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Im Dunkel der Erinnerung: Andrè Herzberg und Christian Berkel

Ich würde gern für ein paar Stunden an den Anfang des vorigen Jahrhunderts reisen. Um durch alte Berliner Bezirke zu schlendern, um Schöneberg im Jahr 1920, Kreuzberg in den Dreißiger oder Prenzlauer Berg in den Fünfziger Jahren zu erleben. Ich würde ebenso gern im Zeitraffer all die Menschen sehen, die in den vergangenen Jahrzehnten in den von mir bewohnten Berliner Altbauzimmern gelebt haben …

Auf Zeitreisen dieser Art entführten mich die Romane In Zeiten des abnehmenden Lichts und Ab jetzt ist Ruhe von Eugen Ruge und Marion Brasch. Doch da mein Hunger nach Geschichten mit historischem Fokus nie endet, habe ich aktuell mit den Romanen Der Apfelbaum und Was aus uns geworden ist zwei neue Lieblingsbücher. Beide könnten unterschiedlicher kaum sein. Gleichzeitig aber verbindet sie so viel, spielen sie doch ganz oder teilweise im historischen Berlin. Beide Autoren erzählen die Geschichten ihrer jüdischen Eltern oder eines jüdischen Elternteils. Doch während Christian Berkels Roman die Geschichte einer großen Liebe ist, geht es bei André Herzberg um sechs in der DDR geborene Menschen und deren Suche nach Identität. In Jakob – eine der Romanfiguren – glaube ich, den Autor selbst zu erkennen. Weiterlesen

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Betrunkene Bäume und entwurzelte Menschen

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Betrunkene Bäume bezeichnete nicht etwa eine bestimmte Art oder Gattung von Bäumen, sondern konnte jeden unter ähnlichen Bedingungen in Schieflage geratenen Baum bezeichnen. Ein Stamm, der im schmelzenden Permafrostboden an Halt verlor, kippte im tauenden Matsch, weil seine Wurzeln, den festen Permafrostboden gewohnt, keinen Halt mehr fanden. Ganze Wälder konnten so in Schieflage geraten (S. 139/140).

Begleitet vom Bild der betrunkenen Bäume im Permafrost, erzählt Ada Dorian in ihrem Debüt von Menschen, die den Halt verloren haben. Sie erzählt vom alten Erich mit seinem beigefarbenen Commodore, der wegen seiner schlechten Augen eigentlich gar nicht mehr fahren darf. Altersbedingt bereits ein bißchen hilflos, doch immer noch recht pfiffig, züchtet er in seinem Schlafzimmer einen kleinen Wald aus Birken, Erlen und Pappeln, weil er beim Geruch der Pflanzen besser schlafen kann. Sie sind seine besten Freunde. Am längsten lebt bei ihm der Ahorn, der nun bereits an die Decke stößt. Vor seiner strengen Tochter Irina hält er die Tür zu diesem Raum stets verschlossen. Sie würde ihn sicher für verrückt erklären –  Weiterlesen