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Banana Yoshimoto. Moshi, Moshi

Yoshimoto_moshiVerliert man als Teenager seinen Vater, so  ist das verdammt hart. Geschieht dies auch noch unvorbereitet und es bleibt nicht einmal Zeit, um Abschied zu nehmen, kann einen das total aus der Bahn katapultieren. Yutchan ist etwa zwanzigjährig, als ihr Vater Selbstmord begeht. Sie hat ihn sehr geliebt. Als kleines Mädchen hatte Yutchan ihn oft begleitet nach Thailand, Shanghai und New York. Er war Keyborder in einer populären japanischen Rockband. War er nicht auf Reisen, kehrte er oft erst mitternachts heim und im Haus lief Musik. Freunde waren da und bis in den Morgen hinein lauschte die kleine Yutchan den leise gespielten Jamsessions.

Der Schock ist groß, die Trauer tief. Yutchan verlässt die elterliche Wohnung, um in den berühmten Tokioter Szenebezirk Shimokitazawa zu ziehen. Weiterlesen

Ruth Ozeki. Geschichte für einen Augenblick

Ozeki, Geschichte für einen AugenblickVor einiger Zeit wurde ich auf der Seite der Bücherphilosophin auf diesen Roman aufmerksam und fiebere seitdem der Geschichte von Naoko und Ruth entgegen. Ein Glücksmoment, als ich den Roman in der Hand halte. Und Tausende von Glücksmomenten, ihn schließlich zu lesen…. Seite für Seite und Wort für Wort. Ozekis Geschichte hat mich in einen Zustand der „Sein-Zeit“ versetzt: Jeder Augenblick wird zum kostbaren Geschenk des Universums. Doch weil jedes Buch irgendwann endet, bewege ich mich unweigerlich auf die letzten Sätze zu, empfinde Angst und Trauer. Angst vor einem möglicherweise nicht positiven Ende. Trauer, dass es dann endgültig vorbei ist. Doch beide Gefühle verfliegen, überwiegt doch das Glück, eine so außergewöhnliche Story gelesen zu haben. Und ich kann sie immer wieder lesen, wenn ich mag! Ähnlich wie mir mit Ruth Ozekis Roman ging es Mara von Buzzaldrins Bücher

Und jetzt stelle ich mir vor, ICH hätte Naokos Tagebuch am Strand gefunden. Zwischen Seetang und Muscheln verborgen. Ich würde anfangen zu lesen und der Ich-Erzählerin dabei so nah kommen, wie man den Gedanken eines anderen nur nah kommen kann. Auf magische Weise wären wir untrennbar miteinander verbunden. Ich glaube, Nao (gesprochen wie das englische now) meint genau diese Magie, wenn sie am Beginn ihres Tagebuchs zu einer unbekannten Leserin in der Zukunft spricht:

„Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment Zeit hast, erzähl ich es dir … Ich sitze gerade in einem französischen Dienstmädchencafé in Akiba Electricity Town und höre ein trauriges Chanson, das irgendwann in deiner Vergangenheit spielt, die zugleich meine Gegenwart ist, schreibe dies und mache mir Gedanken über dich, irgendwann in meiner Zukunft. Und wenn du das hier liest, machst du dir vielleicht jetzt auch Gedanken über mich. Du machst dir Gedanken über mich. Ich mache mir Gedanken über dich.“ (S.9)

Über magische Geheimnisse dieser Art, aber auch über ganz reale Probleme philosophiert das in Tokio lebende Mädchen Naoko Yasutani. Besonders liebevoll spricht Nao von der geliebten Urgroßmutter Jiko, die als Nonne in einem zen-buddhistischen Kloster lebt und bereits 104 Jahre alt ist! Von Jiko lernt Nao, Probleme durch richtiges Atmen anzugehen. Sie lernt, wie man meditiert und wie man jeden Augenblick im Jetzt lebt. All ihre Gedanken schreibt Nao in ein geheimnisvolles rotes Tagebuch mit dem Aufdruck von Marcel Prousts Roman „À la recherche du temps perdu“.

Tagebuch 025

Dieses rote Tagebuch, geschützt durch eine Plastiktüte, findet Ruth am Strand einer kanadischen Pazifikinsel. Sie fragt sich, wie das Buch hierherkam. Ist es erstes Schwemmgut aus Japan vom Tsunami? Sie beginnt zu lesen. Erst zögerlich, dann wie gebannt. Schulmädchenprobleme, Mobbing an der Junior-Highschool. Ein arbeitsloser Vater, der die Wohnung kaum noch verlässt. Eine depressive Mutter, die – blass und schön – gern Quallen mit langen Tentakeln im städtischen Aquarium beobachtet.  Ein Großvater, der im zweiten Weltkrieg als Kamikazekrieger gestorben ist. Naos Erzählton klingt heiter und naiv. Obwohl sie nicht immer heiter/fröhlich und schon gar nicht naiv ist. Ich glaube, sie ist einfach unglaublich beherrscht. Denn manchmal schlägt dieser lockere Erzählton um in einen explosionsartigen Sturm aus Wut und Schmerz. Es folgen Geständnisse, einer wuchtigen Tsunamiwelle gleich. Doch genauso schnell wie sie sich entrollt, glättet diese Welle der Wut sich und Nao geht wieder über zu ihrem absolut liebenswerten frechen Schulmädchenton.

Für mich hätte der Roman gern 1000 Seiten haben können. Naokos Geschichte hat mich einfach umgehauen. Sie hat mich tagelang begleitet, mich tief berührt. Und eigentlich hat sie mich auch inspiriert. Denn es beeindruckt mich sehr, wie Nao sich dank der Zen-Weisheiten ihrer Großmutter verändert. Doch ist das nur  der eine Teil des Buches, denn parallel zu Naokos Tagebuchnotizen, erlebt man Ruth. Deren Leben sich ebenfalls verändert. Zwei starke, unvergessliche Charaktere und eine Fülle von neuen Erkenntnissen. Und wer jetzt richtig neugierig geworden ist auf Ruth Ozeki, die selbst Zen-Priesterin, Autorin und Filmregisseurin ist, der schaut mal auf ihre website:  Ruth Ozeki . Ganz besonders lohnt sich der Trailer zum Roman –

Ruth Ozeki. Geschichte für einen Augenblick. S.Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2014. 559 Seiten

Banana Yoshimoto. Der See. Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg

yoshimoto, seeMit diesem Roman hat Yoshimoto mich wieder ganz und gar verzaubert! „Der See“ ist eine tiefgreifende Liebesgeschichte, nach deren Lektüre man voller Hoffnung aufblickt und denkt: Ja. So schön, so tröstlich und so beruhigend kann Liebe sein. So will man selbst auch lieben. So. Und nur so.

Obwohl die Figuren ihrer Romane selten älter als 30 Jahre alt sind – auch Chihiro (Kunststudentin) und Nakajima (Medizinstudent) sind sehr jung – feiert Banana Yoshimoto im Juli ihren 50. Geburtstag! Vielleicht erwartet uns Leser auch mal die Geschichte einer späten Liebe? Doch, wie ist das eigentlich mit der Liebe? Trägt nicht jeder für immer und ewig dieses Gefühl in sich, nie wirklich erwachsen zu werden? In dem Roman „Geschichte für einen Augenblick“ von Ruth Ozeki fragt das 16jährige Mädchen Nao seine Urgroßmutter Jiko (104 jahre alt), wie alt man werden muss, bis der Verstand wirklich erwachsen ist. Die Antwort der alten Jiko: 105 Jahre! Interessante Antwort. Und möglicherweise ernst gemeint.

Tokio. Der stille und zurückgezogen lebende Nakajima und das offensive Mädchen Chihiro beobachten sich gegenseitig durch die Fensterscheiben ihrer Wohnungen, begegnen sich schließlich und mögen sich auf Anhieb. Zwischen beiden entwickelt sich, zart wie eine Bambussprosse, eine vorerst freundschaftliche Beziehung. Chihiro, die mehr mit dem Körper als mit dem Kopf denkt, bemerkt irgendwann, dass mit Nakajimas Körper irgendwas nicht stimmt. Sein Leben scheint von einem dunklen Geheimnis in seiner Vergangenheit geprägt. Von diesem Gefühl beeinflusst, gelingt es ihm nicht, im Hier und Jetzt wirklich glücklich zu sein. Sie drängt ihn, „zurück“ in seine Kindheit zu gehen, den Knoten zu lösen. Nur so könne es eine Chance für eine gemeinsame Zukunft geben.

Denn längst ist Chihiro wahnsinnig verliebt. Mit Haut und Haar. Statt wie früher Beruhigung zu finden beim Streicheln und Liebkosen ihrer Katze, genügt nun allein die Anwesenheit Nakajimas. Wenn er da ist, hellt sich ihre Stimmung auf, neutralisiert sich das Gift in ihrem Herzen. „Ich fühlte mich, als würde ich in den endlos weiten Himmel schauen oder, im Flugzeug sitzend, über dem leuchtend weißen Wolkenmeer schweben. Es war so schön, dass es schmerzte…“ (S. 151). An der Seite Nakajimas fühlt Chihiro eine bisher ungekannte Verbundenheit mit dem gesamten Universum. Eine Liebe so tief, dass sie erschauert.

Für Nakajima wird dieser Weg in die Vergangenheit sehr schmerzvoll. Er führt zurück an den See. Dort, wo er eine zeitlang als kleiner Junge gelebt hat. Dort am See begegnet er zwei ganz besondere Menschen, die Nakajima helfen können –

Wie schön, dass es die Romane von Banana Yoshmoto gibt! Und wie man das bei ihr kennt und es auch erwartet, verschwimmen auch in „Der See“ die Grenzen zwischen Realität und Imagination auf ganz besondere Weise. Man liest diese 220 Seiten und hat das Gefühl, eine kleine spirituelle Reise gemacht, einen Tempel besucht oder dem Gebet einer buddhistischen Nonne gelauscht zu haben. Erfüllt von Ruhe und tiefen Glück.

Und falls Ihr Euch auch immer schon gefragt habt, wie eine Japanerin zu dem Namen Banana kommt: Inspiriert von der bezaubernden Blüte der Red Banana Flower soll sie ihren wirklichen Namen Mahoko Yoshimoto getauscht haben gegen den Künstlernamen Banana Yoshimoto.

red banana flower

Weitere Beiträge zum Roman „Der See“ – außergewöhnlich gestaltet und absolut lesenswert – findet Ihr bei der Klappentexterin und bei deepread.

Banana Yoshimoto. Der See. Diogenes Verlag. Zürich 2014. 220 Seiten