Berlin Alexanderplatz – Filmstart am 16.07.

Berlin_Alexanderplatz_Filmplakat

In dem Roman “Berlin Alexanderplatz” von Alfred Döblin (erstmals erschienen 1929) versucht Franz Biberkopf ein guter Mensch zu sein. Auch wenn er fällt, er steht immer wieder auf. Gerade entlassen aus einer vierjährigen Haft im Gefängnis Tegel, bewegt Franz sich durch das Berlin der späten Zwanziger Jahre. Gerade lese ich den Roman ein zweites Mal. Und bin erneut fasziniert, berausche mich an Döblins Art, dieses chaotische, schmutzige, von Baustellen durchzogene Berlin zu beschreiben. Wo gerade die Untergrundbahn gebaut wird und die Elektrischen über den Alexanderplatz durch die Münzstrasse und zum Rosenthaler Tor fahren. Wo überall Häuser sind voller Menschen. Dieses Berlin der Hinterhöfe, der Eckkneipen und dem Biergarten “Neue Welt” in der Hasenheide.

Zwei große Regisseure haben “Berlin Alexanderplatz” bereits verfilmt und sich am originalen Text Döblins orientiert. Piel Jutzi drehte 1931 einen Spielfilm mit Heinrich George in der Hauptrolle. Rainer Werner Fassbinder machte 1979/80 aus dem Stoff eine 13-teilige Serie mit Günter Lamprecht als Franz Biberkopf.

Ein Filmepos mit einer Länge von 184 Minuten startet nun am 16. Juli in den deutschen Kinos.
Und das Muster – ein guter Mensch zu sein – zieht sich auch durch die neue Bearbeitung des Romans von Regisseur Burhan Qurbani. Den historischen Stoff benutzend, verlegt er die Geschichte ins heutige Berlin. Sein Franz Biberkopf heißt Francis B. und kommt aus Guinea. Er spricht anfangs kein einziges Wort deutsch. Erste Station ist ein Flüchtlingslager in Berlin, nachdem das Mittelmeer ihn fast verschlungen hätte. Dort am Strand hatte Francis geschworen, ein guter Mensch zu werden.
Berlin_Alexanderplatz_ich_will_gut_seinWelket Bungué spielt diesen jungen Schwarzen mit viel Stolz und Würde. Eine Würde, die überrascht, wurde ihm doch vom Leben alles genommen. Zwar fehlt ihm das Düstere und Finstere des historischen Franz Biberkopf, doch brodelt eine Wut in ihm, die unberechenbar ist.

Reinhold, ein Drogendealer, erkennt in Francis schnell eine Art Seelenverwandten. Auf perfide berechnende Weise benutzt er die Zwangslage von Francis, macht ihn schließlich abhängig von seinem Geld und seinen Aufträgen. Francis wird in der Hasenheide Drogen verticken.
Traurige Realität – in einem der schönsten Parks von Kreuzberg stehen diese jungen schwarzen Männer. Berliner*innen wissen, hier kann man guten Stoff kaufen.
Regisseur Burhan Qurbani macht mich unsicher. Sind das Szenen aus einem Dokumentar- oder Spielfilm? Wie oft bin ich schon an ihnen mit dem Rad vorbei gefahren? Ohne nur einen Gedanken an ihre Schicksale zu verschwenden. Mit der Figur des Francis gibt Qurbani diesen jungen Männern eine Geschichte.
Dank des Film weiß ich jetzt um die Hierarchie-Strukturen der Händler. Und wie man mit den Kunden umgeht. Ich weiß nun auch – “Hipster zahlen das Doppelte”.

Die gesamte Story ist extrem spannend erzählt, lebt vor der Kulisse Berlins aber ganz besonders von der großen schauspielerischen Leistung aller. Mein absoluter Favorit unter den Darstellern ist Albrecht Schuch als Reinhold, dem ich sein verrucht-fieses und psychopathisches Verhalten absolut abnehme.
Jella Haase als Mieze spielt eine selbstbewusste Berlinerin, die sich mit Prostitution ihr Leben finanziert. Francis und sie verlieben sich in einer schmutzigen Berliner Kneipe ineinander. Mieze könnte die Tür sein in ein besseres Leben, ihr Leuchten ist von großer Kraft. Doch die boshafte Düsternis eines Reinhold und die Verlockung des Geldes üben einen noch größeren Sog auf Francis aus, als die Liebe seiner Mieze.
Auch Eva (Annabella Mandeng), Betreiberin eines Nachtclubs, wacht wie ein rettender Engel über Francis. An ihrer Seite wunderbar charmant und ebenfalls sehr authentisch ist Berta, gespielt von Nils Verkooijen.

Qurbani hat Döblins Geschichte völlig neu geschrieben und interpretiert. Mit Figuren, die für ein facettenreiches queeres Berlin stehen. Wo die Frage nach Gender, Religion oder Ethnie eine untergeordnete Rolle spielen. Das ist das Großartige an diesem Film, dass er ausschließlich vom heutigen Berlin erzählt. Einem Berlin, das 90 Jahre nach Döblins Roman noch immer eine schmutzige, chaotische und von Baustellen durchzogene Stadt ist. Einem Berlin, in dem aber alles möglich ist – auch Liebe. 

Bei der Weltpremiere auf der Berlinale wurde “Berlin Alexanderplatz” mit 5 Lolas gewürdigt. Absolut verdient, wie ich finde!
Unter der Regie von Burhan Qurbani spielen in den Hauptrollen:

Welket Bungué (Francis)
Jella Haase (Mieze)
Albrecht Schuch (Reinhold)
Annabelle Mandeng (Eva)
Nils Verkooijen (Berta)
Joachim Król (Drogenboss)

Mehr Infos zum Film findet Ihr auf der Filmwebsite

Der Roman „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin ist erschienen beim Fischer Taschenbuchverlag. 560 Seiten. 13,- €

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s