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Sasa Stanisic. Vor dem Fest

Sasa StanisicFürstenfelde – ein fiktives Dorf in der Uckermark. Wer schon mal in der Uckermark gewesen ist, vergisst das nie. Üppigste Natur. Unendlich viel Grün. Klare Seen, schmale gewundene Strassen, die hügelauf und hügelab führen. Schnecken, Igel, Singvögel, Hasen, Rehe –

Ich bin dort vor zwei Jahren gewesen und trage diese Bilder seit dem ganz tief in mir. Und Sasa Stanisic wohl auch. Dachte ich. Doch, STOP. Bei ihm gab es zuerst eine Idee und danach die reale Welt der Uckermark. Es war eigentlich genau umgekehrt …

… In einem Interview erzählt er, wie er sich in seiner Phantasie ein Dorf erdacht hätte für seinen neuen Roman. Eingegrenzt von zwei Seen. Ein Mikrokosmos mit liebenswürdig schrulligen Bewohnern und einem reichen Schatz an Mythen und Legenden. Darauf hätte eine Freundin ihm gesagt, dass es ein solches Dorf geben würde: Fürstenwerder in der Uckermark, ein Grenzdorf zwischen Mecklenburg und Brandenburg, mit einem Heimatmuseum und zwei Seen. Sofort sei er da hingefahren und hätte seine Ideen für den Roman in der Realität vorgefunden. Sogar noch besser! Stanisic entdeckt, dass der Ort seiner Phantasie dort in der Wirklichkeit existierte. Ich frage mich, was das wohl für einen Autor an Gefühlen auslöst?!

Und so fabuliert er einfach weiter in einem wunderschönen Mix aus Realem und Fiktivem. Sein Erzählton ist leicht. Seine Sätze voll kreativer Ideen. Man merkt ihm seine große Liebe zur deutschen Sprache an (die er erst mit 14 Jahren nach der Flucht der Familie aus Bosnien-Herzegowina erlernt hat). Da schnüffelt eine Maus aus dem Schilf. Der See berührt zärtlich die Landstraße. Nebel balancieren auf dem Wasser. Und Anna joggt einsam auf der ewigen Erlenpromenade –

Sein Roman hat mich begeistert! Dieser Roman, der in einer einzigen Nacht – der Nacht vor dem Fest St. Annentag – spielt, der aber ganz nebenbei 700 Jahre Geschichte der Uckermark beschreibt. Legenden werden wach. Mythen wabern durch die herbstliche Nacht. Ein bißchen, als sei man bei Dickens in der Weihnachtsgeschichte gelandet und der Geist der Weihnacht erscheine.

Kleine Passagen, die Stanisic einfach in den fließenden Text einbaut und die er einem dicken Sachbuch Die Uckermark entnommen hat, führen durch vergangene Jahrhunderte. Mal glaubhaft, dann wieder absurd und unglaubwürdig wirkend, sind es doch Anekdoten, die so oder so ähnlich passiert sind. Das hört sich dann so an:

„18. März 1927. ZWISCHENFALL MIT TÖDLICHEM AUSGANG. Ein Chinese, der ohne Wandergewerbeschein Hausierhandel trieb, wurde von Oberlandjäger Polster gestellt … der sich gezwungen sah, von seinem Säbel Gebrauch zu machen … und streckte den Gegner nieder. Der Chinese wurde schwerverletzt in das Krankenhaus Prenzlau verbracht, wo er bald darauf verstarb. Seine letzten Worte verstand niemand.“  S.141

„Im jar 1611, DEN 27. APRILIS, ist auf dem Felde beim Geherschen Gehoffte eine trechtige Wölffin in unsere Fallgrube gerathen. So ist viel Schaden von zehn Wolffen von unsrem Vieh abgewendet worden.“ S. 247

Was man bei Stanisic gar nicht findet, ist irgendweine Art von Tristesse oder Hoffnungslosigkeit der Nachwendezeit. Hier in Fürstenfelde wird gelebt, getrunken, gemalt, gejoggt und gelacht. Es gibt Alteingesessene in Fürstenfelde, wie die Malerin Ana Kranz. Sie hat in ihrem fast 90jährigem Leben drei Systeme erlebt und wirkt dennoch nicht gebrochen. Jede Zeit hat sie auf ihren Ölbildern dokumentiert. Unzählige bespannte Leinwände füllen nun ihr Haus. Oder Dietmar Dietz, genannt Ditzsche, ehemals Postbote. Verkauft jetzt frische Hühnereier. 10 Stück für 2,- €. Was für ein Schnäppchen!

Aber es gibt auch Zugezogene, wie Frau Reiff aus Düsseldorf. Da unterscheiden die Fürstenfelder ganz genau. Frau Reiff engagiert und beteiligt sich, jedoch nicht zu sehr. Denn würde sie zu viel Elan darauf verwenden, sich zu engagieren, wären die Fürstenfelder skeptisch. Aber Apfelkuchen kann sie backen. Schmeckt ordentlich, sagt man in Fürstenfelde.

Ich könnte mir kaum einen besseren Gewinner für den „Preis der Leipziger Buchmesse“ vorstellen. „Vor dem Fest“ ist ein Roman, der einfach irrsinnig viel Spaß macht, der klug ist und originell dazu. Und das ist es doch, was wir immer suchen. Freude und Entdeckerlust beim Lesen. Ein ganz besonderer Genuß ist die Autorenlesung, erschienen bei der Hörverlag. Wenigstens ein paar Tracks sollte man hören, die Stimme von Stanisic begleitet und verzaubert einen dann durch den gesamten Roman.

Sehr bald will ich nun auch seinen ersten und sehr autobiographischen Roman „Wie der Soldat das Grammophon repariert“ lesen.

Sasa Stanisic. Vor dem Fest. Luchterhand München 2014. 316 S.

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