Regina Scheer. Machandel

MachandelAuf die Frage nach dem Märchen vom Machandelboom antwortet der alte Wilhelm Stüwe in Mecklenburg mit einer abwertenden Handbewegung und den Worten: Kinningskram. Dat is nu all lang heer. Wohl ewe dusend Jor (S. 80). Das klingt fast so schön, wie der Beginn eines Märchens, ist aber Ausdruck einer Lebensphilosophie. Keine tausend Jahre, nur ein paar Jahrzehnte ist her, was Wilhelm zu erzählen hätte. Doch er will nicht drüber reden. Basta. Geboren 1910, hat er viele Systeme erlebt und Gründe für sein Schweigen. Ein Schweigen das leider auch ein Verschweigen ist, wie ich später erfahren werde.

Genau das Gegenteil vom alten Wilhelm ist Clara. Geboren in den 60er Jahren, ist gerade das Aufspüren von Vergangenem und das Erfahren von Geheimnissen Thema ihrer Magisterarbeit. Zart und poetisch sowie märchenhaft verwoben sind ihre gedanklichen Ausflüge in die alten Zeiten. In ihrer stoischen Art, nachzufragen und nicht aufzugeben, finde ich mich wieder, finde Parallelitäten. Ihre Rebellion gegen das DDR-System ist mir vertraut. Vertraut auch diese Sehnsucht: Clara und Michael kaufen im Sommer ’87 ein Haus in Mecklenburg, um dem ideologischen Druck in Berlin zu entfliehen und mit ihren Kindern wenigstens im Sommer und an den Wochenenden Freiheit zu fühlen. Freunde aus Berlin kommen, weil man dort draußen am Lagerfeuer laut reden, singen, lachen konnte. Ohne abgehört, bespitzelt zu werden.

Eine ganz eigene Meinung zum Thema Vergangenheit hat Herbert. Er ist in den 80er Jahren Mitbegründer der Initiative für Frieden und Menschenrechte, einer wichtigen Gruppe der DDR-Opposition. Für ihn ist das Vergangene nie vergangen, irgendwie nehme man das frühere Leben immer mit. Man dürfe sich nur nicht als Opfer jenes Systems sehen, weil man damit der Stasi einen nachträglichen Sieg einräumen würde –

Drei Generationen, denen Regina Scheer in ihrem Roman Stimmen verleiht. Viele der Geschichten erzählen von erstickten Träumen, von verhinderten Ideen. Manch einer will eben nicht mehr darüber reden. So wie der alte Wilhelm Stüwe. Auch Hans Langer ist ein schweigsamer verbitterter Greis geworden, der bis zum Schluß an die Revolution glaubt. Mit jeder einzelnen Figur geht Regina Scheer dennoch behutsam und liebevoll um. Das hebt zwar die Wut auf Menschen wie Wilhelm und Hans nicht auf, mildert diese aber ab. Harte Szenen wechseln mit besonders schönen. Immer wieder taucht das Märchen vom Machandelboom in verschiedensten Variationen auf und mehrmals begegnet mir im Roman das Bild eiserner Ringe, die von Herzen weggesprengt werden. Ein Märchenmotiv voller Hoffnung.

Ganz besonders aber sind es die weiblichen Figuren, wie Clara und Natalja, die mit einem stillen Leuchten durch diesen Roman spazieren. Natalja, die nach ihrer Ankunft im Dorf mühsam Deutsch lernt, und die neuen Worte in kleine Pakete verschnürt, um sie nicht zu verlieren. Kleine runde Dinge, bemerkt Natalja, fangen mit K an: Knospen, Knoblauch, Knopf und Kaddingbeere. Mit St fangen lange dünne Worte an: Straße, Strahlen, Stock.

Mit Claras und mit Nataljas Augen sehe ich das Schöne, sehe ich Machandelbäume, die das Dorf im Kreis umstehen, sehe ich in den Astgabeln einzelner Bäume die Nester der Wacholderdrosseln. Für mich verbinden sich mit diesen Sätzen Bilder von Frühling und neuem Leben. Hoffnung auf Neubeginn.

Dann die Demos im Oktober 1989, am 4. November und schließlich das große Ereignis am 9. November. Wie ein Lauffeuer geht die Nachricht durch die Berliner Altbauwohnungen. Ohne Facebook und Twitter wissen in kürzester Zeit alle: Die Mauer ist auf! Dass es für immer sein würde, kann noch niemand ahnen. Auch Clara und Michael werden von dieser Nachricht überrascht. Beide sind aktiv für eine demokratische DDR engagiert. Sofort mischen sich Schmerz und Trauer in die doch eigentlich wundervolle Nachricht: Das ist es, was sie sich gegen uns ausgedacht haben, Schabowski, Krenz. Sie haben das Ventil geöffnet, damit der Druck sie nicht fortreißt. Jetzt werden die Leute den Westen wollen und keine andere DDR. Und als alle Freunde sich auf den Weg machen zur Bornholmer Straße antwortet Clara: Ich bleib bei den Kindern.

Regina Scheer erinnert mit diesem Roman an Jahrzehnte deutscher Geschichte bis zurück zu den letzten Kriegstagen 1945. Einzigartige Charaktere und berührende Momente bestimmen diesen Roman. Ich bin tief abgetaucht, habe Vergangenes mit den Figuren gemeinsam neu durchlebt. Und auch wenn Wilhem sagt: „Dat is nu all lang heer“ – die Erinnerung bleibt in jedem, der dabei war. Unseren Kindern können wir Geschichten darüber erzählen, wie es gewesen ist. Und was für ein einzigartiger Tag jener 9. November 1989 war.

Wer wollte, der konnte am vergangenen Wochenende den Verlauf der ehemaligen Mauer hautnah miterleben. Ein Ereignis von ganz besonderer Emotionalität, da die Strecke bis zum 9. November mit tausenden erleuchteten Ballons markiert war. Hier zur Erinnerung eine Strasse in Kreuzberg – kilometerweit konnte man laufen. Weiter immer weiter.

MauerBallons 07.11.14 001

Regina Scheer. Machandel. Albrecht Knaus Verlag. München 2014. 478 Seiten. 22,99 €

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8 Antworten zu “Regina Scheer. Machandel

  1. Liebe Masuko,

    ich danke dir ganz herzlich für diese tolle Besprechung! Ich habe mir Machandel vor einigen Wochen gekauft, weil ich es mich in der Buchhandlung einfach angesprungen hatte. Gelesen habe ich es allerdings noch nicht. Du machst mich jetzt jedoch ganz neugierig darauf, es möglichst bald in die Hand zu nehmen.

    Während des Deutschen Buchpreises habe ich ab und an gehört, dass Machandel auch ein Kandidat gewesen wäre, ansonsten habe ich bisher aber noch kaum etwas über das Buch gelesen.

    Liebe Grüße
    Mara

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    • Liebe Mara,
      nimm dir viel Zeit für diesen Roman, der ein ganz besonderer ist. Stimmt, wie so einige Autoren, so hätte auch Regina Scheer sehr gut auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stehen können. „Machandel“ zu lesen, das lohnt sich wirklich sehr!
      Schöne Grüße, Masuko

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  2. Das Buch habe ich bereits und las nun deine schöne Besprechung. Nun freue ich mich sehr das Buch bald zu beginnen. Die Lichtergrenze und das
    Steigen der BallonS war wirklich gesamt ein Highlight.

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  3. Ja und Danke. 🙂 Ich las erst noch „Der Rosie-Effekt“ und bin nun seit gestern sehr versunken in „Machandel“. Ich mag die Art des Schreibens und viel Zeitgeschichte in diesem Buch sehr. Gerade, weil das der Thema der DDR mich auch betraf, obwohl ich noch ein Kind war. Mitbekommen habe ich vieles dennoch. Ein großartiges Buch, welches auch einen Buchpreis verdienen würde.

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  4. Hat dies auf masuko13 rebloggt und kommentierte:

    Manche Tage in der Buchhandlung sind so verrückt und schön, dass ich manchmal denke, ich träume. Wenn plötzlich Bernhard Schlink vor mir steht und nach einem Buchtipp fragt, beispielsweise. Oder ich die Chance habe, ganz entspannt mit Steven Uhly zu reden, ihm Fragen zu stellen, die mir auf der Seele brennen.
    Heute stand die wunderbare Autorin Regina Scheer plötzlich vor mir, um ein paar Exemplare von „Machandel“ zu signieren. Wir haben ein bißchen über den Roman gesprochen, der viele Jahrzehnte deutscher Geschichte umspannt. Nach „Wir sind die Liebermanns“ und „Ahawah. Das vergessene Haus“ ist „Machandel“ ihre erste komplett fiktive Geschichte. Ich habe mir von ihr gewünscht, sie möge weiter solche Romane schreiben. Figuren, wie Natalja und Clara sind mir vertraut geworden wie zwei gute Freundinnen und ihre Geschichte hat mich noch lange beschäftigt. Regina Scheer erzählt, dass auch bei Lesungen oft sehr emotionale Momente entstehen, wenn bei Lesern von „Machandel“ ganz persönliche Erinnerungen aufgeweckt werden. Schön, wenn Romane das erreichen.

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  5. Eine so schöne Besprechung dieses Buches. Ich bin nun fast bei den letzten Seiten. Es ist eines der Bücher, das man nicht aus der Hand legen mag….

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