Schlagwort-Archive: Sowjetunion

Mit Natascha Wodin auf einer Odyssee durch das 20. Jahrhundert

wodin_mariupolHeute möchte ich mein Glück mit Euch teilen. Es kommt nämlich nicht allzu oft vor, dass ein von mir favorisiertes Buch es auf die Longlist oder Shortlist schafft oder sogar einen Buchpreis gewinnt. Natascha Wodin hat mit ihrem biographischen Roman Sie kam aus Mariupol den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 gewonnen. Ich lächele still und bin voller Glück. Denn dieses Buch hat mich in den vergangenen Tagen begleitet und extrem aufgewühlt. Manches aus dieser Geschichte las ich das erste Mal in meinem Leben, andere Dinge waren mir bereits vertraut, ja ich hatte fast das Gefühl, als hätten mich die vorherigen Romane Der Lärm der Zeit und Betrunkene Bäume bereits vorbereitet auf diese Lektüre. Ich war durch die genannten Romane ja längst gedanklich ganz tief in der ehemaligen Sowjetunion …  Weiterlesen

Lydia Tschukowskaja. Untertauchen

tschukowskaja_untertauchenDer Winter ist fast vorbei, in wenigen Tagen ist Frühlingsanfang. Wer sich noch ein letztes Mal verführen lassen möchte von den unzähligen Möglichkeiten, den Schnee zu beschreiben, der möge eintauchen in diese Geschichte. Puderiger Schnee. Schnee, der sich sanft auf alles legt. Diamanten glitzernder, scharfkantiger und eisig glänzender Schnee. Die junge Dichterin Nina Sergejewna erholt sich für einige Wochen in einem tief im Wald gelegenen Sanatorium und verwandelt mit ihrem besonderen Blick die Dinge um sich herum in reine Poesie … Tanzende Birken, mit Raureif besetzte Haselnusssträucher, schiefe Katen wie mit Kohle auf Papier skizziert.

Doch versteckt sich zwischen den Zeilen tiefe Melancholie. Auch die schönsten Naturbeschreibungen täuschen nicht darüber hinweg, dass in jenem Vorfrühling 1949 die Angst bestimmend war. Angst davor, die gesamte Intelligenzija könnte ein zweites Mal verhaftet und in Lager verbracht werden. Angst davor, es könnte ein „neues Jahr 1937“ geben. Weiterlesen

Wsewolod Petrow. Die Manon Lescaut von Turdej.

Petrow, Manon Weidle VerlagTurdeskaja Manon Lesko – so der Titel des russischen Originals – bleibt für mich unvergessen. Eine ganz besondere Erzählung, die dank dem Weidle Verlag seit 2012 endlich in Deutsch vorliegt und gerade als Taschenbuch bei btb erschienen ist. Wieder einmal fasziniert mich die Geschichte hinter der Geschichte ebenso, wie das Lesen der Novelle selbst. Bereits 1946 geschrieben, wurde sie erstmals 2006 in der Zeitschrift „Nowyj mir“ veröffentlicht. Viele Male soll Petrow auf Partys vor der Leningrader Kulturelite aus seiner „sowjetischen Manon Lescaut“ gelesen haben. Eine Veröffentlichung habe er nie gewünscht. Warum das so ist, verstehe ich erst mit dem Lesen des Nachwortes von Oleg Jurjew. Und so atmosphärisch wie sie beginnt, so nimmt sie mich gefangen bis zum letzten Satz …

… Ich lag auf einem Hängeboden, der als Pritsche diente, in unserem kanonenofenbeheizten Waggon. Links war die Wand, rechts mein Kollege Aslamasjan … unten, unter den Pritschen lebten die Krankenschwestern. Das waren einfache Mädchen …

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Dato Turaschwili. Westflug

Turaschwili, WestflugEin paar junge Leute aus Georgien wollten einfach nur die Freiheit –

Dato Turaschwili, geboren 1966 in Tblissi und einer der bedeutendsten Schriftsteller Georgiens, hat ihre Geschichte aufgeschrieben und damit ein jahrzehntelanges gesellschaftliches Tabu gebrochen. Bis heute ist nicht vollständig aufgeklärt, was damals geschehen ist. Und somit ist „Westflug“ nicht nur spannendes Zeitdokument, sondern auch literarisch erzählte faktenreiche Story, die dank der Fotos im Anhang auf besondere Weise erschüttert und berührt. Nach Nino Haratischwilis Roman „Das achte Leben“ komme ich an „Westflug“ einfach gar nicht vorbei, entdecke Ähnlichkeiten, Überschneidungen. Und bin an einer Stelle der Geschichte gedanklich sogar sofort bei Haratischwilis Kitty im Gefängnis. Wieder bin ich schockiert, wie rücksichtslos und unmenschlich das sowjetische Regime mit den Menschen umging, die nicht ins System passten.

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Nino Haratischwili. Das achte Leben. Für Brilka

Haratischwili 003Ein Traum hat sich erfüllt und ich halte den neuen Roman von Nino Haratischwili in den Händen. Auch wenn ich mich gerade wie der glücklichste Mensch im Universum fühle, mischt sich eine bestürzende Trauer in dieses Gefühl: Der Roman wurde nicht in die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2014 aufgenommen.

Irgendwie bin ich dennoch sicher, dass er grenzenlos erfolgreich werden, dass man noch in Jahrzehnten von ihm sprechen wird. Denn „Das achte Leben“ ist nicht nur ein sprachliches Kunstwerk, welches fiktive und reale Ereignisse mosaikähnlich zusammenfügt. Es ist außerdem ein inhaltsreicher Roman mit einer Story, die sich anfühlt, als hätte Nino H. sie stellvertretend für alle Menschen, die in Diktaturen aufgewachsen sind, erzählt.

Ich hatte das große Glück (ein Dankeschön an die Frankfurter Verlagsanstalt!), dass ich den gesamten Roman vorab elektronisch lesen konnte. Doch weil das Lesen auf dem eReader kein Vergleich ist zum Rascheln der Buchseiten beim Umblättern sowie vom Erfassen von Buchstaben auf echtem Papier, will ich heute erneut eintauchen in das liebevoll gestaltete echte Buch. Und tatsächlich vermisse ich bereits Stasia, Christine, Kitty, Niza und all die anderen wundervollen starken Frauen … Doch vorerst ein weiterer Dank und eine tiefe Verbeugung:

Liebe Nino Haratischwili,

nicht in meinen stärksten Phantasien hätte ich mir vorzustellen vermocht, was dieses Buch mit mir machen wird. Dass es mich so komplett vereinnahmen wird. Dass viele Dinge in der realen Welt plötzlich unwichtig und klein erscheinen, weil ich nur weiterlesen, tiefer eintauchen will. Geradezu magisch werde ich hineingesogen, versinke in einer Art von Paralleluniversum. Und bin so unendlich dankbar. Für jede einzelne Szene. Jeden Satz –

Das 20. Jahrhundert hat gerade begonnen und der berühmte georgische Schokoladenfabrikant wird Vater. Hier, mit dem Ururgroßvater beginnt die Geschichte der Familie Jaschi. Anastasia, genannt Stasia, wird geboren. Viele Jahre später wird sie die Kinder Kolja und Kitty zur Welt bringen. Jeder dieser Figuren ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Buch 1, Buch 2 … Buch 8. Ich finde das wunderbar überschaubar und will inhaltlich hier gar nichts vorwegnehmen. Verblüffend finde ich, mit wie wenig Figuren der Roman auskommt. Und wie vertraut sie mir alle werden. Stasias übersinnliche Fähigkeiten, die verstorbenen Freundinnen zu sehen, scheinen auf mich überzugehen. Plötzlich habe ich das Gefühl, die Romanfiguren in meiner Nähe zu spüren und ich fühle mich tatsächlich wie in einem Paralleluniversum. Ich habe das Gefühl, alle im Roman beschriebenen Ereignisse würden in Echtzeit neben mir ablaufen. Ich frage mich, wo ist die geheime Tür? Wo der versteckte Spiegel, um ganz und gar in die Welt der Familie Jaschi zu kommen? Wenn eine Figur stirbt, zerreißt es mir das Herz. Wenn Niza ihren Großvater umarmt und ihm all seine Tyrannei verzeiht, dann spüre ich die körperliche Wärme der beiden Körper. Selten bin ich Figuren so nah gekommen.

In meinen Gedanken trinke ich die magische und sehr schwarze, heiße  Schokolade. Ich sehe den kaputten und schönen grauen Himmel Georgiens. Ich laufe durch die Räume des Grünen Hauses, sehe den granatapfelroten und mit Ornamenten verzierten Teppich. Durch meinen Kopf geistern die wütenden Songs von Waladimir Wyssotzki, tanzen sterbende Schwäne ihr Pas de deux zu der aufwühlenden Musik von Tschaikowsky. Ich sehe schwarze Rosen und bläulich gefärbten Schnee. Ich rase durch dieses gesamte 20. Jahrhundert, das sibirische Gulags und Menschen wie den Generalssimus und den Kleinen Großen Mann hervorgebracht hat. Aber eben auch so mutige und starke Figuren, wie sie im Roman beschrieben werden. Mit den Worten von Nizas Lehrer David und ein paar grandiosen Songs von Wyssotzki  möchte ich meinen kleinen Vorgeschmack auf ein ganz großes Buch beenden. Mit dem folgenden Satz hat David nicht nur Nizas Denken sehr geprägt, sondern mir eine wundervolle Weisheit geschenkt:

„Aus allen Varianten deines Ichs such dir die Unmöglichste aus.“

Wssotzki. Spazitje Naschi Duschi

Wossotzki. Kupola

Wyssotzki. Der weiße Walzer

Wyssotzki. Esho raz

Nino Haratischwili. Das achte Leben. Für Brilka. Frankfurter Verlagsanstalt Frankfurt am Main 2014. 1275 Seiten. 34,-€