Wann haben Sie das letzte Mal gleißendes Glück gespürt?

Als der Psychologieprofessor Edward E. Gluck im Roman Gleißendes Glück der verheirateten Helen Brindle diese Frage stellt, muss ich kurz innehalten. Hätte ich darauf antworten können? Wann habe ich diese Art von Glück das letzte Mal gespürt? Gleißendes Glück! Auch Helen weiß nicht sofort eine Antwort. Doch sie ist eine Suchende, genau wie ich. Sie hat das Buch von Edward E. Gluck gelesen und erste Antworten gefunden. Und genau darum lese auch ich. Immer auf der Suche nach provokanten Themen, lasse ich mich gern herausfordern und überraschen. Ein Buch muss nicht alle Erwartungen erfüllen oder eine klassisch romantische Liebesgeschichte erzählen. Drei Bücher zum Thema Liebe, Erotik und Begehren, die mich glücklich gemacht haben:

1. Eigentlich hatte Helen Edward wegen ihrer Schlafstörungen und ihrem verlorenen Glauben an Gott aufgesucht. Nun sitzen beide beim Wein, und Edward ist auf sehr charmante Weise vom „Sie“ zum „Du“ übergegangen. Eine knisternde Magie, der Helen sich kaum entziehen kann, geht von ihm aus. Es fasziniert und irritiert sie gleichermaßen. Noch weiß sie nicht, dass auch Edward ziemliche Probleme hat. Und dass auch er Hilfe braucht.
A.L. Kennedy erzählt in Gleißendes Glück eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, die weder banal noch romantisch verklärt ist. Dennoch baut sich eine extrem erotische Spannung auf, je mehr Helen und Edward sich kennen lernen. Beide sind vom Leben verletzt, aber mutig genug, sich neu zu verlieben.
Grandios verfilmt 2016 übrigens von Sven Taddicken mit Ulrich Tukur (Edward) und Martina Gedeck (Helen) in den Hauptrollen.

A.L. Kennedy. Gleißendes Glück. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. dtv Taschenbuchverlag München 2016. 208 Seiten 9,90 €

2. Einen ganz anderen Typ von Frau verkörpert Blanca in Milena Busquets Auch das wird vergehen. Blanca lebt und liebt gierig und lustvoll. Alleinsein ist für sie eine Horrorvorstellung, warum sie ständig ein turbulentes und quirliges Leben um sich herum braucht. Als Blancas Mutter stirbt, nimmt sie sich eine kurze Zeit der Trauer. Doch deshalb die Sommerferien mit Freunden und Exmännern nicht mehr im katalanischen Cadaqués zu verbringen, steht für sie gar nicht zur Diskussion. Diesen einzigartigen Sommer mit einer wunderbar selbstbewussten Blanca beschreibt Milena Busquets in intensiven Bildern. Wild schäumend – wie ein Tag am Meer. Zum Weiterlesen -> hier

Milena Busquets. Auch das wird vergehen. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp Verlag Berlin 2017. 170 Seiten. 10,- €

3. Chris Kraus ist in ihrem Buch I love Dick Hauptfigur und Erzählerin zugleich. In fiktiven Briefen und Tagebüchern sowie essayistischen Gedanken offenbart sie ihre völlig unerwartete und extrem heftige Liebe zu dem Künstler Dick. Begonnen hatte das als gemeinsames fiktives Brief-Projekt mit ihrem Mann Sylvère. Indem beide Dick immer wieder heraufbeschwören, haben sie endlich wieder ekstatischen Sex miteinander. Das funktioniert eine Weile gut, bis Chris klar wird, dass ihr diese Fiktion nicht genügt. Dass sie das Charisma und den Sexappeal des einsamen Cowboys bei ihrem Mann schon lange vermisst. Dick aber verkörpert all dies, er ist außerdem abweisend, arrogant und unerreichbar – was ihre obsessive Besessenheit nur verstärkt. Und schließlich zum Auslösen unzähliger Gedanken und provokanter Fragen in den Bereichen Literatur, Kunst, Homosexualität und Feminismus führt. Es geht um weibliche Kreativität und um Unabhängigkeit in der Literatur. Und all dies immer im Wechsel zu exzessiven Szenen. Oder zu leuchtenden Momenten schlichter Schönheit. Beispielsweise, wenn Chris ihre unglückliche Liebe in nur wenigen Textzeilen erklärt:

LD, am 3. Dezember begann ich dich zu lieben. Das tue ich noch immer. Chris (S. 255)

Und so endet I love Dick für mich mit einem Kopf voll verrückter Ideen, aber auch mit dem schmerzvollen Bewusstsein, was Liebe mit uns anstellt. Besonders, wenn wir begehren, was wir nie bekommen werden. Jill Soloway hat aus diesem Stoff eine Serie gemacht. Die erste Staffel von I love Dick mit Kevin Bacon (Dick), Kathryn Hahn (Chris) und Griffin Dunne (Sylvère) ist absolut sehenswert! Zum Weiterlesen -> hier

Chris Kraus. I love Dick Aus dem amerikanischen Englisch von Kevin Vennemann. Matthes & Seitz Berlin. 2017. 292 Seiten. 22,- €

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4 Antworten zu “Wann haben Sie das letzte Mal gleißendes Glück gespürt?

  1. Spannende Kombination: Während mich „Gleißendes Glück“ absolut überrascht und begeistert hat, war ich über Milena Busquets Roman regelrecht verärgert (I love dick kenne ich nicht). Es ist immer wieder toll, wie unterschiedlich Literatur bei ihren Lesern ankommt. Ein Grund, sich immer wieder darüber auszutauschen. Viele Grüße!

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    • „Gleißendes Glück“ habe ich bereits zweimal gelesen und es gefiel mir dann sogar noch besser. Vielleicht erwischt man auch nicht immer den richtigen Zeitpunkt für ein Buch. Blanca aus Milena Busquets Roman hat mich einfach erfrischt. Es ist nicht so tiefsinnig wie die anderen zwei Bücher, hat mir die Welt aber mal aus einem anderen Blickwinkel gezeigt. Auch das werde ich gern ein zweites Mal lesen. Schöne Grüße!

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  2. Liebe Masuko,
    Milena Busquets Roman habe ich vor kurzem auch gelesen und ebenfalls „gleißendes Glück“ empfunden. Dies ist einer dieser Romane in die man eintaucht und eine ganze Weile lang nicht mehr auftauchen möchte. Wenn man das dann doch tut, bleibt eine Gefühl von wohligem Empfinden.
    „Gleißendes Glück“ kenne ich noch nicht, denke aber, dass dieses Buch auch ganz nach meinem Geschmack ist. Wandert sofort auf die Wunschliste.
    Von „I love Dick“ habe ich unterschiedliche Meinungen gehört. Meine Buchhändlerin ist gar nicht begeistert. Aber Dir schein es ja gut gefallen zu haben?
    Liebe Grüße
    lesesilly

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    • Liebe lesesilly,
      ich sitze jetzt hier und freu mich! Schön, dass du Milena Busquets auch so gern gelesen hast. Das Gefühl, das du beim Lesen hattest, beschreibt sehr gut, wie es auch mir damit ging!
      „I love Dick“ liest sich komplett anders, als die beiden vorgestellten Romane. Ich habe es zwischendurch immer mal weggelegt, dann sogar erst die Serie auf Amazon Prime geschaut und schließlich zu Ende gelesen. Das Buch ist voll großer Ideen und Gedanken. Aber keine Wohlfühl-Lektüre. Oft konnte ich mich in Chris Kraus wiederfinden.
      Einen herrlichen Sommertag wünsche ich dir, masuko

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