Archiv der Kategorie: Weltliteratur

Klassiker lesen im Advent

In zwei Wochen ist erster Advent. Die Adventszeit gehört für mich als Buchhändlerin zu den aufregendsten Wochen des Jahres. Der Kopf brummt und das Herz schlägt einen schnelleren Takt als gewöhnlich. Es ist, als befände ich mich jeden Tag in einer Art Kampfzone, welche ich super erschöpft, aber überglücklich nach vielen Stunden verlasse. Schnell nach Hause, ein bißchen entspannen und auftanken für den nächsten Tag.
Klar, dies ist mein ganz persönlicher Ausnahmezustand. Jeder erlebt diese Zeit anders. Die Adventszeit könnte ja auch eine Zeit sein, um ausschließlich Klassiker zu lesen. Was für eine zauberhafte Vorstellung! Sofort spüre ich Kerzenduft und leise Musik. Ich sehe einen kuscheligen Lesesessel und Tee und Marzipan und Pfefferkuchen und einen dicken Klassiker … Und was würde ich lesen?
Ich habe mir einfach mal Gedanken gemacht, welches meine Lieblingsklassiker sind. Ein paar moderne Klassiker sind dabei und es sind längst nicht alle. Hier meine fünf Favoriten:

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Albert Camus. Der Fremde

camus_der_fremdeManchmal erinnere ich mich nicht, warum ich gerade diesen oder jenen Roman gelesen habe. Dass ich genau jetzt Der Fremde lese, hat aber einen Grund. In wenigen Tagen erscheint bei Kiepenheuer & Witsch der Roman Der Fall Meursault. Eine Gegendarstellung. Der in Algerien lebende Autor Kamel Daoud gibt darin dem namenlosen Araber aus Camus‘ Roman eine Identität. Er erfindet einen Namen und eine Geschichte für den Mann, der von dem jungen Franzosen Meursault am Strand erschossen wird.

Meursault – ein junger Franzose – fühlt sich in seinem Leben und auch in seiner Tätigkeit als Kaufmann glücklich und sehr wohl. Im Algier der 40er Jahre sind alle Frauen schön, weshalb ihn nichts zurück zieht in seine Heimatstadt Paris. Wo alle Menschen blass, die Höfe dunkel und die Strassen schmutzig und voller Tauben sind. Ein Blick aus seinem Büro, und er sieht das Meer und die Frachtdampfer im sonnenheißen Hafen.  Weiterlesen

Franz Kafka. Brief an den Vater

Kafka_Brief_an_den-VaterEine Reise nach Prag mit meinem Sohn ist der Auslöser, endlich das kleine Buch Brief an den Vater für ein paar Kronen zu kaufen und es schließlich auch zu lesen. Prag erinnert überall an Kafka. Die Stadt ist so herrlich alt und charmant. Mit Hilfe unseres Kafka-Stadtplans spazieren wir durch die Gassen. Wir sitzen im Chotkovy Sady – einem Park in der Nähe der Prager Burg Hradschin. Hier hat auch Kafka gern in der Stille unter den Bäumen gesessen und gelesen. Durch das berühmte Goldene Gässchen zu spazieren, gelingt uns leider nicht, es kostet Geld. Hätte Kafka das gewollt?  Weiterlesen

Dorothy Baker. Zwei Schwestern

Baker_Zwei_SchwesternZusammen sind sie 48 Jahre alt – die Zwillingsschwestern Cassandra und Judith Edwards. In wenigen Tagen würde Judith heiraten. Es ist der 21. Juni und Cass fährt zügig los in Berkely, drückt richtig auf die Tube, um rechtzeitig am Abend auf der Ranch bei ihrer Familie anzukommen. Es würde glühend heiß sein zu Hause und es würde schön sein, sie alle wiederzusehen. Hund, Katze, Dad, Granny und … Judith. Ihre Mom war vor drei Jahren überraschend gestorben. Den Bräutigam kannte Cass nicht. Hieß er Lynch oder Finch? Und konnte Cass zulassen, dass Judith einen unbekannten Medizinstudenten aus New York heiratete und damit das unsichtbare Band zerriss, dass die beiden eineiigen Zwillinge in ihrem bisherigen Leben aufs Engste miteinander verbunden hatte?  Weiterlesen

Patricia Highsmith. Carol oder Salz und sein Preis

Highsmith_Carol_oder_Salz_und_sein_PreisDer Sommer boomt, die Hitze in der Großstadt ist kaum noch auszuhalten. Warum also die Gedanken nicht mal wandern lassen an einen kühleren Ort und in eine andere Zeit … Vorweihnachtliche Stimmung im New York der 50er Jahre. Um sich ein wenig Geld dazu zu verdienen, arbeitet Therese in der Spielzeugabteilung eines Kaufhauses. Übermächtig lastet auf ihr das Sinnlose ihrer Tätigkeit. Sie hat das Gefühl, dieser Job mit seiner hoffnungslosen Tristesse hindere sie daran, das zu tun, was sie eigentlich gern tun würde. Sie ist Bühnenbildnerin und entwickelt mit großer Leidenschaft Modelle für Theaterbühnen. Doch fehlt ihr die Zeit für Kreativität. Auch macht ihre Beziehung mit Richard sie nicht glücklich. Er ist gut zu ihr und manchmal war ihr, als wäre sie verliebt … Doch diese Empfindung hatte keine Ähnlichkeit mit dem, was sie über die Liebe gelesen hatte. Die Liebe galt als eine Art seligen Irrsinns (S. 42). Und wenn sie die Arme um Richard legte, dann kam sie sich gehemmt und töricht vor, als würde sie einen Baumstamm umarmen (S. 35).

In all dieser sinnlosen Tristesse steht eines Tages Carol vor ihr. Weiterlesen

Lydia Tschukowskaja. Untertauchen

tschukowskaja_untertauchenDer Winter ist fast vorbei, in wenigen Tagen ist Frühlingsanfang. Wer sich noch ein letztes Mal verführen lassen möchte von den unzähligen Möglichkeiten, den Schnee zu beschreiben, der möge eintauchen in diese Geschichte. Puderiger Schnee. Schnee, der sich sanft auf alles legt. Diamanten glitzernder, scharfkantiger und eisig glänzender Schnee. Die junge Dichterin Nina Sergejewna erholt sich für einige Wochen in einem tief im Wald gelegenen Sanatorium und verwandelt mit ihrem besonderen Blick die Dinge um sich herum in reine Poesie … Tanzende Birken, mit Raureif besetzte Haselnusssträucher, schiefe Katen wie mit Kohle auf Papier skizziert.

Doch versteckt sich zwischen den Zeilen tiefe Melancholie. Auch die schönsten Naturbeschreibungen täuschen nicht darüber hinweg, dass in jenem Vorfrühling 1949 die Angst bestimmend war. Angst davor, die gesamte Intelligenzija könnte ein zweites Mal verhaftet und in Lager verbracht werden. Angst davor, es könnte ein „neues Jahr 1937“ geben. Weiterlesen

Wsewolod Petrow. Die Manon Lescaut von Turdej.

Petrow, Manon Weidle VerlagTurdeskaja Manon Lesko – so der Titel des russischen Originals – bleibt für mich unvergessen. Eine ganz besondere Erzählung, die dank dem Weidle Verlag seit 2012 endlich in Deutsch vorliegt und gerade als Taschenbuch bei btb erschienen ist. Wieder einmal fasziniert mich die Geschichte hinter der Geschichte ebenso, wie das Lesen der Novelle selbst. Bereits 1946 geschrieben, wurde sie erstmals 2006 in der Zeitschrift „Nowyj mir“ veröffentlicht. Viele Male soll Petrow auf Partys vor der Leningrader Kulturelite aus seiner „sowjetischen Manon Lescaut“ gelesen haben. Eine Veröffentlichung habe er nie gewünscht. Warum das so ist, verstehe ich erst mit dem Lesen des Nachwortes von Oleg Jurjew. Und so atmosphärisch wie sie beginnt, so nimmt sie mich gefangen bis zum letzten Satz …

… Ich lag auf einem Hängeboden, der als Pritsche diente, in unserem kanonenofenbeheizten Waggon. Links war die Wand, rechts mein Kollege Aslamasjan … unten, unter den Pritschen lebten die Krankenschwestern. Das waren einfache Mädchen …

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