Schlagwort-Archive: Berlin

Das passt in jeden Koffer – Bücher für den Sommer

Als Buchhändlerin habe ich immer wieder die große Chance, aktiv mit daran beteiligt zu sein, ein Debüt durchzusetzen. Das ist extrem spannend und unglaublich schön. Ein unbändiges Glücksgefühl empfinde ich jedesmal neu, wenn ich eins dieser Bücher dann Monate später als Taschenbuch in der Hand halte und es erneut mit Leidenschaft empfehlen kann. Als Urlaubslektüre beispielsweise, weil ein Taschenbuch noch immer in jeden Koffer passt. Geschichten voll sprachlicher Schönheit und außergewöhnlichen Inhalts erzählen diese drei wundervollen Autorinnen:

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Wut und Rebellion. Fatma Aydemir und ihr Debüt „Ellbogen“

aydemir_ellbogenEs ist so da und es ist so heftig, dass man es fast anfassen kann. Wut. Meine ist so groß, dass sie nicht in mich hineinpasst. Sie droht meine Haut zu sprengen, mich von innen aufzufressen und wieder auszuspucken … Gül holt endlich die Ballerinas aus ihrer schweren Tasche, schmeißt sie heftig auf die deutschen Pflastersteine (S. 114).

Hazals Wut ist die Wut einer Achtzehnjährigen. Stunden, bevor es zu der gerade geschilderten Situation kommt, ist da schon ein Stechen, später ein Pochen im Kopf, weil Hazal mal wieder voller Hass auf ihre Mutter ist. Die ihr mit ihren ewigen Forderungen nach heißem Çay – begleitet vom Klingeln des Löffelchens im leeren Glas – extrem auf die Nerven geht. Irgendwann tief in der Nacht ist es dann nur noch totaler Kontrollverlust und krasse Wut. Eine Wut, die ihr Ventil in brutaler Gewalt gegen einen ahnungslosen deutschen Studenten findet. Weiterlesen

Melle oder Kubiczek? Eine Buchhandlung und die Shortlist

Eine wunderschöne und sehr gut sortierte Buchhandlung auf der belebten Schönhauser Allee im Prenzlauer Berg ist anakoluth. Man lässt den tosenden Lärm von Tram, Metro und mehrspuriger Hauptstraße hinter sich und taucht ein in diese besondere Welt der Literatur. Kaum umhüllt mich die Atmosphäre aus Stille und Bücherduft, da entdecke ich auf den Tischen bereits diverse meiner Lieblingsautoren. Ein gutes Gefühl. Hinter dem Tresen steht lächelnd Kathrin Bach und berät eine Kundin. Kathrin ist begeisterte Leserin und Buchhändlerin bei anakoluth.

In dem Gespräch mit ihr erfahre ich, dass sie sich für den Deutschen Buchpreis einen Gewinner wünscht, den sie Kunden dann gut empfehlen kann. Es ist genau das, was ich auch von anderen Buchhändlern immer wieder höre – der Wunsch nach einem interessanten und gut lesbaren Buch. Einem Buch, dass man von Herzen weiter empfiehlt. Und sollte die Entscheidung der Jury auf keinen Favoriten fallen, dann suchen wir Buchhändler uns – jenseits aller Listen – einen eigenen Favoriten. Ein schönes Beispiel dafür ist der Roman Das achte Leben von Nino Haratischwili, der es 2014 zwar nicht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Der aber bis heute in vielen Buchhandlungen empfohlen und gut verkauft wird.

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© Kathrin Bach

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Eine Buchhandlung und die Longlist

Im Feuilleton und in den literarischen Blogs werden sie intensiv diskutiert und rezensiert – die 20 Titel der Longlist des Deutschen Buchpreises. Doch was bedeutet das Bekanntwerden der Longlist eigentlich für eine Buchhandlung? Ich selbst lese in diesen Wochen möglichst viele der nominierten Titel. Nicht nur als Buchpreisbloggerin, sondern auch als Buchhändlerin. Jetzt bin ich irgendwie neugierig geworden, wie es anderen BuchändlerInnen mit der Longlist geht und habe Maria vom ocelot mal drei Fragen gestellt.

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Roland Schimmelpfennig. An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

SchimmelpfennigTiefer Winter. Aus Polen kommt ein Wolf nach Deutschland. Diese Geschichte beginnt so, dass ich sofort drin bin. Ich muss nicht lange kämpfen – bleib ich oder geh ich – nein, ich weiß sofort, hier bin ich richtig.
Roland Schimmelpfennig, bekannt als Autor diverser Theaterstücke, hat seinen ersten Roman geschrieben. Und der ist nominiert für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse.
Der Wolf kam von Osten. Er lief über das Eis der zugefrorenen Oder, erreichte das andere Ufer des Flusses und bewegte sich dann weiter Richtung Westen … Der Wolf lief im Morgenlicht unter dem wolkenlosen Himmel über weite, schneebedeckte Felder, bis er den Rand eines Waldes erreichte und darin verschwand … (S. 5).

Einen Wolf hat man in Brandenburg und ganz besonders in Berlin seit vielen Jahrzehnten nicht gesehen. Doch jetzt ist einer da und zieht seine Spur durch den Schnee Richtung Nordwest. Selten dass jemand ihm wirklich begegnet. Meist ist es lediglich das Gerücht, ihn gesehen zu haben. Oder jemand findet seine Fährte oder ein blutiges Reh im Schnee. Dieser Wolf verbindet die Schicksale diverser Personen. In sehr kurzen szenischen Kapiteln erzählt Schimmelpfennig u.a. von dem Jungen Micha und dem Mädchen Elisabeth, die gemeinsam von zu Hause abhauen, um nach Berlin zu gehen, von einem alkoholkranken Mann, von dem polnischen Bauarbeiter Tomasz, einem Spätverkaufbesitzer und dessen Freundin.  Weiterlesen

Christine Wunnicke. Der Fuchs und Dr. Shimamura

wunnicke_der_fuchsIn seinem Haus in Kameoka sitzt Ende Februar 1922 in einem Rattansessel Dr. Shimamura, Professor emeritus für Nervenheilkunde in Kyoto. Sein Fieber steigt, denn Shimamura leidet an Schwindsucht. Ihm ist kalt, weshalb er über seinem Kimono einen verschlissenen Morgenrock aus Deutschland trägt. Weil sich die Ärmel des seidigen Kimonos ständig verknautschen und um seine mageren Arme herum verdrehen, will er seit Ewigkeiten den Kimono über statt unter dem Morgenrock tragen, tut es aber nie. Eigentlich hasst er diesen Morgenrock, den er vor etwa 40 Jahren in einem eleganten Modegeschäft am Pariser Platz in Berlin erstanden hat. Shimamura ist mir sofort sympathisch. Wie er dort, umsorgt von vier Frauen, in seinem kleinen Haus sitzt und auf das vergilbte Fensterpapier schaut, welches in der Farbe seinem Morgenmantel ähnelt. Seine Gedanken gehen zurück nach Wien, wo er als Eingebildeter Kranker zu einem Kostümfest eben jenen Morgenmantel trug, nebst einer Schlafmütze und einem aus der Irrenanstalt entliehenem Gerät. Viele junge Mädchen waren auf jenem Karneval. Aber … wer hatte ihn damals eingeladen? Daran erinnert er sich nicht.  Weiterlesen

Mirna Funk. Winternähe

funk_winternäheDie Titel der Longlist rufen und wollen gelesen und besprochen werden, doch mir gehen die Gespräche mit Lola Wolf immer noch im Kopf herum. Die letzten Seiten von „Winternähe“ sind längst gelesen und doch fällt es mir unsagbar schwer, die Geschichte los zu lassen, mich von Lola zu verabschieden. Lange ist mir keine Romanfigur so nahe gekommen, wie sie.

Etwa 35 Jahre alt, lebt Lola ein unstetes Leben in Berlin, bis sie eines Tages nach Israel reist. Denn hier lebt Shlomo. Ein Mann, der Lola viel bedeutet. Außerdem ist ihr die Stadt Berlin zu kalt, zu glatt, zu eben. Tel Aviv ist bunt, verrückt und spontan. Weiterlesen