Schlagwort-Archive: Carl Hanser Verlag München

Galagos-Äffchen und Pfeiffrösche – Willkommen bei den Terranauten

boyle_terranautenEgal ob Wassermusik, Ein Freund der Erde oder Der Samurai von Savannah – immer lese ich T.C. Boyle dann am liebsten, wenn er die Geschichte seiner Figuren mit außergewöhnlichen Naturereignissen verknüpft. Er ist ein Meister im Beschreiben von kreischenden Affen, krabbelnden Insekten und fiesen Schlangen. Von Schlingpflanzen, Schlamm und Sümpfen. Und er ist ein Meister darin, seine Helden in richtig fiese und total verrückte Situationen zu bringen – den Forscher Mungo Park in Afrika genauso wie den militanten Umweltschützer Ty in Kalifornien oder den Japaner Hiro Tanaka in den Sümpfen von Georgia. Oft geht es in seinen Romanen um die magische Verstrickung des Menschen mit der Natur – und wie hilflos wir ihr bei allem technischen Fortschritt doch ausgeliefert sind.

Nach einen Roman wie Die Terranauten, in welchem die Natur wieder absolut dominantes Thema ist, habe ich mich also direkt ein bißchen gesehnt. Es ist, als würde Boyle sagen: Hereinspaziert! Willkommen in meiner Welt. But, attention, please. Nothing in. Nothing out!

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Hiromi Kawakami. Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß

kawakami_himmelEs muss einfach sein. Es gibt so Tage, da interessiert mich nichts Neues, da hilft nur ein Roman aus längst vergangenen Tagen, den ich ein zweites Mal lese. Ich freue mich auf die Begegnung mit den mir bekannten Figuren, bin gespannt, was ich noch erinnere und was ich neu entdecken werde …

Tsukiko ist 37 Jahre alt, als sie ihrem Japanisch-Lehrer Harutsuna Matsumoto-Sensei in einer Kneipe wiederbegegnet.
Gerade hatte sie dem Wirt ihre Bestellung zugerufen, da vernimmt sie neben sich die Stimme eines Mannes, der ebenfalls diese Gerichte bestellt – Thunfisch mit fermentierten Sojabohnen, gebratene Lotuswurzeln in süßer Sojasauce und eingelegte Perlzwiebeln. Erstaunt stellt Tsukiko fest, dass direkt neben ihr der Sensei sitzt. Er ist es tatsächlich!

Beide sind einsam, beide mögen sich. Und beide begegnen sich wie zufällig von nun an regelmäßig in diesem kleinen Laden, speisen gemeinsam, trinken warmen Sake aus kleinen Keramikflaschen und reden. Bereits nach wenigen Seiten, aber spätestens an folgender Stelle der Geschichte, weiß ich, es ist mehr als Sympathie, das beide verbindet: Der Sensei war für mich, wie soll ich sagen, wie die Buchschleife um den Schutzumschlag eines Buches, die man nicht abmachen und wegwerfen will (S. 32). Weiterlesen

Abbas Khider. Ohrfeige

khider_ohrfeige_hanserWas unterscheidet einen braven Bürger im bayerischen Niederhofen von einem guten und sehr leckeren (Ham)Burger? Ganz einfach: der Umlaut! Deutscher Buerger mit Umlaut. Burger King ohne Umlaut …
Diese nüchterne und einfache Erklärung erteilt ein bayerischer Beamter Karim und Rafid auf ihre Nachfrage, was ein Bürger sei. Als sie den Unterschied begreifen, lacht Rafid sich darüber fast zu Tode.
Dabei ist wirklich wenig lustig im Leben der Beiden. Dem Ich-Erzähler Karim Mensey gelingt aber ein humorvoller Blick auf jede noch so ausweglose Situation. Der Roman „Ohrfeige“ ist so skurril und absonderlich wie das Leben seiner Figuren. Manchmal urkomisch und dann plötzlich tieftraurig. Der Phantasie und der unendlichen Hoffnung seiner Erzählers Karim verdanke ich, die harte Realität seines Alltags auszuhalten. Karim versteht es ja selbst manchmal nicht mehr … Dort fiel eine Bombe, hier wurde Wodka getrunken. Dort starb ein Mensch … hier hatte ich einen Orgasmus. Es war skurril. Alles fand gleichzeitig statt (S. 197)  Weiterlesen