Schlagwort-Archive: Selbstbestimmung

Deborah Feldman. Unorthodox

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© Mathias Bothor

Kürzlich saß ich stundenlang zwischen den Bibliotheksregalen und dachte über meine Zukunft nach. Die aufgereihten Bücher vor Augen, erinnere ich mich daran, wie sehr ich mir als Kind das Recht ersehnte, lesen zu dürfen, wie viel ich für das Wissen riskierte und wie die Freude, zu lesen, stets die Angst überwog  (S. 297).

Wenn Deborah Feldman im letzten Drittel ihres autobiographischen Romans diese Gedanken ausspricht, dann hat sie die wichtigsten Schritte zur Realisierung ihres Traumes, Brooklyn zu verlassen, bereits getan. Aufgewachsen in der chassidischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg visualisiert sie bereits als kleines Mädchen jene mutige Frau, welche die streng orthodoxe Gemeinde irgendwann verlassen wird. Noch weiß sie nicht, wie sie das schaffen soll. Zu hart sind die Regeln, zu stark ist die Beobachtung durch die Familie und den Rebbe. Englischsprachige Bücher sind verboten, die Farbe Rot zu tragen, ist verboten. Jahrelang lebt sie in zwei Welten: angezogen vom Universum, das auf der anderen Seite des Tores lag, zurückgerissen von den Warnungen, die wie Alarmsirenen in meinem Geist erschallten (S. 147).
Sie ist bereits Mutter eines kleinen Sohnes, als sie begreift, dass es Zeit ist, diesen Traum endlich zu verwirklichen, denn auf Yitzi warten ähnliche Beschränkungen, wie jene, welche sie als kleines Mädchen erfahren musste. Eines Tages werde ich frei sein, und Yitzi auch (S. 289).  Weiterlesen

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Emmanuèle Bernheim. Alles ist gutgegangen. Aus dem Französischen von Angela Sanmann

HB_Bernheim_24499_MR3.indd„Alles ist gutgegangen“ ist eine Geschichte, die mindestens genauso tief berührt, wie die Autobiographie „Ziemlich beste Freunde“ von Philippe Pozzo di Borgo. Philippe beschrieb sich als einen jungen Mann, der durch einen schweren Unfall vom Halswirbel abwärts für immer gelähmt ist. Er wollte sterben. Bis ihm Abdel begegnete und ihm zeigte, wie wertvoll es ist – das Leben.

Auch André Bernheim, Pariser Kunstsammler,  will „verschwinden“. Er aber  ist bereits 88 Jahre alt, als er nach einem schweren Schlaganfall das Bett nicht mehr verlassen kann. Er verliert alle Lust am Leben und auch die Kraft, zu kämpfen. All die Dinge, die er liebt, kann er nun nicht mehr tun. Filme, Vernissagen und Ausstellungen kann er nicht mehr besuchen. Er kann nicht mehr reisen. André war immer gern unter Leuten und abends fast nie zu Hause.

„Er wollte immer über alles Bescheid wissen. Er musste alles sehen, alles hören, alles probieren, vor allen anderen. Vor mir. Oft rief er mich morgens an: ‚Was hast du gestern Abend Schönes gemacht?‘ Wenn ich einen neuen Ort oder ein Theaterstück entdeckt hatte, die er nicht kannte … , spürte ich am Ende der Leitung eine verärgerte Stille. Er legte auf.“ (S. 54)

Zärtlich blickt Emmanuèle auf ihren einst sehr aktiven und nun so schwachen Vater. Zwischen beiden entstehen sehr innige Momente. Etwa, wenn er mit gerecktem Daumen und Zeigefinger Nuèle! ruft. Eine sich wiederholende Szene. Sie weiss dann, Papa hat etwas wichtiges zu sagen. Oft sind es ganz einfache Dinge. Bis er diese eine große Sache von ihr verlangt. Er wünscht, dass sie ihm hilft, zu sterben. Er will in die Schweiz.

Damit wagt Bernheim sich an ein Tabuthema und geht noch einen Schritt weiter, als die Autorin Linda Benedikt mit „Eine kurze Geschichte vom Sterben“. Erst kürzlich hatte Mara auf ihrem Blog buzzaldrines von der Tochter erzählt, die den langsamen Tod der Mutter beschreibt. Das Buch hatte sie berührt und beeindruckt. Es sagt sich immer so leicht, dass Krankheit und Tod nun mal zum Leben dazu gehören. Es zu akzeptieren, ist so viel schwerer. Wir wollen den geliebten Menschen nicht verlieren! Und ihm dann noch bei seinem Freitod helfen?

Bernheim zeigt in ihrem Buch beide Seiten: Verständnis für den Wunsch des Vaters, aber auch Wut. Er soll nicht verschwinden. Noch nicht. Doch André hat sich entschieden. Da gibt es kein Zurück. Jetzt geht es nur noch um das WIE.  Dafür braucht er die Hilfe beider Töchter. Wie könnten sie ihm diesen Wunsch verweigern – ihn zu realisieren jedoch, ist strafbar. Manche Passagen lesen sich deshalb rasend spannend. Letztendlich aber wird der Wunsch des Vaters respektiert. Und sollte nicht jeder für sich entscheiden dürfen, wann er gehen möchte? So ist die Story eben auch das: ein leidenschaftliches Plädoyer für selbstbestimmten Tod. Passend dazu fällt mir der Film „Das Meer in dir“ mit Javier Bardem in der Hauptrolle ein.

Mein großer Wunsch ist, dass die Geschichte um André und Nuèle viele Herzen erreicht, dass auf lange Zeit ein Prozess des Umdenkens einsetzt. Begriffe, wie Freitod, Selbstbestimmung und würdevoller Tod sollten nicht länger Tabuthemen sein. Absolut lesenswert ist, wie Bernheim einerseits das Chaos ihrer Gefühle in ganz knappe und sehr präzise Sätze fasst. Wie sie andererseits die letzten Wochen des geliebten Vaters mit sehr zarten Worten beschreibt, ihm liebevolle Passagen widmet. So ist André Bernheim mir richtig ans Herz gewachsen. Er hatte die Chance, in Würde zu gehen. Für seine Töchter Emmanuèle und Pascale war die Begleitung nicht ungefährlich. Sie haben es auf sich genommen, aus Liebe.

Emmanuèle Bernheim. Alles ist gutgegangen. 206 Seiten. 18,90 €.  Verlag Hanser Berlin 2014