Schlagwort-Archive: New York

New York Ghost von Ling Ma

Immer wieder mal werde ich gefragt, ob ich hier gar nichts mehr schreibe. Und meist antworte ich dann, dass ich jetzt mehr auf Instagram unterwegs bin. Das wird auch so bleiben. Oft fehlt mir einfach die Zeit für eine ausführliche Rezension. Da aber einige unter euch weder auf Instagram noch auf Facebook sind, werde ich auch hier immer mal kurze Rezensionen posten. Wer mir auf den genannten Plattformen folgt, wird allerdings nicht viel Neues finden.

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Harstad. Max, Mischa & …

harstad_max_mischa_und_die Ted-offensiveWie soll man über einen Roman schreiben, der mehr als 1.200 Seiten umfasst? Ich habe mir gedacht: so kurz wie möglich. Denn dieses Buch muss man selbst lesen. Idealerweise unbefangen und unvorbereitet.

Johan Harstad ist ein norwegischer Autor, geboren in Stavanger. Hier erlebt auch Max Hansen seine Kindheit. Besonders beliebt sind Kriegsspiele, inspiriert durch Coppolas Vietnam-Film Apocalypse Now aus dem Jahr 1979. Max ist elf Jahre alt, als er diesen Film das erste Mal sieht. Szenen daraus ziehen sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman. Warum ich auch hier beim Schreiben gerade The Doors mit ihrem unvergesslichen Song The End höre. Apocalypse Now und The End – das bildet für mich irgendwie eine Einheit. Und jetzt gehört auch Harstads Roman dazu. Weiterlesen

Ein Baum wächst in Brooklyn von Betty Smith

smith_baum_wächst_in_brooklyn_insta1901 erblickt in Brooklyn die kleine Frances Nolan das Licht der Welt. Ein Jahr später folgt Bruder Neeley. Ihre Eltern Katie und Johnny sind jung, viel zu jung! Sie geben ihr Bestes, doch die Zeiten sind schlecht und immer ist zu wenig Geld da. Deswegen erzählt aber Ein Baum wächst in Brooklyn keine düstere Geschichte. Traurige Szenen kommentiert die Autorin mit lustigen, manchmal sarkastischen Worten und findet insgesamt einen sehr stimmungsvollen, einen heiteren Ton. Und genau so beginnt diese Geschichte: “Heiter” war ein Wort, das auf Brooklyn, New York, passte. Zumal im Sommer 1912 … zumal an einem Samstagnachmittag im Sommer. Am Spätnachmittag schien die Sonne schräg in den vermoosten Garten, der zu Francie Nolans Haus gehörte (Seite 9).  Weiterlesen

Das passt in jeden Koffer – Bücher für den Sommer

Als Buchhändlerin habe ich immer wieder die große Chance, aktiv mit daran beteiligt zu sein, ein Debüt durchzusetzen. Das ist extrem spannend und unglaublich schön. Ein unbändiges Glücksgefühl empfinde ich jedesmal neu, wenn ich eins dieser Bücher dann Monate später als Taschenbuch in der Hand halte und es erneut mit Leidenschaft empfehlen kann. Als Urlaubslektüre beispielsweise, weil ein Taschenbuch noch immer in jeden Koffer passt. Geschichten voll sprachlicher Schönheit und außergewöhnlichen Inhalts erzählen diese drei wundervollen Autorinnen:

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Freundschaft bedeutete, sich geehrt zu fühlen …

yanagihara_portrat… dass man einen anderen in seiner größten Verzweiflung auffangen durfte, und zu wissen, dass man selbst in seiner Gegenwart verzweifelt sein durfte (Seite 303).

Yanagiharas Roman ist ja ein ganz großes Buch über Freundschaft, ein Buch über das man mit guten Freunden reden will (und sollte). Ich möchte Euch daher an dieser Stelle ein Gespräch mit zwei befreundeten Buchhändlerinnen empfehlen. Maria von der Buchhandlung ocelot, die Klappentexterin und ich spürten, ohne dieses gemeinsame Reden funktioniert Yanagiharas Roman einfach nicht.  Hat das Lesen des Buches uns 100 % glücklich gemacht? Ist es eine Story mit Hoffnung auf ein Happy End? Wieviel Schmerz darf eine Autorin ihren Lesern zumuten? Wir  waren uns nicht immer einig. Ganz besonders, als es um den Schmerz und die Düsternis in der Story ging. Maria sagt in dem Gespräch sogar, ich habe das Buch einmal entsetzt gegen die Wand gepfeffert, ich glaube, es löst in vielen Leuten was Tiefes aus. Stimmt schon – manchmal war auch ich verzweifelt, brauchte ein Glas Wein oder einen langen Spaziergang, um Judes Geschichte weiter lesen zu können.

Einig waren wir uns allerdings darin – es ist ein ganz großes Buch, möglicherweise DAS Buch des Jahres. Und ganz sicher ein Buch, über das alle sprechen wollen, die es lesen. Nachzulesen im Literarischen Talk. Weiterlesen

Über Bücher, Bookstores und schöne Zufälle

Im Dezember schaue ich auf meinem Sofa bei Tee und Gebäck gern ältere Filme, die ich bereits kenne. Sie bewegen mich jedes mal neu. Am liebsten sind mir Geschichten, die mit Büchern und/oder kleinen Buchhandlungen/Antiquariaten zu tun haben. Drei meiner absoluten Favoriten sind deshalb:

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Sylvia Plath. Die Glasglocke

plath_die_glasglockeIhr Ton ist schnodderig, kühl, manchmal frech. Scheinbar emotionslos. Esther Greenwood ist aber weder kühl noch unsensibel. Sie ist ein „kleines Mädchen“ in der großen Stadt. 1953 kommt sie für ein Volontariat bei einer angesehenen Modezeitschrift aus Boston nach New York. Sie will sich perfekt verhalten, will alles richtig machen. Doch hinter ihrer Coolness und dem schnodderigen Ton verbirgt sich eine extrem empfindsame Seele. So empfindsam, dass Esther eines Tages zu Tabletten greift. Sie leidet unter einer schweren Depression, hat das Gefühl, unter einer Glasglocke zu sitzen, in welcher sich der Dunst wie Watte um sie schiebt, bis sie sich nicht mehr rühren kann. Den Vorschlag ihrer Mutter, zu verreisen, lehnt sie ab, denn … egal, wo ich saß – ob auf dem Deck eines Schiffes oder in einem Straßencafé in Paris oder Bangkok -, immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst (S. 200).  Weiterlesen

Patricia Highsmith. Carol oder Salz und sein Preis

Highsmith_Carol_oder_Salz_und_sein_PreisDer Sommer boomt, die Hitze in der Großstadt ist kaum noch auszuhalten. Warum also die Gedanken nicht mal wandern lassen an einen kühleren Ort und in eine andere Zeit … Vorweihnachtliche Stimmung im New York der 50er Jahre. Um sich ein wenig Geld dazu zu verdienen, arbeitet Therese in der Spielzeugabteilung eines Kaufhauses. Übermächtig lastet auf ihr das Sinnlose ihrer Tätigkeit. Sie hat das Gefühl, dieser Job mit seiner hoffnungslosen Tristesse hindere sie daran, das zu tun, was sie eigentlich gern tun würde. Sie ist Bühnenbildnerin und entwickelt mit großer Leidenschaft Modelle für Theaterbühnen. Doch fehlt ihr die Zeit für Kreativität. Auch macht ihre Beziehung mit Richard sie nicht glücklich. Er ist gut zu ihr und manchmal war ihr, als wäre sie verliebt … Doch diese Empfindung hatte keine Ähnlichkeit mit dem, was sie über die Liebe gelesen hatte. Die Liebe galt als eine Art seligen Irrsinns (S. 42). Und wenn sie die Arme um Richard legte, dann kam sie sich gehemmt und töricht vor, als würde sie einen Baumstamm umarmen (S. 35).

In all dieser sinnlosen Tristesse steht eines Tages Carol vor ihr. Weiterlesen

Anna Quindlen. Ein Jahr auf dem Land

Quindlen_Ein_Jahr_auf_dem_LandStill life with bread crumbs – so ist der Originaltitel dieses wundervollen Romans, in welchem es auch um Fotografie und um Stillleben geht. Irgendwie gefällt er mir besser, als der Titel der deutschen Übersetzung und tatsächlich dachte ich zuerst, hm, noch ein Apfelbuch, schaute aber glücklicherweise mal rein in die Story und … begegnete einer ganz außergewöhnlichen und mir schnell sehr vertrauten Romanfigur: Rebecca Winter, Fotografin in New York.

Beim Lesen fühlt es sich an, als hätte auch ich eine Fotokamera in der Hand und würde mich mit jedem Kapitel näher an Rebecca heran zoomen. Zuerst beobachte ich sie aus gesicherter Entfernung mit einem Teleobjektiv. Ich sehe eine dunkelhaarige, zierliche Frau, ca. 60 Jahre. Ihre Schulter gleicht einer weichen, weißen Landschaft, so verschwommen sind die Konturen. Assoziationen zu Wüsten- und Sandbildern entstehen. Rebecca selbst hat manchmal solche Bilder gemacht. Immer in Schwarzweiß. Nie in Farbe! Weiterlesen

Paul Auster. Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte. Hörbuch gesprochen von Christian Brückner

Auggie Wren

Der Schriftsteller und Ich-Erzähler Paul kauft seit mehr als 10 Jahren seine holländischen Zigaretten in dem kleinen Laden von Auggie Wren in Brooklyn im New York der 80er Jahre.

Auggie im blauen Kapuzenshirt und mit seinen Stapeln von Fotoalben, in denen er täglich die Ecke Atlantik Avenue/Clinton Street dokumentiert, erinnert mich schnell an den Film Smoke – und ja! Meine Vermutung bestätigt sich, als ich auf dem Hörbuchcover lese, dass der Film aus Auggie Wren’s Christmas Story (1990 by Paul Auster) entstanden ist.  Weiterlesen