Schlagwort-Archive: USA

Zwischen Verrücktheit und Wahnsinn – Lisa Halliday und ihr Roman Asymmetrie

img_4058Oft entscheide ich nach einem kurzen Blick auf den Anfang eines Romans – will ich das sofort lesen oder versuche ich es später erneut. Bei Lisa Halliday war klar: Lesen! Jetzt! Allein das coole Cover mit der zersplitterten Ansicht von New York fasziniert mich. Schließlich packt die Geschichte um die 25-jährige New Yorker Lektorin Alice und den viel älteren Autor Ezra Blazer mich mit den ersten Sätzen:

Alice wurde es langsam leid, so allein herumzusitzen und nichts zu tun zu haben: Immer wieder mal warf sie einen Blick in das Buch auf ihrem Schoß, doch es waren fast nur lange Absätze und keinerlei Anführungszeichen darin, und was lässt sich schon mit einem Buch anfangen, dachte Alice, in dem es keine Anführungszeichen gibt?
Daher überlegte sie gerade (so gut es eben ging, denn es war nicht ihre Stärke, Dinge zu Ende zu bringen), ob sie wohl eines Tages selbst ein Buch schreiben sollte … (Seite 11).

Ihre Gedanken werden unterbrochen, als ein Mann mit Eiswaffel auf sie zu tritt und ein Gespräch mit Alice beginnt. Es ist der bekannte amerikanische Autor Ezra Blazer. Er ist 72 Jahre alt. Weiterlesen

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Angie Thomas, James Baldwin, Tupac & more

thomas_the_hateNachdem ich vor ein paar Tagen endlich den Film I am not your negro (Regie Raoul Peck) mit James Baldwin gesehen habe, ist mir das Jugendbuch The Hate U Give wieder eingefallen. Habe ich dazu bisher gar nichts geschrieben? Es hat mich doch wahnsinnig aufgewühlt, mich wütend und glücklich zugleich gemacht. Meine Gedanken rasen hin und her zwischen James Baldwin und Angie Thomas. Baldwins Worte über die Sechziger Jahre in den USA und die Dokumentaraufnahmen von prügelnden Cops ähneln so sehr der Geschichte um das schwarze Mädchen Starr Carter und ihren Freund Kahlil in der heutigen USA.  Weiterlesen

Spannend, dystopisch und leise hoffnungsvoll – Der Report der Magd

atwood_der_report_der_magdWenn man einen Roman nach vielen (sehr vielen!) Jahren erneut liest, dann begegnet man irgendwie auch einer jüngeren Version seiner selbst. Ich sehe mich, wie ich damals erschüttert und mit Schauern der Angst das Schicksal Desfreds verfolgte. Erinnerten mich doch viele Passagen an die gerade untergegangene DDR. Abweichler vom vorgegebenen System werden bestraft. Orangen sind rar. Mauern sind mit Stacheldraht gesichert …

Heute bin ich einfach extrem fasziniert, wie sehr Margaret Atwood schon 1985 (Erscheinungsjahr des englischen Originals) gesellschaftliche und politische Strömungen erahnen konnte und diese ins Zentrum ihres Romans stellt. Mit coolem Weitblick schaut sie aus den Achtziger Jahren des 20. in die Zwanziger Jahre des heutigen Jahrhunderts. Weiterlesen

Queer gelesen: Unerklärlich logisch und hoch emotional

saenz_die_unerklärliche_logikIst irgend eine Situation kritisch oder gefährlich, dann heißt es bei Sam und Sal: No bueno. Nur diese zwei Worte. Weil beider Leben nicht einfach ist, kommt es ziemlich oft vor, dass sie diese zwei Worte sagen. Ihre richtigen Namen sind Salvador und Samantha, sie leben in El Paso in Texas und sind 17 Jahre alt. Sie reden über fast alles – per SMS oder real, sie fluchen, lachen und weinen gemeinsam. Best friends.
Ein weiterer wichtiger Mensch in Sals Leben ist sein schwuler Dad Vicente. Weswegen er in der Schule manchmal angemacht und “Schwuchtel” genannt wird.
Manchmal schlägt Sal dann zu – ohne Nachzudenken. Er weiß, dass das nicht okay ist. Und er versucht zu lernen, zwischen sich und seinen Schlagreflex einen bewussten Gedanken zu stellen. Was manchmal funktioniert. Ob diese Wut im Bauch und der Wunsch, zu schlagen, von seinem biologischen Vater kommen? Sal hat ihn nie kennen gelernt. Auch an seine Mom kann er sich nicht erinnern. Diese Geheimnisse sollen erst am Ende dieses dramatischen und sehr emotionalen Jugendromans gelöst werden.  Weiterlesen

American War – düster, melancholisch und voll flammender Kraft

el_akkad_american_warBeim Lesen von American War stellt sich bei mir das Gefühl ein, alles sei ganz ohne Farbe. Als würde ich einen alten Schwarz-Weiß-Film mit braunen Tönungen schauen. Da ist immer wieder das morastige Wasser des nahen Flusses, da ist die Hütte der Familie Chestnut (selbst die tropfende Wäsche auf der Leine besteht aus unauffälligen Kleidungsstücken in weiß und beige), da sind die trostlosen Weiten Amerikas. Kein Grün. Kein Leuchten. Keine Hoffnung. Es ist das Jahr 2074 und zwischen den Nord- und den Südstaaten Amerikas herrscht Krieg. In all dieser Tristesse leuchtet eine kleine Heldin. Mutig, entschlossen und wild. Sara T. Chestnut. Allein wegen ihr lohnt sich diese Story.  Weiterlesen

Imbolo Mbue. Das geträumte Land

mbue_das_getraumte_landEinige Tage lang habe ich vier außergewöhnliche Menschen durch New York begleiten können. Es wurde geliebt und gelacht, getrunken und gestritten. Ich habe viel erfahren über Familie und Zusammenhalt in schweren Zeiten. Wo es manchmal einfacher gewesen wäre, wegzulaufen oder sich für immer zu trennen. Es wurden Entscheidungen mit enormem Weitblick getroffen, die ich gar nicht erwartet hatte und die dann doch einleuchtend waren. Das geträumte Land hat mich am Ende sehr überrascht. Irgendwie hatte ich ganz eigene Vorstellungen und Wünsche für die Story. Und ganz besonders für Neni Jonga …  Weiterlesen

Nächte totenstill und totschwarz – McCarthy. Die Straße

mccarthy_die_strasseEigentlich wollte ich das traurige Jahr 2016 mit diesem düster-melancholischen Buch beenden. Wie passend, hatte ich mir gedacht. Ich begann mit dem Lesen. Düstere Endzeitstimmung! Mir fehlte dann doch die Kraft …
Heute ist der 22. Januar und das Buch liegt neben mir. Ja, ich habe es nun ausgelesen, wollte wissen, wie es endet. Diese Vater-Sohn-Geschichte hatte mich irgendwie vom ersten Satz an berührt und einfach nicht losgelassen. Wie sich beide durch dieses völlig zerstörte und in Asche gehüllte Amerika schleppen. Keine Sonne. Nur graue Tristesse. Die Nächte totenstill und totschwarz. So kalt. (S. 241).
Der Plan, nach Süden ans Meer zu gehen sowie die damit verbundene Hoffnung, geben Vater und Sohn Kraft. Ob das Meer blau sei, fragt der Junge. Der Vater weiß nur, dass es früher blau war. Früher, als es noch Möwen und Fische gab –  Weiterlesen