Schlagwort-Archive: Finnland

Minna Rytisalo. Lempi

rytisalo.lempiIm Roman Lempi erzählt Minna Rytisalo eine geheimnisvolle Geschichte, welche dank der verschiedenen Erzählperspektiven auch noch extrem spannend zu lesen ist. In drei Teilen nämlich erinnern sich Ehemann Viljami, Magd Elli und Lempis Schwester Sisko an sie. Und während Viljami voller Wärme und Liebe von ihr spricht, sind Ellis Gedanken voller Neid und Eifersucht. Lempi selbst ist zwar komplett abwesend, dank der Gedanken der anderen jedoch sehr präsent.  Weiterlesen

Advertisements

Mooses Mentula. Nordlicht – Südlicht

002Vorige Woche mit der Klappentexterin im vietnamesischen Quà Phé in Berlin Mitte bei Ingwerlimonade und heißen Getränken einen schönen Nachmittag verbracht …. schnell waren ein paar Bücher hin- und hergetauscht. Ihre Leseempfehlung für mich ist der finnische Roman „Nordlicht – Südlicht“. Ich bin auf die Story extrem gespannt, hatte ich doch im Beitrag Finnland. cool davon gelesen.

Der Roman beginnt in einer kurzen Augustnacht, als der junge Lehrer Jyri aus dem Süden Finnlands am Tresen Bekanntschaft mit zwei eigenwilligen Menschen des Ortes macht: dem verrückten Dichter Lauri im ewigen Motorschlittenoverall und dem bärtigen und ziemlich angetrunkenen Jouni Korhonen. Herrlich schrullig und tragikomisch – willkommen in Finnland!

Weiterlesen

Frans Eemil Sillanpää. Frommes Elend

sillanpää, elendDie Spannung steigt, denn in wenigen Stunden wird wieder der Nobelpreis für Literatur vergeben. Der einzige finnische Autor, der jemals diesen Preis erhalten hat, ist Sillanpää und „Frommes Elend“ sein berühmtester Roman. Mit ihm und dem Autor Maxim Harezki startet der in diesem Jahr in Berlin gegründete Guggolz Verlag sein Programm. Verleger Sebastian Guggolz hatte auf der Suche nach vergessenen Autoren u.a. Frans Eemil Sillanpää (1888-1964) entdeckt.

Diesen Roman zu lesen, war eine ganz besondere Erfahrung. Und das hat mehrere Gründe.

Weiterlesen

Katja Kettu. Wildauge

image001Es gibt religiöse, politische, ethische und andere Gründe, warum eine Liebesbeziehung für verboten erklärt werden kann. Und es gibt unzählige Gründe, warum Menschen sich gegen jedes Gesetz dennoch lieben. Liegt nicht gerade im Verbot der besondere Reiz? Im Roman „Wildauge“ erzählt die Enkelin Katja Kettu die Geschichte einer solchen unmöglichen Liebe. Es ist die Geschichte ihrer Großmutter.

Wildauge ist eine junge finnische Hebamme, die in ihrer Tätigkeit, Leben zu nehmen und Leben zu geben, ausschließlich ihren Urinstinkten folgt. Sie trägt das Wissen mythischer Heilkräfte und den besonderen Blick einer Schamanin – ein Blick, den die Männer fürchten. Sie ist das Zentrum dieser kraftvollen, wild animalischen und literarisch berauschenden Story. Und sie ist meine Heldin! Weiterlesen

Jan Costin Wagner. Tage des letzten Schnees

wagner, letzte SchneeJan Costin Wagner, geboren 1972, ist nicht nur Autor großartiger literarischer Kriminalromane, sondern außerdem Songwriter und Musiker. Und so fühlt sich eine Lesung mit ihm schon mal an, wie ein kleines Event, womit er einen total verzaubert. Da sitzt er – still und so symphatisch – während er im Wechsel liest oder leise Musik spielt. Am Klavier. Literatur und Musik ergänzen sich bei Jan Costin Wagner in vollkommenster Weise.

Und darum sitze ich jetzt hier, höre seine CD „behind the lines“ und erinnere mich an die letzten Stunden mit Kimmo und „Tage des letzten Schnees“. Passenderweise habe ich das Buch am Wochenende in einem alten Haus in der Altmark gelesen. Draußen fiel in dicken Flocken der Schnee, die Landschaft war im Frost erstarrt. Fenster vom Fussboden bis zur Decke  schenkten mir eine Aussicht in den verschneiten Garten, die sich vom Cover des Romans kaum unterscheidet. Die Stimmung war schon fast magisch! Es hätte Turku sein können. Denn Ort der Handlung in diesem, dem 5. Fall mit Kimmo Joenta, ist wieder Finnland. Es ist der erste Tag im Mai:

„Am ersten Mai fiel der letzte Schnee. Das hatte der Wetterbericht so vorhergesagt und so war es gekommen. Lasse Ekholm steuerte den Wagen vom Parkplatz auf die Straße und betrachtete den Himmel, aus dem die dicken weißen Flocken fielen, die in diesem Monat nichts verloren hatten. Er dachte darüber nach, dass im Zusammentreffen des ersten Tages mit dem letzten Schnee eine Symmetrie verborgen lag. Eine Symmetrie, die schlüssig und schön war, weil sie auf asymmetrischen Komponenten beruhte. Das Erste und das Letzte, Anfang und Ende, verschmolzen zu einer Einheit …“ (S. 9)

Lasse, der gerade seine kleine Tochter Anna vom Eishockey abholt, ahnt noch nicht, dass dies der schrecklichste Tag seines Lebens sein wird. Nichts wird mehr sein wie bisher.Wie lebt man weiter mit einem Unfall, an dessen Ausgang man nicht ganz unschuldig war?

Parallel zu der Story um Anna und Lasse Ekholm laufen weitere Handlungen, die zu einem grandiosen und abslout schlüssigen Finale zusammen laufen. Immer wieder wechseln Orte und Erzählperspektiven. Den Faden der Handlung verliert man dennoch nie. So wird die Geschichte um Kimmo und seine scheue Geliebte, die sich Larissa nennt, weiter erzählt. Kimmo, der vor vielen Jahren seine Frau Sanna verloren hat, öffnet ihr ganz langsam sein Herz. Ein finnischer Fondsmanager verliebt sich in Ostende (Belgien) in eine ungarische Prostituierte. Ein einsamer junger Mann bewegt sich fast ausschließlich in Chatrooms und plant einen Amoklauf. Allen Figuren gemeinsam ist eine gewisse Einsamkeit und ein Leben als Außenseiter. Es gibt weder ausgelassen fröhliche Familien noch glücklich funktionierende Beziehungen. Als hätte sich über alle Menschen diese winterliche Stimmung gelegt. Wenn der Roman im September endet, fällt bereits der erste frühe Schnee.

Wer zum ersten mal Jan Costin Wagner liest, wird sich schnell in die Melancholie und den lyrischen Rhythmus seiner Sprache verlieben. Man darf keinen klassisch skandinavischen Krimi erwarten. Eher beschreibt Wagner, wie kleine Tragödien das Leben dramatisch verändern können. Ein unachtsamer Moment. Eine Eifersuchtszene, die anders verläuft, als geplant. Eben schwebte alles noch im schönsten Gleichgewicht, um im nächsten Moment außer Kontrolle zu geraten. Und dann ist es eben die besondere Stimmung, die ich so noch bei keinem Autor gefunden habe. Seit „Eismond“ folge ich Kimmo Joenta. Leide mit ihm, freue mich mit ihm, als sei er ein guter alter Freund. Der Roman endet mit einer großen Veränderung in seinem Leben, warum ich es jetzt kaum aushalten kann, wie es mit ihm weiter geht.

Jan Costin Wagner. Tage des letzten Schnees. Galiani Berlin 2014

Hier kann man in drei der Songs von „behind the lines“ reinhören:

http://www.jan-costin-wagner.de/60.html