie und um Stillleben geht. Irgendwie gefällt er mir besser, als der Titel der deutschen Übersetzung und tatsächlich dachte ich zuerst, hm, noch ein Apfelbuch, schaute aber glücklicherweise mal rein in die Story und … begegnete einer ganz außergewöhnlichen und mir schnell sehr vertrauten Romanfigur: Rebecca Winter, Fotografin in New York.

Beim Lesen fühlt es sich an, als hätte auch ich eine Fotokamera in der Hand und würde mich mit jedem Kapitel näher an Rebecca heran zoomen. Zuerst beobachte ich sie aus gesicherter Entfernung mit einem Teleobjektiv. Ich sehe eine dunkelhaarige, zierliche Frau, ca. 60 Jahre. Ihre Schulter gleicht einer weichen, weißen Landschaft, so verschwommen sind die Konturen. Assoziationen zu Wüsten- und Sandbildern entstehen. Rebecca selbst hat manchmal solche Bilder gemacht. Immer in Schwarzweiß. Nie in Farbe! Weiterlesen