Schlagwort-Archive: Liebe

Wann haben Sie das letzte Mal gleißendes Glück gespürt?

Als der Psychologieprofessor Edward E. Gluck im Roman Gleißendes Glück der verheirateten Helen Brindle diese Frage stellt, muss ich kurz innehalten. Hätte ich darauf antworten können? Wann habe ich diese Art von Glück das letzte Mal gespürt? Gleißendes Glück! Auch Helen weiß nicht sofort eine Antwort. Doch sie ist eine Suchende, genau wie ich. Sie hat das Buch von Edward E. Gluck gelesen und erste Antworten gefunden. Und genau darum lese auch ich. Immer auf der Suche nach provokanten Themen, lasse ich mich gern herausfordern und überraschen. Ein Buch muss nicht alle Erwartungen erfüllen oder eine klassisch romantische Liebesgeschichte erzählen. Drei Bücher zum Thema Liebe, Erotik und Begehren, die mich glücklich gemacht haben:

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Hiromi Kawakami. Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß

kawakami_himmelEs muss einfach sein. Es gibt so Tage, da interessiert mich nichts Neues, da hilft nur ein Roman aus längst vergangenen Tagen, den ich ein zweites Mal lese. Ich freue mich auf die Begegnung mit den mir bekannten Figuren, bin gespannt, was ich noch erinnere und was ich neu entdecken werde …

Tsukiko ist 37 Jahre alt, als sie ihrem Japanisch-Lehrer Harutsuna Matsumoto-Sensei in einer Kneipe wiederbegegnet.
Gerade hatte sie dem Wirt ihre Bestellung zugerufen, da vernimmt sie neben sich die Stimme eines Mannes, der ebenfalls diese Gerichte bestellt – Thunfisch mit fermentierten Sojabohnen, gebratene Lotuswurzeln in süßer Sojasauce und eingelegte Perlzwiebeln. Erstaunt stellt Tsukiko fest, dass direkt neben ihr der Sensei sitzt. Er ist es tatsächlich!

Beide sind einsam, beide mögen sich. Und beide begegnen sich wie zufällig von nun an regelmäßig in diesem kleinen Laden, speisen gemeinsam, trinken warmen Sake aus kleinen Keramikflaschen und reden. Bereits nach wenigen Seiten, aber spätestens an folgender Stelle der Geschichte, weiß ich, es ist mehr als Sympathie, das beide verbindet: Der Sensei war für mich, wie soll ich sagen, wie die Buchschleife um den Schutzumschlag eines Buches, die man nicht abmachen und wegwerfen will (S. 32). Weiterlesen

Johanna Adorján. Geteiltes Vergnügen

adorján_geteiltes_vergnügenGeteiltes Vergnügen ist ein Roman, den ich in rasantem Tempo und kaum ohne anzuhalten durchlese, der mich erfrischt und auf eine seltsame Weise glücklich macht. Ist es ein Liebesroman? Ein Beziehungsdrama? Vielleicht ist es einfach eine alltägliche Geschichte darüber, wie eine Frau und ein Mann sich begegnen, sich ineinander verlieben und versuchen, das Beste draus zu machen. Es ist das übliche Spiel von Anziehung und Abstoßung, das die beiden spielen. Nein, falsch, es ist das Spiel, das er spielt. Denn Tom macht total auf unverbindlich.

Etwa in der Hälfte der Story – die Beziehung zwischen ihm und seiner Freundin scheint bestens zu laufen – sagt Tom zu ihr, dass er mit ihr der Mensch sei, der er immer gern gewesen wäre. Etwas anderes will sie eigentlich nicht hören. Schließlich heißt das doch, er hat alle Freiheit, die er braucht, er darf der sein, der er ist. Dank ihrer Großzügigkeit. Klingt erstmal positiv. Ist es das auch? Ich weiß nicht. Ich traue Tom nicht! Und was ist überhaupt mit ihrer Freiheit? Ihren Sehnsüchten?

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Monique Schwitter. Eins im Andern

schwitter_eins_im_andernJung heiraten und nach 25 Jahren Silberhochzeit feiern? Während all dieser Jahre über die Ticks und die Mängel des einen Ehemannes jammern? Nicht im neuen Roman von Monique Schwitter. Ihre namenlose Protagonistin gibt sich in dem Moment hin, wo die Liebe da ist und sie gibt sich dann hin, wenn sie Lust dazu hat. Die Liebe, mein Herz, kann man sich nicht aussuchen, war einer von vielen Sätzen, die ihre Großmutter immer zu ihr gesagt hat. Wie war dieser Satz gemeint? Dass plötzlich der richtige Mann vor dir steht? Die eine große Liebe? Oder kommt die Liebe wie eine einzige Gesandte und zeigt sich in verschiedenen Männern. In zwölf Männern beispielsweise? Die junge Ich-Erzählerin beginnt, mit diesem Gedanken zu spielen. Namen vergangener Lieben kommen ihr in den Sinn. Sie gibt ihnen die Namen der zwölf Apostel … Petrus, Andreas, Thomas, Philipp, Thadeusz … Und während sie sich einen Kaffee macht, flüstert sie leise:  Weiterlesen

Lena Gorelik. Null bis unendlich

Zerpenschleuse 1 Adieu, sweet summer … wie werde ich dich vermissen. Und auch dies: mit einem Buch am Wasser zu sitzen und zu lesen.

Sanela aus Lena Goreliks neuem Roman liebt das Wasser ebenso, ganz besonders aber liebt sie das Meer, denn sie ist an der Adria aufgewachsen. Das Meer bedeutet für sie Freiheit. Das Meer ist manchmal und besonders im Herbst und im Winter herrlich wütend, so wie Sanela selbst.  Als sie noch nicht so gut Deutsch spricht, schreibt sie auf einen kleinen Zettel für Nils, ihren Sitznachbarn in der Schule: „Ich mechte mer am Mer sein“. Das berührt mich. Und es berührt mich auch, dass Nils sie in diesem Moment nicht korrigiert, dass er schweigend und verständnisvoll dieses kleine Bekenntnis annimmt. Weiterlesen

Jean-Philippe Blondel. 6 Uhr 41

blondel, 6 uhr 49Wenn ein Mann nach der Abfahrt des Zuges das Abteil betritt und sich auf den einzig freien Platz neben eine Frau setzt, so ist das zunächst eine alltägliche Situation. Wenn sie aber daraufhin in sein Gesicht schaut und denkt Allmächtiger!, dann verspricht das möglicherweise eine gute Story. Und, ja! Es ist eine gute Story! Philippe scheint Cécile nämlich nicht nur bekannt, sondern auf eine seltsame Art auch vertraut zu sein. Deshalb möchte sie am liebsten aufspringen, flüchten und einen neuen Platz suchen! Sie ist so eine Frau, sie ist „der Inbegriff einer schwierigen Kundin“. Während sie noch, Ach du Schande, Philippe Leduc!, denkt …

… packt ihn ein leichter Schwindel, fühlt er sich wie in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert und denkt er zutiefst schockiert: Cécile Duffaut! Er hofft, sie möge ihn nicht erkennen, immerhin  ist es 30 Jahre her, dass sie das letzte Mal miteinander geredet haben. Ganz anders als Cécile ist Philippe ein ewiger Zögerer. Er würde niemals einen anderen  Sitzplatz wählen, er bringt nicht einmal den Mut auf, sie anzusprechen. Stoisch erträgt er die Situation.

Während die Innen-Perspektiven der Beiden wechseln, erfahre ich, dass es tatsächlich eine gemeinsame Geschichte zwischen Cécile und Philippe gegeben hat und möglicherweise in nächster Zeit geben könnte, wenn …

Stephan Masuck. Diesellokomotive

Stephan Masuck. Diesellokomotive

… er mehr Mut hätte. Philippe träumt von einer gemeinsamen Zukunft, während die Vergangenheit vor ihm abläuft. Auch im Kopf von Cécile springen die Gedanken zwischen Gestern und Morgen hin und her. Abwechselnd geplagt von Zweifeln und Hoffnung, stellt sie sich vor, sie würde einer Beziehung eine Chance geben. Aber was, wenn sie dadurch eine andere Chance verpassen würde? Gedanken, die Schienensträngen gleich durch diesen kleinen feinen Roman laufen, machen ein Unterbrechen der Geschichte unmöglich. Unermüdlich rattern die Räder über die Gleise. Wie wird es enden? Plötzlich bin ich selbst geplagt von wechselnden Gefühlen zwischen Zweifel und Hoffnung, bin geplagt von Unsicherheit und Unklarheit, dann wieder Zuversicht – wie das eben so ist in der Liebe.

„6 Uhr 41“ ist wirklich eine Liebesgeschichte der besonderen Art. An der Endstation wird nicht nur der Zug im Bahnhof halten, sondern auch die Berg- und Talfahrt der Gefühle von Cécile und Philippe beendet sein. Endlich sind beide im JETZT angekommen. Erst hier auf dem Bahnsteig kann meine brennende Ungeduld beruhigt werden. Einem zarten Pinselstrich gleich, wird ganz zart und verschwommen etwas angedeutet, was mir beinahe entgeht. Positiv oder negativ – das soll an dieser Stelle offen bleiben. Ich atme tief durch, bevor mit dem letzte Satz diese Story endgültig endet.

Jean-Philippe Blondel. 6 Uhr 41. Aus dem Französischen von Anne Braun. Deuticke Verlag 2014. 192 Seiten. 16,90 €