Homegoing. Heimkehren. Yaa Gyasi

gyasi_heimkehrenEin Buch, das mich vor einigen Wochen sehr bewegt hat, ist Heimkehren von Yaa Gyasi. Von der Story und den Figuren los zu lassen, fiel mir extrem schwer. Ich brauchte mehrere Tage, um überhaupt Lust zu haben auf ein neues Buch. Und das will schon was heißen! Nun schreibe ich darüber und habe das Gefühl, ein Theatervorhang öffnete sich. Wieder und wieder würden Esi, Effia, Ness, H und all die anderen auf die Bühne treten und sich bei tosendem Applaus verneigen. Jede Figur vertraut, so vertraut.
Der Roman beginnt in Afrika vor mehr als 200 Jahren mit den Mädchen Esi und Effia. Sie sind Halbschwestern und kennen sich doch nicht. Esi schließlich wird gefangen genommen und als Sklavin in die USA verschleppt, Effia muss einen weißen Briten heiraten, der in Afrika stationiert ist. Kapitel für Kapitel geht es in großen Sprüngen durch die Jahrhunderte bis ins Heute. Auch wenn das bedeutet, dass in jedem Kapitel eine neue Figur „Hauptfigur“ ist, weiß man als Leser immer, wessen (Ur)-Enkel oder (Ur)-Enkelin das gerade ist. Denn die Autorin führt so souverän durch die Handlung, dass ein roter Faden immer erkennbar ist. Sehr berührend. Schockierend auch, doch immer stiehlt sich ein kleines Leuchten in den Text. Ganz großes Erzähl-Kino!

Die Geschichte beginnt im 18. Jahrhundert in Ghana. Junge Männer vom Stamm der Fante und Asante arbeiten für die Briten und bringen Sklaven aus den Dörfern an die Küste. In der Festung Cape Coast Castle werden die Männer und Frauen dann wochenlang festgehalten, bevor sie über den Atlantik nach England oder in die USA verschifft werden. Der Geruch der Angst ist allgegenwärtig. Gyasi muss diese Angst und das Grauen auch Jahrhunderte später noch gespürt haben. Eine Besichtigung jener Festung im Jahr 2009 löst in ihr die Idee zu dieser Geschichte aus.

In einem der nächsten Kapitel erzählt Gyasi von der jungen Baumwollpflückerin Ness auf einer Plantage in Alabama. Ness ist die Tochter von Esi. Bilder aus dem grandiosen Film 12 Years a Slave von Steve McQueen explodieren in meinem Kopf. Mit ihrem Mann und dem kleinen Baby Kojo versucht Ness, zu flüchten. Nur Kojo kann gerettet werden und überlebt. Ihn treffe ich zwei Kapitel später als Jo Freeman:

er hatte das schon so lange nicht mehr genossen, Baltimore, die kühle Meeresbrise … Jo war einst selbst Sklave gewesen. Er war damals noch ein Baby gewesen, und doch hatte er das Gefühl, sich daran zu erinnern, wann immer er in Baltimore einen Sklaven sah … In seinen Papieren stand Jo Freeman. Freier Mann. Die Hälfte der ehemaligen Sklaven in Baltimore hieß so. Man musste eine Lüge nur lange genug erzählen und sie wurde wahr (Seite 159).

So viel Hoffnung! Illusionen von Freiheit, die zerplatzen werden. Jo weiß hier noch nicht, dass sein jüngster Sohn H einmal zu schlimmsten Bedingungen Kohle schaufeln wird. Als Grubenarbeiter in Alabama. Wegen eines winzigen Delikts verhaftet, wird H zum Sklaven, wie seine Großmutter Ness es gewesen ist:

Er konnte sich kaum mehr an die Freiheit erinnern, und er wusste nicht, was er mehr vermisste, die Freiheit oder die Fähigkeit, sich zu erinnern … Manchmal rieben die Ketten im Schlaf an seinen Knöcheln, und er erinnerte sich an das Gefühl von Ethes Händen, was seltsam war, da sich Eisen ganz anders anfühlte, als Haut (Seite 226).

Und wieder ein Cut: Harlem. Die junge Frau Willie singt auf der Beerdigung ihres Vaters, dem Gewerkschaftsführer H, „Ich werde eine Krone tragen“. Willie ist zwar tieftraurig über den plötzlichen Tod des Vaters, doch gleichzeitig unendlich glücklich darüber, dass er wenigstens als freier Mann gestorben ist. In ihren Armen der kleine Carson:

Sein leises Wimmern war ihre Begleitung, sein Herzschlag ihr Metronom. Während sie sang, sah sie die Noten aus ihrem Mund schweben wie kleine Schmetterlinge, die ein wenig von der Traurigkeit mitnahmen, und sie wusste, dass sie überleben würde (Seite 281).

Auch Carsons Geschichte geht schließlich weiter, bis Gyasi mit ihrem Buch in der Gegenwart endet. Dort, wo auch die Geschichte Effias und ihrer Kinder, Enkel und Urenkel abschließt. Und auch hier strahlt er wieder, der kleine Funke Hoffnung, den Yaa Gyasi bei aller Tragik und Finsternis immer wieder aufleuchten lässt. Dank dieses Hoffnungsschimmers ist Heimkehren ein Buch, das man aushalten kann. In den USA – wo die Autorin lebt – war es wochenlang auf den Bestsellerlisten. Und steht in seiner Bedeutung sicher neben Colson Whiteheads Roman Underground Railroad – der oft und sehr positiv besprochen wird. Seit ich darüber auf den Blogs von buchrevier und lustauflesen.de gelesen habe, liegt er auf meinem Lesestapel ziemlich weit oben. Doch vorerst ist die Geschichte Effias und Esis noch zu präsent.

Es ist gut und wichtig, dass amerikanische Autor*innen sich mit ihren Stimmen zu Wort melden, um solche Geschichten zu erzählen. Das Thema der Sklaverei ist in Büchern und Filmen viel zu wenig präsent. Momentan aber scheint es eine Öffnung zu geben, besonders auch zum Thema Rassismus und Ausgrenzung. Sofort fallen mir so hochgelobte und wundervolle Autorinnen wie Chimanda Ngozi Adichie, Imbolo Mbue und Taye Selasi ein. Sie leben und schreiben in den USA, sind aber auf besondere Weise doch fest verwurzelt in Afrika. Oder – ganz aktuell – Angie Thomas mit ihrem Debüt The hate u give. Ein Roman über die Ermordung eines schwarzen Jungen aus der Rapper-Szene durch einen weißen Polizisten. Ihr Dankeswort am Ende dieses Romans endet mit den optimistischen Sätzen: … jedem Kind in Georgetown und in all den anderen ‚Gardens‘ der Welt will ich sagen: Eure Stimmen zählen, eure Träume zählen, eure Leben zählen. Seid die Rosen, die aus dem Beton wachsen (Seite 503).

Für Freunde des Hörbuchs hier ein letzter Tipp. Heimkehren ist auch als mp3 bei DAV erschienen, jede einzelne Figur hat hier eine eigene Synchronstimme – das pure Kino im Kopf!

Yaa Gyasi. Heimkehren. Aus dem Englischen von Anette Grube. DuMont Buchverlag. Köln 2017. 416 Seiten. 22,- €. Hörbuch (mp3) bei DAV. Mit den Stimmen von Bibiana Beglau, Jule Böwe, Johann von Bülow, Britta Steffenhagen, Wanja Mues u.v.a. 21,99 €

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5 Antworten zu “Homegoing. Heimkehren. Yaa Gyasi

  1. Wow. Das hört sich ja wirklich vielversprechend an. „Underground Railroad“ habe ich schon bei meiner Buchhändlerin vorbestellt, aber ich denke, dass „Heimkehren“ auch auf alle Fälle auf meiner To-read-Liste landen wird.
    Die Geschichte der Sklaverei ist sicher sehr interessant und ich habe auch noch nicht allzu viel darüber gelesen.
    Vielen Dank für diesen Tipp!
    Ganz liebe Grüße und ein wunderschönes Wochenende wünscht Dir
    lesesilly

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    • Beide Romane unterscheiden sich wahrscheinlich sehr voneinander. Ich bin wahnsinnig gespannt, wie Whitehead das Thema angeht. Von dem Netzwerk, das er in seinem Roman beschreibt, hatte ich nie zuvor gehört. Die ersten 20 Seiten fangen schon mal sehr gut an!
      Ein tolles Lesewochenende wünsche ich auch dir, liebe lesesilly! masuko

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  2. Das lesen wir demnächst im Bookclub, bin sehr gespannt darauf 🙂 Liebe Grüße …

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  3. Pingback: Yaa Gyasi – Heimkehren – LiteraturReich

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