Schlagwort-Archive: Weidle Verlag

Schreiben gegen den Schmerz.

malek_der_spaziergänger_von_aleppoKarfreitag. Ein Tag der Stille und des Nachdenkens. Meine Schwester schreibt mir eine lange Mail aus Indien. Dort nennt man den heutigen Tag Good Friday. Das gefällt mir sehr. Möge es ein guter, ein entspannter Tag werden. Die Zeiten sind unruhig und oft mag ich das Radio gar nicht mehr anschalten. Möchte gern weiter in meinem kleinen Glück aus Büchern, Musik, Freunden und Familie bleiben. Hier in Berlin.

In seinem schmalen Buch Der Spaziergänger von Aleppo erzählt Niroz Malek in einer Balance zwischen Traum und Realität vom Leben im heutigen Aleppo: Geschichten aus einer zerstörten und traumatisierten Stadt – Ruinenlandschaft aus verwinkelten Gassen, zerstörten Kirchen und Moscheen, über welcher düster die alte Zitadelle thront. Bei mir hinterlassen diese Geschichten das Gefühl, im Barcelona der Nachkriegszeit zu sein. Wer dieses Buch aufschlägt und „das Tor öffnet“ (auf dem Buchcover abgebildet: das Eingangstor der Zitadelle von Aleppo), der betritt eine düstere mystische Welt voll dunkler Gestalten – Menschen in ständiger Angst um ihr Leben, Untote, welche nie zur Ruhe kommen und natürlich unzählige Tote.

Dennoch will Niroz Malek diese Welt nicht verlassen. Weiterlesen

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Joost Zwagerman. Duell

zwagerman_joost_duellHeute kam mir die Idee, dass ich Duell gern einen ganz schlichten Holzrahmen verpassen würde, um mir die Novelle von Joost Zwagerman in mein Zimmer zu hängen. Mich lässt diese Story einfach nicht los. Ich möchte jeden Tag wieder so beginnen: Kaffee trinkend und Duell lesend. Was für eine schräge Story! Während eines Kunstprojektes im Amsterdamer Hollands Museum kopiert die Konzeptkünstlerin Emma Duiken diverse Male das (fiktive) Werk Untiteld von Mark Rothko. Das Original ist etwa 30 Millionen Euro wert. Nach Beendigung des Projektes ist das Original verschwunden und an seiner Stelle hängt die perfekte Kopie von Emma.  Weiterlesen

Carl Nixon. Rocking Horse Road – Fernweh NEUSEELAND

Im vorigen Jahr hatte ich mein Projekt „Fernweh“ gestartet, in welchem ich an Taschenbuch-Romane erinnern möchte, die sich lohnen, wieder gelesen zu werden. Sie führen an ferne Orte und passen in jeden Koffer. Und weil es in dieser Story auch täglich mehr als 30 Grad hat, passt kaum ein Buch besser zu den überraschend hohen Juli-Temperaturen da draußen, als Rocking Horse Road. Und vielleicht kommt ja sogar noch Regen …

nixon_rocking_horse_TB… Neuseeland. The Spit ist ein kleiner spießiger Ort mit genau definierten Grenzen der „Schicklichkeit“. Bereits mit den ersten, atmosphärisch und packend erzählten, Sätzen hat Nixon mich: Es war Peter Marshall, der Lucys nackte Leiche am Strand fand, nicht weit vom Ende der Rocking Horse Road entfernt. Auch wenn seit diesem Morgen fast drei Jahrzehnte vergangen sind und ein Jahrtausend geendet hat, können wir noch immer ganz präzise sagen, wo Lucy gelegen hat.

In jenem Dezember 1980 beginnen die von Verzweiflung und Beklommenheit gepackten 15jährigen Jungs, den Mörder von Lucy zu suchen. Sie sammeln jede Menge Material, wachen nachts ständig auf, um erneut die Zeitungsartikel zu lesen und haben schwarze Ränder unter den Augen. Sie sind übernervös und wirken wie Gespenster. Doch alles ohne Erfolg. Weiterlesen

Carl Nixon. Lucky Newman

Nixon_Lucky_NewmanEin Erzähler erzählt einem Erzähler die Geschichte seiner Mutter Elizabeth Whitman. Dieser schreibt die Geschichte auf, lässt Dinge weg, erfindet Neues hinzu. Nie weiß ich als Leser, was eigentlich „wahr“ oder was reine Phantasie des Chronisten Carl Nixon ist. Und genau das bereitet mir größten Genuss! Ich fühle mich beim Lesen, als sei ich angekommen im Paradies der ganz großen Erzählkunst.

Im Jahr 1919 wartet Elizabeth noch immer auf ihren im Krieg verschollenen Mann Jonathan. Dem gemeinsamen Sohn Jack (4 Jahre) erzählt sie Abend für Abend als Trost für den verlorenen Vater Geschichten vom mutigen Ballonfahrer, einem Tiger und der Mondjungfrau. Tags arbeitet sie als Krankenschwester. Weiterlesen

Wsewolod Petrow. Die Manon Lescaut von Turdej.

Petrow, Manon Weidle VerlagTurdeskaja Manon Lesko – so der Titel des russischen Originals – bleibt für mich unvergessen. Eine ganz besondere Erzählung, die dank dem Weidle Verlag seit 2012 endlich in Deutsch vorliegt und gerade als Taschenbuch bei btb erschienen ist. Wieder einmal fasziniert mich die Geschichte hinter der Geschichte ebenso, wie das Lesen der Novelle selbst. Bereits 1946 geschrieben, wurde sie erstmals 2006 in der Zeitschrift „Nowyj mir“ veröffentlicht. Viele Male soll Petrow auf Partys vor der Leningrader Kulturelite aus seiner „sowjetischen Manon Lescaut“ gelesen haben. Eine Veröffentlichung habe er nie gewünscht. Warum das so ist, verstehe ich erst mit dem Lesen des Nachwortes von Oleg Jurjew. Und so atmosphärisch wie sie beginnt, so nimmt sie mich gefangen bis zum letzten Satz …

… Ich lag auf einem Hängeboden, der als Pritsche diente, in unserem kanonenofenbeheizten Waggon. Links war die Wand, rechts mein Kollege Aslamasjan … unten, unter den Pritschen lebten die Krankenschwestern. Das waren einfache Mädchen …

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Mooses Mentula. Nordlicht – Südlicht

002Vorige Woche mit der Klappentexterin im vietnamesischen Quà Phé in Berlin Mitte bei Ingwerlimonade und heißen Getränken einen schönen Nachmittag verbracht …. schnell waren ein paar Bücher hin- und hergetauscht. Ihre Leseempfehlung für mich ist der finnische Roman „Nordlicht – Südlicht“. Ich bin auf die Story extrem gespannt, hatte ich doch im Beitrag Finnland. cool davon gelesen.

Der Roman beginnt in einer kurzen Augustnacht, als der junge Lehrer Jyri aus dem Süden Finnlands am Tresen Bekanntschaft mit zwei eigenwilligen Menschen des Ortes macht: dem verrückten Dichter Lauri im ewigen Motorschlittenoverall und dem bärtigen und ziemlich angetrunkenen Jouni Korhonen. Herrlich schrullig und tragikomisch – willkommen in Finnland!

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