Abbas Khider. Ohrfeige

khider_ohrfeige_hanserWas unterscheidet einen braven Bürger im bayerischen Niederhofen von einem guten und sehr leckeren (Ham)Burger? Ganz einfach: der Umlaut! Deutscher Buerger mit Umlaut. Burger King ohne Umlaut …
Diese nüchterne und einfache Erklärung erteilt ein bayerischer Beamter Karim und Rafid auf ihre Nachfrage, was ein Bürger sei. Als sie den Unterschied begreifen, lacht Rafid sich darüber fast zu Tode.
Dabei ist wirklich wenig lustig im Leben der Beiden. Dem Ich-Erzähler Karim Mensey gelingt aber ein humorvoller Blick auf jede noch so ausweglose Situation. Der Roman „Ohrfeige“ ist so skurril und absonderlich wie das Leben seiner Figuren. Manchmal urkomisch und dann plötzlich tieftraurig. Der Phantasie und der unendlichen Hoffnung seiner Erzählers Karim verdanke ich, die harte Realität seines Alltags auszuhalten. Karim versteht es ja selbst manchmal nicht mehr … Dort fiel eine Bombe, hier wurde Wodka getrunken. Dort starb ein Mensch … hier hatte ich einen Orgasmus. Es war skurril. Alles fand gleichzeitig statt (S. 197) 

Die Geschichte beginnt damit, dass der Ich-Erzähler mal eben in die Ausländerbehörde reinspaziert und seiner Sachbearbeiterin Frau Schulz eine Ohrfeige erteilt. Ihre Hände und Fußgelenke daraufhin mit Packband an den Stuhl klebt und ihren Mund ebenfalls mit Packband verklebt. Während er ihr dann genüßlich den Rauch seines Joints ins Gesicht pustet, fängt er an zu reden. Auf Arabisch. Weil er sich nicht länger durch die deutsche Grammatik quälen will … durch diesen Dschungel aus Fällen und Artikeln, die man sich nie merken kann. Es ist natürlich Quatsch, jetzt mit ihr Arabisch zu sprechen, aber was soll’s. Auch wenn Arabisch ihre Muttersprache wäre, würde sie mich nicht verstehen. Sie stammt aus einer ganz anderen Welt als ich. Ein Erdling spricht gerade mit einem Marsianer. Oder umgekehrt (S. 10).

Karim beginnt zu erzählen. Von sich, von seiner irrsinnigen Flucht aus dem Irak. Von seiner Hoffnung, in Frankreich anzukommen. Von seiner Enttäuschung, im bitterkalten winterlichen Dachau gestrandet zu sein. Und vom schwierigen Leben hier.
Zwischen seinen Monologen wendet er sich immer wieder gefühlvoll und freundlich an seine Sachbearbeiterin, spricht sie auch gern mit liebe Frau Schulz an. Diese sehr respektvollen Formulierungen lassen die Situation umso komischer und absurder erscheinen, denn Frau Schulz sitzt noch immer gefesselt auf dem Stuhl hinter ihrem Schreibtisch … Ob sie wohl je darüber nachgedacht, wie langsam die Tage im Asylantenheim vergehen? Wenn man Tag für Tag und Stunde um Stunde lediglich damit beschäftigt ist, auf einen grünen Bescheid zu warten? Karims Humor ist auch bei der Beschreibung der Langeweile so selbstreflektierend wie humorvoll. Nie pathetisch oder anklagend.

Es war immer viel los bei uns, trotzdem war es unsäglich langweilig. Wir konnten nichts anderes tun, als zu warten, und wurden von Tag zu Tag dämlicher (S. 120).

… als würde eine kosmische Macht die Zeit wie einen Pizzateig kneten und so dünn wie möglich ausrollen (S. 117).

Durchs Einkaufscenter zu schlendern, schenkt den arabischen Jungs ohne Heimat immerhin für Momente ein Gefühl von Normalität. Wie gern würden sie dort im Café sitzen, plaudern oder mit der hübschen Kellnerin flirten. Ich spüre sofort, wie sie sich fühlen … wie Marsianer auf dem Planeten Erde. Wir standen mittendrin und waren doch meilenweit von alldem entfernt. Die Einheimischen gingen shoppen, wir wärmten uns an ihrem Leben (S. 76). Wieder diese reduzierte Sprache. Mehr braucht es nicht. Kein langer Text. Keine weitschweifige Beschreibung. Zwei Sätze von Abbas Khider und ich habe eine ganze Filmsequenz im Kopf.

Mein neues Lieblingswort, das hat ganz sicher Ich-Erzähler Karim erfunden: Turbomuslim. Ein Turbomuslim ist jemand, dem man mit dem Koran heftig auf den Kopf geschlagen hat, der religiös total verbohrt ist. Denn auch das kann entstehen in der Langeweile und der endlosen Hoffnungslosigkeit – extreme religiöse Hingabe. Oder die endlose Hingabe an Alkohohl, Haschisch und Zigaretten … Die Gefahr ist jedenfalls da, wenn ein Tag sich an den nächsten Tag reiht, wie auf einer endlosen Perlenschnur. Und man nach jahrelangem Warten dann immer noch vor einem gigantischen Nichts steht. Was Karim und Rafid am Ende erreicht haben? Ob es einen Lichtblick gibt? Wie der Roman endet? Eins ist klar – skurril und abgedreht.

Abbas Khider. Ohrfeige. Carl Hanser Verlag. München 2016. 220 Seiten. 19,90 € / zeitgleich erscheint das Hörspiel bei Hörbuch Hamburg. Audio-CD 75 Minuten. Bearbeitung Abbas Khider und Julia Tieke. 12,49 €

 

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