Mooses Mentula. Nordlicht – Südlicht

002Vorige Woche mit der Klappentexterin im vietnamesischen Quà Phé in Berlin Mitte bei Ingwerlimonade und heißen Getränken einen schönen Nachmittag verbracht …. schnell waren ein paar Bücher hin- und hergetauscht. Ihre Leseempfehlung für mich ist der finnische Roman „Nordlicht – Südlicht“. Ich bin auf die Story extrem gespannt, hatte ich doch im Beitrag Finnland. cool davon gelesen.

Der Roman beginnt in einer kurzen Augustnacht, als der junge Lehrer Jyri aus dem Süden Finnlands am Tresen Bekanntschaft mit zwei eigenwilligen Menschen des Ortes macht: dem verrückten Dichter Lauri im ewigen Motorschlittenoverall und dem bärtigen und ziemlich angetrunkenen Jouni Korhonen. Herrlich schrullig und tragikomisch – willkommen in Finnland!

Ich bin noch gar nicht richtig drin in der Geschichte, da habe ich schon das Gefühl, jeden Moment kommt der Toivola Jussi aus „Frommes Elend“ um die Ecke spaziert.  Das liegt aber nicht nur daran, dass auch in diesem Roman die Männer so lustige Namen, wie Hecht-Hartikainen und Helikopter-Korhonen tragen. Es ist ganz besonders die Atmosphäre dort im dünn besiedelten kargen Lappland mit den ewigen Seeschwalben, den Moltebeeren und Rentierherden. Wo es im Sommer nie dunkel wird und im Winter am Horizont das grüne Nordlicht zittert und flimmert. Und es ist das Gefühl, als würden nicht fast hundert, sondern nur wenige Jahre zwischen beiden Roman liegen. Irgendwie ist das Leben hier im Norden noch immer extrem hart. Viele der Rentierbauern und Fischer bleiben ohne Frau. Hat einer mal das Glück, eine zu heiraten, ist da immer die Angst, dass auch sie zu einer „Schwalbe, die in den Süden zieht“ werden könnte. Zu hart. Zu kalt. Zu dunkel und zu einsam ist es hier.

Das nächste Kapitel beginnt beschwingt und leicht. Es ist heller Tag und Lenne kauft mit seiner Mama Marianne Schulkleidung für den Start als Viertkläßler in wenigen Tagen. Lenne macht gern Quatsch mit seiner Mama, bringt sie zum Lachen, das immer mit einem tiefen Gurren beginnt, und dann in ein helles Kichern übergeht. Leider lacht seine Mama viel zu selten und ihre Ehe mit Papa läuft auch gar nicht gut. Die kleine Familie Korhonen lebt 50 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Lenne liebt es, ein „Waldmensch“ zu sein. Ganz anders als seine Mutter, die es einfach nicht aushält, so abgeschieden mitten im Wald zu leben. Ich habe diese wunderschöne einsame Frau so sehr verstanden. So jung, so wild mit ihrem roten Haar und den grünen Augen. Tief spaltet sich ihr Herz: soll sie ihren Mann und den geliebten Sohn verlassen, um in den lebendigen Süden zu gehen oder hier bleiben und weiterhin Ehefrau und Mutter spielen?! Mentula schafft es, dass mir alle Figuren dieses Romans zutiefst symphatisch sind. Nicht nur Marianne, sondern Ehemann Jouni genauso wie der junge Lehrer Jyri.

Lenne ist es schließlich, der mit kindlicher Naivität und der tollsten Idee der Welt versucht, die Ehe seiner Eltern zu retten. Aus einem alten Motorschlitten-Overall, einer Sturmmaske und einem Helm bastelt er sich sein ganz persönliches Superman-Kostüm. Schwarze Lackfarbe raufgesprüht, Rentiergeweihe angebastelt und schon wird aus dem kleinen ängstlichen Lenne Der Rentierjunge. Das ist herzzerreißend schön. Bis zum letzten Satz verschlinge ich diesen Roman, der Ehedrama, Familienroman und Sozialkritik in einem ist.

Aber auch eine der schönsten Vater-Sohn-Geschichten! Und mein neuer Held ist nun ganz sicher Der Rentierjunge mit seinem tiefem Röhren und dem Glauben, dass alles gut wird. Wenn sein Papa ihn endlich in die Arme schließt und Lenne es wohlig genießt, wie seine  streichelnde Hand nach Zigarette und Schießpulver riecht, dann ist das für mich der schönste Moment, den ich seit langem in der Literatur gefunden habe.

Finnland und Marokko 002Für mich ist dieser Roman aus dem Weidle Verlag aber nicht nur literarischer Hochgenuss, sondern auch bibliophiles Meisterwerk. Ein Kleinod, das es so heute kaum noch gibt: mich überrascht nämlich nicht nur die Fadenheftung, sondern ganz besonders das wunderschöne Pappcover mit den ziehenden Rentieren im tiefen Schnee, welches sich versteckt unter dem Schutzumschlag befindet.

Mooses Mentula. Nordlicht – Südlicht. Aus dem Finnischen von Antje Mortzfeldt. Weidle Verlag Bonn. 2014. 261 S., 23 €

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