Albert Camus. Der Fremde

camus_der_fremdeManchmal erinnere ich mich nicht, warum ich gerade diesen oder jenen Roman gelesen habe. Dass ich genau jetzt Der Fremde lese, hat aber einen Grund. In wenigen Tagen erscheint bei Kiepenheuer & Witsch der Roman Der Fall Meursault. Eine Gegendarstellung. Der in Algerien lebende Autor Kamel Daoud gibt darin dem namenlosen Araber aus Camus‘ Roman eine Identität. Er erfindet einen Namen und eine Geschichte für den Mann, der von dem jungen Franzosen Meursault am Strand erschossen wird.

Meursault – ein junger Franzose – fühlt sich in seinem Leben und auch in seiner Tätigkeit als Kaufmann glücklich und sehr wohl. Im Algier der 40er Jahre sind alle Frauen schön, weshalb ihn nichts zurück zieht in seine Heimatstadt Paris. Wo alle Menschen blass, die Höfe dunkel und die Strassen schmutzig und voller Tauben sind. Ein Blick aus seinem Büro, und er sieht das Meer und die Frachtdampfer im sonnenheißen Hafen. 

Auch seine Freundin Maria in ihrem weißen Leinenkleid ist schön. Mit ihr beginnt Meursault kurz nach dem Tod seiner Mama eine kleine Liebesbeziehung. Will er sie heiraten? Er weiß es nicht. Er ist überhaupt ein sehr desinteressierter junger Mann, den nichts zu schockieren und nichts übermäßig zu freuen scheint. Den Tod seiner Mutter nimmt er genauso unerschütterlich und emotionslos an, wie einen außergewöhnlich schönen Sommertag am Meer .

Dieser Tag ist ein besonders heißer, die Luft flimmert, die Sonne steht glühend über dem rotgoldenen Strand. Erfrischung finden seine Freunde, Maria und er nur im kühlen Meer. Bei einem späteren Strandspaziergang begegnen die jungen Freunde zwei Arabern. „Die Araber“ – sind eine schweigsame Truppe aus dem Ort und mit einem von ihnen hatte Raymond wegen seiner Ex-Freundin Streit. Provoziert durch Raymond kommt es zu einer kurzen Prügelei, nach welcher die Araber sich hinter einen kühlen Felsen zurück ziehen. Wiederum ein paar Stunden später zieht es Meursault zu jenem Felsen, wo er den Araber mit dem Raymond Streit hatte, entdeckt. Es fällt kein einziges Wort. Nur die Sonne glüht weiterhin heiß. Träge schlagen die Wellen ans Ufer. Meursault zögert nicht lange, ohne jegliche Empfindung zieht er eine Pistole und tötet den Mann mit mehreren Schüssen.

Er kommt ins Gefängnis und sieht auch hier von seinem Fenster aus das Meer. Die spätere Vernehmung erscheint ihm wie ein Spiel, wie eine Story aus einem Kriminalroman. Nach fünf Monaten Haft – einer Zeit, die er nur dank schöner Erinnerungen und viel Phantasie überstanden hat – steht er vor dem Staatsanwalt. Sein ganzes jetziges Leben erscheint ihm total absurd. Doch was tut er dagegen? Nichts. Die Frage des Staatsanwalts, wieso er nach dem ersten sicheren Todesschuß vier weitere Kugeln auf den Leichnam des Arabers abgefeuert hat, kann Meursault nicht beantworten. Er weiß es nicht. Eine Lüge könnte ihm helfen, aus dieser Sache gut rauszukommen. Doch stoisch bleibt er bei der Wahrheit. Ohne Reue und ohne jegliches Gefühl. So, wie er den plötzlichen Tod der Mama mit Fassung ertragen hat, so gefasst nimmt er sein Urteil an. Erschüttert schlage ich das Buch zu. Dieses Ende habe ich nicht erwartet! Nirgendwo Hoffnung.

Camus ist in Algerien geboren und in armen Verhältnissen aufgewachsen. Die Mutter eine Spanierin, der Vater ein Franzose, welcher in den Kolonien einen Neustart versucht hat. Liest man Camus‘ Biografie, erfährt man außerdem, dass er sich immer auch für die in ihrer eigenen Heimat unterdrückten Algerier interessiert hat – „die Araber“. Sein namenloser Araber im Roman war möglicherweise auch Zeichen der eigenen Desillusion? In den 40er Jahren  und auch während der Besetzung durch die Deutschen lebte Camus in Frankreich. Als 1942 Der Fremde in Paris erschien, machte ihn das schlagartig berühmt. Dass dieser Erfolg seit sieben Jahrzehnten anhält und nicht aufhören wird, ist sicher der Zeitlosigkeit der hier erzählten Story zu verdanken. In reduzierter Prosa erzählt Camus nicht nur die Geschichte von Meursault, sondern die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts der Unterdrückung, der Ausgrenzung und der Heimatlosigkeit.

Daoud_Der_Fall_MersaultDem Roman Der Fremde sind deshalb noch weitere Auflagen und unzählige Leser zu wünschen. Besonders jetzt, wo sich 70 Jahre nach seinem Erscheinen der algerische Autor Kamel Daoud gefragt hat, wer jener algerische Mann eigentlich gewesen sein könnte und wie er gelebt hat. Daoud lässt einen alten Mann, den Bruder jenes toten Arabers, in einer Bar in Oran sitzen und dessen Geschichte erzählen … zwei Romane, die für mich schon jetzt unbedingt zusammengehören, dabei habe ich von Kamel Daoud noch nicht einmal den ersten Satz gelesen.

Der Roman Der Fall Meursault. Eine Gegendarstellung erscheint am 18. Februar und lässt mir ab sofort keine Ruhe. Lange habe ich einem Erscheinungsdatum nicht so entgegen gefiebert. Ich brenne darauf, Daouds Buch in den Händen zu halten. Wird er das Geheimnis um den toten Araber lösen? Was wird er zusätzlich in seiner Story erzählen? Gab es einen Auslöser, Camus‘ Geschichte weiterzuschreiben?

Kamel Daoud lebt in Oran in Algerien, wo er 197o geboren ist. Er arbeitet als Journalist beim Quotidien d’Oran. Albert Camus ist in Algerien am 07.11.1913 geboren und verstarb nach einem Autounfall am 04.01.1960.

Albert Camus. Der Fremde. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Verlag Rowohlt Taschenbuch 1997 (71. Auflage). 160 Seiten. 8,99 € / auch als Audio-CD bei Steinbach Sprechende Bücher 2013. Gelesen von Ulrich Matthes. 223 Minuten. 14,99 €

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10 Antworten zu “Albert Camus. Der Fremde

  1. Liebe Masuko,
    „Der Fall Mersault“ hat mich schon beim Studium des Verlagskatalogs besonders interessiert, ja eigentlich fasziniert. Und da ich Camus´ „Fremden“ auch noch nicht gelesen habe, liegt er nun direkt über Kamel Daouds Weitererzählung. Und mein Literarisches Quartett, dem ich Daouds Roman vorgeschlagen habe, war direkt begeistert von der Idee, beide Bücher zu lesen. So gibt es also in den nächsten Wochen erst den Camus´schen Existentialismus und dann den neuen Roman mit so vielen offenen Fragen. Ich freue mich also wie Du auf die Lektüre.
    Viele grüße, Claudia

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  2. Liebe Masuko!
    Es war vor ganz langer Zeit (1986?), als wir beide ab und an Briefe wechselten, das war während meiner Zeit beim Militär. Da bekam ich von Dir ein kleines Büchlein geschenkt, und zwar „Die Pest“ von Camus. Ich habe es damals gelesen, mehrfach gelesen, aber ich habe es nie geschafft, das in Gänze zu tun, ich bin, um es einfach zu sagen, „nicht richtig reingekommen“.
    Kann man sich jetzt mit dem hier rezensierten Buch an Camus annähern?

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    • Lieber Karsten,
      ein Ruf aus der Vergangenheit … verrückt. Ich habe dir damals „Die Pest“ von Camus geschickt? Lang ist das her.
      Zum „Fremden“ kann ich sagen, er ist überraschend klar und fast einfach strukturiert – sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Als Einstieg in das Werk von Camus sicher eine gute Wahl. Liebe Grüße

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  3. Danke für diesen Beitrag, ich werde es also mal probieren. Übrigens, es nicht das einzige Buch, welches ich nach Deiner früheren Empfehlung las, es gibt da mindestens zwei weitere, die mir sehr gefallen haben und die ich nach wie vor gerne lese.

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  4. Ja, manche Bücher kann ich immer wieder lesen. Darunter alle aus meiner doch umfangreichen Sammlung von Ephraim Kishon, das geht übrigens auf Deine Empfehlung zurück, irgendwann am Strand haben wir über Kishon geredet, das war zu der Zeit, als ein Sammelband von ihm in der DDR erschien. Ich bekam von Dir mal „Eine andere Welt“ von James Baldwin, das Buch hat mich damals sehr beeindruckt. Über ein weiteres Buch Deiner Empfehlung breite ich lieber den mantel des Schweigens, das ist ein Kinder/Teeniebuch von Karl Neumann, war damals sehr schön, aber es ist eben ein Kinderbuch.
    Es gibt auch andere Bücher, die ich mehrmals lesen kann, und manche Bücher lese ich auch mehrmals, weil sich beim ersten Mal nicht alles erschlossen hat, ich bei jedem Mal wieder neue Dinge finde. Dazu gehört „Der Turm“ von Tellkamp, das ist ein für mich höchst beeindruckendes Buch, dazu noch mit einigen deja-vu-Erlebnissen verknüpft, denn zur Zeit dieses Buches studierte meine kleine Frau dort in Dresden und ich besuchte sie regelmäßig.
    Viele Grüße

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  5. Hab auch gerade Der Fremde gelesen, aus demselben Grund wie du. Leider war auch ich ziemlich überrascht von dem Ende. Nun freue ich mich auf die Gegendarstellung.

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    • Beide Bücher gehören unbedingt zusammen. Das eine ohne das andere geht irgendwie nicht.
      Man kann da sicher auch jede Menge rein interpretieren oder zwischen den Zeilen entdecken. Dazu aber fehlte mir die Zeit und auch die Lust. Was bleibt ist dennoch ein ganz starker Leseeindruck mit unvergesslichen Bildern im Kopf. Bei Camus, aber auch bei Daoud.

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