Schlagwort-Archive: Sterbehilfe

Marianengraben von Jasmin Schreiber

Marischreiber_marianengrabenanengraben ist eine rasant erzählte Geschichte mit extrem emotionaler Tiefe und einem gekonnten Mix aus Trauer und Fun. Es steckt außerdem sehr viel Lebensweisheit in diesem Roman der sehr jungen Autorin, deren Themen auch Sterbehilfe und Sterbebegleitung sind.
Erschienen ist das Buch zufällig gleichzeitig mit dem Urteil in Karlsruhe Ende Februar, welches selbstbestimmtes Sterben ab sofort möglich macht. Beihilfe zur Selbsttötung ist nicht mehr verboten.
Jetzt würde ich mich gern sofort mit Jasmin Schreiber zu diesem Thema unterhalten, denn aus dem Klappentext weiß ich – sie arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin. Diese Erfahrung spürt man. Weiterlesen

Michela Murgia. Accabadora – mein Lieblingsbuch aus dem Verlag für wilde Leser

WagenbachKürzlich lese ich den Beitrag „50 jahre und kein bißchen leise“ von der Klappentexterin. Ein Jubiläum ist zu feiern. Wagenbach – der unabhängige Verlag für wilde Leser – feiert Geburtstag. Sofort frage ich mich, welches ist eigentlich mein Lieblingsbuch von allen bisher gelesenen Romanen aus diesem Verlag –

Vielleicht die „Souveräne Leserin“ von Alan Bennett? Es kam damals als dünnes Heftchen mit dem Aufdruck „unkorrigiertes Leseexemplar“ in meine Hände und hat mich dann auf einen Kurztrip nach London begleitet. Dort habe ich es auch gelesen und mich aufs Beste amüsiert über die Queen, die die Welt der Romane entdeckt.  Nie vergesse ich das berauschende Gefühl von jenem Mai 2008, einen außergewöhnlichen Roman in den Händen zu halten. „Die souveräne Leserin“ wurde zum Liebling unzähliger Buchhändler und Leser und hat es damals sogar in die Spiegelbestsellerliste geschafft.

Erstmal weiter …. mein Lieblingsbuch. Ich stehe vor meinem Bücherregal und grüble. Begeisterte mich nicht auch „Gleissendes Glück“ von A.L. Kennedy ganz unglaublich? Und was ist mit „Der Ursprung der Welt“ von Jorge Edwards? Und mit Assani-Razakis „Iman“ und „Wojna“ von Larrue?!

Nein – jetzt bin ich sicher!!! Immer wieder empfohlen und verschenkt, ist es meine über alles geliebte „Accabadora“ von Michela Murgia. Der Roman ist 2010 auf Deutsch erschienen. Murgia erzählt nicht nur eine unvergessliche Geschichte, sondern behandelt elegant und wie nebenbei (auf lediglich 170 Seiten) die drei großen Themen Sterbehilfe, Adoption und Kinderlosigkeit.

Ein wirklich großartiges Buch! Weshalb es auch ein wenig krumm und schief ist, so oft habe ich es seitdem verliehen. Jede meiner Freundinnen sollte unbedingt die Geschichte um die geheimnisvolle Tzia Bonaria lesen. Als Hebamme und Sterbehelferin lebt und arbeitet sie in einem kleinen Dorf auf Sardinien. Da sie selbst kinderlos ist, holt sie sich eines Tages das Mädchen Maria aus einer vielköpfigen Familie in ihr Zuhause. Mit viel Wärme und großer Präzision erzählt Murgia diese archaisch anmutende Story, die ganz zeitlos erzählt ist und so beginnt:

Fillus de anima, Kinder des Herzens. So nennt man die Kinder, die zweimal geboren werden, aus der Armut einer Frau und der Unfruchtbarkeit einer anderen. In dieser zweiten Geburt wurde Maria Listru zum späten Segen für Bonaria Urrai … Maria lächelte, obwohl sie tief im Innnern wußte, das eigentlich Grund zum Weinen bestanden hätte.

Beim weiteren Stöbern fällt mir nicht nur ein Korkenzieher sondern außerdem ein fast 50 Jahre altes Heftchen aus dem Verlag Klaus Wagenbach in die Hände: „Das schwarze Brett 2. Almanach 1966“. 64 Seiten. Meine Mutter hatte in den 60er Jahren als Buchhändlerin gearbeitet und es mir irgendwann geschenkt. Ehrfürchtig und ungläubig blättere ich darin, reise in der Zeit. Damals konnte niemand auch nur ahnen, dass wir dieser Tage ein 50jähriges Jubiläum zu feiern haben. Auf der ersten Seite (und im 2. Jahr des Verlages) schreibt Klaus Wagenbach:

„Die künftige Arbeit des Verlages hängt sehr davon ab, dass die jetzige bekannt wird“ – so steht es auf den Karten, die jedem Buch des Verlages beiliegen … Die Freunde unter Lesern und Buchhändlern haben entschieden dabei geholfen, dem Verlag die drei übernommenen Risiken – hohes Autorenhonorar, niedriger Ladenpreis, kein Fremdkapital – zu erleichtern. Sie widerlegten die Voraussagen, der Verlag müsse entweder den Maßstab literarischer Qualität oder seine Unabhängigkeit aufgeben … Zahlreiche Freunde haben ihre Hilfe angeboten … kaufen Sie hie und da ein Quartheft, das ist Hilfe genug, eine sehr entscheidende Hilfe.

Wagenbach

Viele Leser haben seitdem Wagenbachs Bücher gekauft und gelesen und damit möglich gemacht, dass der Verlag überleben konnte – 50 Jahre unabhängig überleben konnte. Darauf trinke ich einen Schluck Wein, entkorkt (ganz klar!) mit meinem „wilden“ Wagenbach-Korkenzieher und freue mich auf viele neue Bücher. Beste Wünsche an das gesamte Verlags-Team!

Mein Lieblingsbuch: Michela Murgia. Accabadora. Aus dem Italienischen von Julika Brandestini. Verlag Klaus Wagenbach Berlin. 2010. 170 Seiten (auch als TB im Deutschen Taschenbuch Verlag 2011)

 

 

 

 

Emmanuèle Bernheim. Alles ist gutgegangen. Aus dem Französischen von Angela Sanmann

HB_Bernheim_24499_MR3.indd„Alles ist gutgegangen“ ist eine Geschichte, die mindestens genauso tief berührt, wie die Autobiographie „Ziemlich beste Freunde“ von Philippe Pozzo di Borgo. Philippe beschrieb sich als einen jungen Mann, der durch einen schweren Unfall vom Halswirbel abwärts für immer gelähmt ist. Er wollte sterben. Bis ihm Abdel begegnete und ihm zeigte, wie wertvoll es ist – das Leben.

Auch André Bernheim, Pariser Kunstsammler,  will „verschwinden“. Er aber  ist bereits 88 Jahre alt, als er nach einem schweren Schlaganfall das Bett nicht mehr verlassen kann. Er verliert alle Lust am Leben und auch die Kraft, zu kämpfen. All die Dinge, die er liebt, kann er nun nicht mehr tun. Filme, Vernissagen und Ausstellungen kann er nicht mehr besuchen. Er kann nicht mehr reisen. André war immer gern unter Leuten und abends fast nie zu Hause.

„Er wollte immer über alles Bescheid wissen. Er musste alles sehen, alles hören, alles probieren, vor allen anderen. Vor mir. Oft rief er mich morgens an: ‚Was hast du gestern Abend Schönes gemacht?‘ Wenn ich einen neuen Ort oder ein Theaterstück entdeckt hatte, die er nicht kannte … , spürte ich am Ende der Leitung eine verärgerte Stille. Er legte auf.“ (S. 54)

Zärtlich blickt Emmanuèle auf ihren einst sehr aktiven und nun so schwachen Vater. Zwischen beiden entstehen sehr innige Momente. Etwa, wenn er mit gerecktem Daumen und Zeigefinger Nuèle! ruft. Eine sich wiederholende Szene. Sie weiss dann, Papa hat etwas wichtiges zu sagen. Oft sind es ganz einfache Dinge. Bis er diese eine große Sache von ihr verlangt. Er wünscht, dass sie ihm hilft, zu sterben. Er will in die Schweiz.

Damit wagt Bernheim sich an ein Tabuthema und geht noch einen Schritt weiter, als die Autorin Linda Benedikt mit „Eine kurze Geschichte vom Sterben“. Erst kürzlich hatte Mara auf ihrem Blog buzzaldrines von der Tochter erzählt, die den langsamen Tod der Mutter beschreibt. Das Buch hatte sie berührt und beeindruckt. Es sagt sich immer so leicht, dass Krankheit und Tod nun mal zum Leben dazu gehören. Es zu akzeptieren, ist so viel schwerer. Wir wollen den geliebten Menschen nicht verlieren! Und ihm dann noch bei seinem Freitod helfen?

Bernheim zeigt in ihrem Buch beide Seiten: Verständnis für den Wunsch des Vaters, aber auch Wut. Er soll nicht verschwinden. Noch nicht. Doch André hat sich entschieden. Da gibt es kein Zurück. Jetzt geht es nur noch um das WIE.  Dafür braucht er die Hilfe beider Töchter. Wie könnten sie ihm diesen Wunsch verweigern – ihn zu realisieren jedoch, ist strafbar. Manche Passagen lesen sich deshalb rasend spannend. Letztendlich aber wird der Wunsch des Vaters respektiert. Und sollte nicht jeder für sich entscheiden dürfen, wann er gehen möchte? So ist die Story eben auch das: ein leidenschaftliches Plädoyer für selbstbestimmten Tod. Passend dazu fällt mir der Film „Das Meer in dir“ mit Javier Bardem in der Hauptrolle ein.

Mein großer Wunsch ist, dass die Geschichte um André und Nuèle viele Herzen erreicht, dass auf lange Zeit ein Prozess des Umdenkens einsetzt. Begriffe, wie Freitod, Selbstbestimmung und würdevoller Tod sollten nicht länger Tabuthemen sein. Absolut lesenswert ist, wie Bernheim einerseits das Chaos ihrer Gefühle in ganz knappe und sehr präzise Sätze fasst. Wie sie andererseits die letzten Wochen des geliebten Vaters mit sehr zarten Worten beschreibt, ihm liebevolle Passagen widmet. So ist André Bernheim mir richtig ans Herz gewachsen. Er hatte die Chance, in Würde zu gehen. Für seine Töchter Emmanuèle und Pascale war die Begleitung nicht ungefährlich. Sie haben es auf sich genommen, aus Liebe.

Emmanuèle Bernheim. Alles ist gutgegangen. 206 Seiten. 18,90 €.  Verlag Hanser Berlin 2014