Schlagwort-Archive: Niederlande

Eine Geschichte von Einsamkeit und Stille und Liebe – Gerbrand Bakker

bakker_oben_ist_es_stillNach Hölle und Paradies möchte ich gedanklich noch ein wenig in den Niederlanden bleiben. Mit Gerbrand Bakkers Oben ist es still, erschienen in Amsterdam 2006. Ich will diesen Roman seit vielen Jahren lesen. Nie aber gab es den richtigen Moment. Stumm und vorwurfsvoll schauen die fünf Schafe auf dem Buchcover mich an, sie scheinen mich schon ewig zu rufen. Ich hatte immer Angst, der Roman sei zu trist, zu düster, und er könnte mich möglicherweise in Trübsinn stürzen. Allein das Cover – so grau und so kalt. Nichts von alldem ist diese Geschichte! Und sie hat mich ganz sicher nicht traurig gemacht. Ganz im Gegenteil. Ich habe mit Gerbrand Bakker einen Autoren entdeckt, von dem ich mehr lesen will und muss!

Auch wenn wir Mai und nicht November haben, passt die Lektüre außerdem perfekt zum Wetter: Es regnet, und der starke Wind hat die letzten Blätter von der Esche geweht. Der November ist nicht mehr eisig und windstill … Die Kühe stehen schon seit zwei Tagen im Stall. Beim Melken herrscht Unruhe (S. 11).  Weiterlesen

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Hölle und Paradies von Bettina Baltschev

baltschev_hölle_und_paradiesDas Exil-Thema lässt mich einfach nicht los. Zu sehr bewegen mich die Fragen, welche sich gegenwärtig unzählige Menschen in Syrien, Venezuela oder der Türkei stellen müssen: Gehen oder bleiben? Einen neuen Lebensort finden oder in der geliebten Heimat weiterleben? Nicht immer ist „Gehen“ die bessere Alternative. Liest man einige der Miniaturen von aus Der Spaziergänger von Aleppo, so versteht man, dass ein geliebtes Zuhause mit all seinen Büchern, Schallplatten und Freunden zu verlassen, nicht ganz einfach ist. Für Niroz Malek ist es unmöglich.

Viele deutschsprachige Autoren und Autorinnen in den Dreißiger Jahren konnten sich diese Frage gar nicht erst stellen. Denn zu bleiben, hätte für Intellektuelle wie Stefan Zweig, Fritz Landshoff, Klaus Mann, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger oder Joseph Roth schlimmste Repressalien oder sogar den Tod im Vernichtungslager bedeutet. Für sie gab es deshalb nur eine Frage: Wohin – nach Westeuropa oder besser gleich nach Amerika? Und vor allen Dingen: Was dann?  Weiterlesen

Joost Zwagerman. Duell

zwagerman_joost_duellHeute kam mir die Idee, dass ich Duell gern einen ganz schlichten Holzrahmen verpassen würde, um mir die Novelle von Joost Zwagerman in mein Zimmer zu hängen. Mich lässt diese Story einfach nicht los. Ich möchte jeden Tag wieder so beginnen: Kaffee trinkend und Duell lesend. Was für eine schräge Story! Während eines Kunstprojektes im Amsterdamer Hollands Museum kopiert die Konzeptkünstlerin Emma Duiken diverse Male das (fiktive) Werk Untiteld von Mark Rothko. Das Original ist etwa 30 Millionen Euro wert. Nach Beendigung des Projektes ist das Original verschwunden und an seiner Stelle hängt die perfekte Kopie von Emma.  Weiterlesen

Lot Vekemans: Ein Brautkleid aus Warschau

lot_vekemans_ein_brautkleid_aus_warschauIch mag Geschichten mit offenem Ende. Auch die niederländische Dramaturgin und Autorin Lot Vekemans mag es, wenn der Leser am Ende selbst entscheiden kann, wie es mit den Figuren der Geschichte weiter geht.  Und so bleiben viele Fragen offen, wenn in ihrem Roman „Ein Brautkleid aus Warschau“ der letzte Satz gesagt ist. Ihre holländischen Leser seien darüber erzürnt gewesen, sagt Lot Vekemans mit einem charmanten Lächeln. Auf der Lese-Bühne der Kammerspiele im Deutschen Theater (21.02.16) erzählt sie, wie es zum Roman gekommen ist, der ursprünglich als Theaterstück geplant war. Moderiert wird die Veranstaltung von Thorsten Ahrendt vom Wallstein Verlag . Felix Goeser und Kathleen Morgeneyer lesen einzelne Passagen.

In der dramaturgischen Version, so erzählt Vekemans, sollten ein paar verrückte Holländer mit einem Bus nach Polen fahren. Dort würde nach einer Panne alles anders verlaufen, als ursprünglich geplant … Schnell aber spürte die Autorin während des Schreibens, dass diese Idee für die Bühne nicht funktionierte. Die Hauptfigur Marlena nahm bereits so viel Raum in ihrem Kopf ein, dass sie beschloss, deren Geschichte zu erzählen. Erste Leseproben begeisterten auch ihre Freunde. Ein spannendes Projekt.  Weiterlesen

Leon de Winter. Ein gutes Herz

leon_de winter_ein_gutes_herz_In wenigen Tagen erscheint Ein gutes Herz endlich im Taschenbuch! Nach den Ereignissen in der Pariser Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo denke ich viel an diesen Roman. Obwohl es einige Zeit her ist, dass ich ihn gelesen habe, ist er noch ganz und gar präsent in meiner Erinnerung. Geschickt vermischt der Autor in dieser Story fiktive und reale Personen. So taucht nicht nur der islamkritische Niederländer Theo van Gogh (+ 02.11.2004), sondern auch der Autor höchstpersönlich auf. Mit Ironie und bissigem Spott beschreibt Leon de Winter sich selbst als ganz und gar unattraktiven Mann. Und gibt damit dem ernsten Thema des Romans eine humorvolle Note.

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