Schlagwort-Archive: S. Fischer Verlag

Im Herzen der Gewalt – der neue Roman von Édouard Louis

louis_im_herzen_der_gewaltÉdouard Louis ist gerade mal 24 Jahre alt und hat bereits sein zweites Buch geschrieben. Während er in Das Ende von Eddy von einer schwierigen Kindheit in einem französischen Dorf erzählt, geht es in diesem Buch um einen jungen Mann und um eine Gewalttat, welche fast tödlich endet. Der Autor hat diese Situation erlebt und arbeitet mit Im Herzen der Gewalt  das schreckliche Erlebnis auf.

Es ist Nacht. Hinter ihm liegt ein lustiger Pariser Kneipenabend mit ein paar Freunden und er ist noch ganz in dieser positiven Stimmung, als ein fremder junger Mann aus dem Maghreb ihn anspricht. Reda ist unglaublich schön und sofort sehr zärtlich zu Édouard. So zärtlich, dass sich bei Édouard heftiges Begehren einstellt. Ein Begehren, dem er schnell erliegt. Redas Vorschlag, ihn in seine Wohnung zu begleiten, nimmt er deshalb bedenkenlos an. Beide erleben vorerst glückliche Stunden, bis die Situation eskaliert und sich komplett ins Gegenteil verkehrt.
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Etgar Keret. Die sieben guten Jahre

keret_die_sieben_guten_jahreDer israelische Autor Etgar Keret mag es, Geschichten zu erzählen. Seinen Nachbarn und Freunden erzählt er gern phantasievoll ausgedachte Sachen. Sitzt er aber im Flugzeug oder in der Bahn neben einem Fremden, so erzählt er gern Stories aus seinem Leben, von seinen Eltern, seiner Frau Shira oder dem Sohn Lev. Solche wahren Geschichten hat er dann irgendwann aufgeschrieben. Sie sind bereits in viele Sprachen übersetzt. Es gibt sie in Englisch, es gibt sie sogar in Farsi (Die Welt). Und nun endlich auch auf Deutsch, dank seines Freundes Daniel Kehlmann. Weil diese kleinen Stories aber so persönlich sind, wird es sie nicht auf Hebräisch geben, wird das Buch nicht in Israel veröffentlicht. Für Freunde und Nachbarn hat er halt nur fiktive Geschichten. Für uns „Reisende“ sind die wahren Geschichten:

In diesem Buch teilen Sie ein Eisenbahnabteil mit mir. Wenn Sie zur letzten Seite kommen, steige ich aus, und wir sehen uns vielleicht nie wieder. Aber ich hoffe, dass etwas von der siebenjährigen Reise, die mit der Geburt meines Sohnes beginnt und mit dem Tod meines Vaters endet, auch Sie berührt (S. 222). Ganz klar – Etgar Keret hat mich berührt, und wie! Doch in einer anderen Sache hat er sich geirrt. Denn nachdem er mir alles aus seinem wahren Leben erzählt und das Eisenbahnabteil verlassen hat, haben wir uns gestern Abend wiedergesehen …  Weiterlesen

Ruth Ozeki. Geschichte für einen Augenblick

Ozeki, Geschichte für einen AugenblickVor einiger Zeit wurde ich auf der Seite der Bücherphilosophin auf diesen Roman aufmerksam und fiebere seitdem der Geschichte von Naoko und Ruth entgegen. Ein Glücksmoment, als ich den Roman in der Hand halte. Und Tausende von Glücksmomenten, ihn schließlich zu lesen…. Seite für Seite und Wort für Wort. Ozekis Geschichte hat mich in einen Zustand der „Sein-Zeit“ versetzt: Jeder Augenblick wird zum kostbaren Geschenk des Universums. Doch weil jedes Buch irgendwann endet, bewege ich mich unweigerlich auf die letzten Sätze zu, empfinde Angst und Trauer. Angst vor einem möglicherweise nicht positiven Ende. Trauer, dass es dann endgültig vorbei ist. Doch beide Gefühle verfliegen, überwiegt doch das Glück, eine so außergewöhnliche Story gelesen zu haben. Und ich kann sie immer wieder lesen, wenn ich mag! Ähnlich wie mir mit Ruth Ozekis Roman ging es Mara von Buzzaldrins Bücher

Und jetzt stelle ich mir vor, ICH hätte Naokos Tagebuch am Strand gefunden. Zwischen Seetang und Muscheln verborgen. Ich würde anfangen zu lesen und der Ich-Erzählerin dabei so nah kommen, wie man den Gedanken eines anderen nur nah kommen kann. Auf magische Weise wären wir untrennbar miteinander verbunden. Ich glaube, Nao (gesprochen wie das englische now) meint genau diese Magie, wenn sie am Beginn ihres Tagebuchs zu einer unbekannten Leserin in der Zukunft spricht:

„Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment Zeit hast, erzähl ich es dir … Ich sitze gerade in einem französischen Dienstmädchencafé in Akiba Electricity Town und höre ein trauriges Chanson, das irgendwann in deiner Vergangenheit spielt, die zugleich meine Gegenwart ist, schreibe dies und mache mir Gedanken über dich, irgendwann in meiner Zukunft. Und wenn du das hier liest, machst du dir vielleicht jetzt auch Gedanken über mich. Du machst dir Gedanken über mich. Ich mache mir Gedanken über dich.“ (S.9)

Über magische Geheimnisse dieser Art, aber auch über ganz reale Probleme philosophiert das in Tokio lebende Mädchen Naoko Yasutani. Besonders liebevoll spricht Nao von der geliebten Urgroßmutter Jiko, die als Nonne in einem zen-buddhistischen Kloster lebt und bereits 104 Jahre alt ist! Von Jiko lernt Nao, Probleme durch richtiges Atmen anzugehen. Sie lernt, wie man meditiert und wie man jeden Augenblick im Jetzt lebt. All ihre Gedanken schreibt Nao in ein geheimnisvolles rotes Tagebuch mit dem Aufdruck von Marcel Prousts Roman „À la recherche du temps perdu“.

Tagebuch 025

Dieses rote Tagebuch, geschützt durch eine Plastiktüte, findet Ruth am Strand einer kanadischen Pazifikinsel. Sie fragt sich, wie das Buch hierherkam. Ist es erstes Schwemmgut aus Japan vom Tsunami? Sie beginnt zu lesen. Erst zögerlich, dann wie gebannt. Schulmädchenprobleme, Mobbing an der Junior-Highschool. Ein arbeitsloser Vater, der die Wohnung kaum noch verlässt. Eine depressive Mutter, die – blass und schön – gern Quallen mit langen Tentakeln im städtischen Aquarium beobachtet.  Ein Großvater, der im zweiten Weltkrieg als Kamikazekrieger gestorben ist. Naos Erzählton klingt heiter und naiv. Obwohl sie nicht immer heiter/fröhlich und schon gar nicht naiv ist. Ich glaube, sie ist einfach unglaublich beherrscht. Denn manchmal schlägt dieser lockere Erzählton um in einen explosionsartigen Sturm aus Wut und Schmerz. Es folgen Geständnisse, einer wuchtigen Tsunamiwelle gleich. Doch genauso schnell wie sie sich entrollt, glättet diese Welle der Wut sich und Nao geht wieder über zu ihrem absolut liebenswerten frechen Schulmädchenton.

Für mich hätte der Roman gern 1000 Seiten haben können. Naokos Geschichte hat mich einfach umgehauen. Sie hat mich tagelang begleitet, mich tief berührt. Und eigentlich hat sie mich auch inspiriert. Denn es beeindruckt mich sehr, wie Nao sich dank der Zen-Weisheiten ihrer Großmutter verändert. Doch ist das nur  der eine Teil des Buches, denn parallel zu Naokos Tagebuchnotizen, erlebt man Ruth. Deren Leben sich ebenfalls verändert. Zwei starke, unvergessliche Charaktere und eine Fülle von neuen Erkenntnissen. Und wer jetzt richtig neugierig geworden ist auf Ruth Ozeki, die selbst Zen-Priesterin, Autorin und Filmregisseurin ist, der schaut mal auf ihre website:  Ruth Ozeki . Ganz besonders lohnt sich der Trailer zum Roman –

Ruth Ozeki. Geschichte für einen Augenblick. S.Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2014. 559 Seiten

Anna Funder. Alles, was ich bin. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke

Funder. Alles, was ich binRuth Blatt, letzte Sekretärin des großen Revolutionärs und Dichters Ernst Toller, erzählt in langen Gesprächen die Geschichte ihres Lebens. Anna Funder sammelt diese Gespräche, bearbeitet sie. Es entsteht „Alles was ich bin“. Eine reale, mit Fiktionen vermischte Geschichte um Liebe und Verrat. Eine Exilgeschichte – wie für die Ewigkeit geschrieben. Immer wieder schließlich müssen Menschen aus politischen oder anderen Gründen ihre Heimat verlassen und ins Exil gehen. Mit großer Klarheit zeigt Anna Funder, was das aber für den Einzelnen bedeutet: Heimat, Freunde und gewohntes Leben über Nacht aufzugeben. Die zentralen Figuren der Geschichte (Dora Fabian, Ernst Toller und Ruth Blatt) sind reale Figuren, denen sich Anna Funder – Anwältin, Autorin und Dokumentarfilmerin – mit großem Einfühlungsvermögen nähert:

„Als Hitler am 30. Januar 1933 an die Macht kam, flohen meine Freundin Ruth und ihre Freunde ins Exil. Von dort versuchten sie, ihn zu stürzen. Das ist ihre Geschichte oder was ich daraus gemacht habe. Sie wurde aus fossilen Bruchstücken rekonstruiert, ganz ähnlich wie man ein Gerüst aus Saurierknochen mit Haut und Federn ergänzen könnte, um das Tier im Ganzen zu sehen. Das sind die Knochen, die ich gefunden habe. Die Namen der meisten Charaktere sind authentisch, andere wurden geändert.“ (Seite 421)

Vorerst sind wir in einer Berliner Wohnung am Schiffbauerdamm. Ruth liegt in der Badewanne, ihr Mann Hans mixt in der Küche Mojitos, als im laut aufgedrehten Radio – begleitet von wellenartigem Jubelgeschrei – verkündet wird, dass Hitler soeben an die Macht gekommen sei. Ruth entrollt eine kleine rote Fahne und hängt diese zum Fenster heraus. Ohne große Worte wissen wir nun auch sofort, auf welcher Seite Ruth, Hans und ihre Freunde stehen. Die Situation spitzt sich dramatisch zu. Die wechselnden Perspektiven von Ruth und Toller zeigen den einen Ausweg mehr als deutlich: in Berlin und Deutschland gibt es für sie als Intellektuelle keine Alternative mehr.

Das eigentliche Drama dieser Story beginnt aber, nachdem ihnen die Flucht ins britische Exil gelungen ist. Denn, was tun in einem Land, dessen Sprache man kaum oder gar nicht versteht? Wie Geld verdienen als deutscher Journalist, Lyriker, Dichter, Redakteur? Irgendwann geht es nur noch ums Überleben – also doch Scotland Yard seine Dienste anbieten? Für manch einen war das die einzige Option. Für andere wieder ein totales Tabu, wusste man doch außerdem, dass Scotland Yard und die Gestapo eng zusammen arbeiteten. Ein Punkt, auf den ich später noch kurz eingehen möchte.

Die hier geschilderten Schicksale berühren in ihrer Einzigartigkeit. Da ist die zierliche Dora. Hektische Raucherin. Sekretärin und Geliebte von Toller. Ihre Cousine Ruth ist zwar besonnener und vorsichtiger, aber ebenso voller Engagement und Ideenreichtum. Und natürlich Ernst Toller selbst, der mit machtvollen Worten ein Nazideutschland verhindern will. Alle zusammen sind sie wild entschlossen, Hitler zu stürzen.

Über der Story schwebt nun ein beständiges Gefühl aus Angst. Angst vor einer undefinierbaren Macht. Eine komplexe Maschinerie scheint beständig in Gang zu sein. Begleitet von einem Gefühl der Bodenlosigkeit, glaubt man bald auch als Leser, von außen gesteuerte unsichtbare Türen und Fallklappen könnten sich jeden Moment öffnen und alles verschlingen. Drohbriefe, stumme Anrufe, Schatten, verräterische Blicke verstärken dieses diffuse Gefühl. Ernst, Dora, Ruth und ihre Freunde sind in ständiger Gefahr. Nur dass diese Gefahr eben so schwer greifbar ist. Doch konnte schon ein falscher Satz oder eine unbedachte Bemerkung gegen Nazideutschland bedeuten, dass ein freundlicher Mitarbeiter von Scotland Yard in Zivil sich plötzlich an den Redenden wendet und ihm den Ausweis und die Aufenthaltsgenehmigung entzieht.

Beide – Scotland Yard und die Gestapo in Deutschland – haben eng zusammen gearbeitet. Politische Aktionen deutscher Flüchtlinge in London wurden mit Entzug der Ausweispapiere und Verweisung nach Deutschland geahndet. Der Betreffende hatte 72 Stunden Zeit – plötzlich stand er illegal auf britischem Boden. Für manche war diese Situation nervlich unaushaltbar. Sehr eindrücklich beschreibt Anna Funder das in einer Szene auf Seite 265, als Hans in schriller Verzweiflung ruft, dass er Krieg und Schlamm und Schmutz und Blut und Kampf und Sterben aushalten könne. Nicht aber dieses Unsichtbare, dieses Warten und das Gefühl der Nutzlosigkeit. Und niemand, keine Instanz, kein Amt, das hilft. Niemand, der Hilfe und Schutz anbietet.

Anna Funder ist mit „Alles was ich bin“ etwas ganz Besonderes gelungen. Einerseits nämlich gibt sie einem das Gefühl, einen Roman, eine tragisch-schöne fiktive Geschichte zu lesen. Andererseits erinnert sie durch geschicktes Einarbeiten historischer Fakten daran, dass die Story so oder so ähnlich geschehen ist.  Sie zeigt Mut und Entschlossenheit ihrer Figuren, aber auch Schwäche und Verzagtheit bis hin zum Versagen – doch ohne zu verurteilen. Damit berührt und schockiert „Alles was ich bin“ gleichermaßen. Und lässt einen lange Zeit nicht los.

Anna Funder. Alles was ich bin. S. Fischer Verlag GmbH. Frankfurt am Main 2014. 428 Seiten

Alice Munro. Liebes Leben. Aus dem Englischen von Heidi Zerning Teil 2

Liebes Leben, MunroWenn Alice Munro in der letzten ihrer 14 Erzählungen sagt, „…dies ist keine Geschichte, nur das Leben“, dann fühlt man sich wieder daran erinnert, dass man im autobiographischen Teil des Buches angekommen ist. In diesen vier Erzählungen wird sie zwar sehr persönlich, sie spricht von ihrer Schwester, von Vater und Mutter und immer wieder natürlich von sich selbst als Mädchen.  Doch was sich nicht ändert, dass sind die Ahornbäume, die Zedern und die rauhe kanadische Landschaft, das sind die kauzigen Figuren, die ihre Geschichten bevölkern. Darum verwischen sich die Grenzen. Es könnte auch reine Fiktion sein. Aber dann genügt wieder ein einziger Satz, der uns sagt: Willkommen in der Realität. Ihre Mutter erkrankt unheilbar mit 40 Jahren. Das Pelzgeschäft des Vaters geht pleite:

„Man sollte meinen, dass das einfach zu viel war. Das Geschäft ruiniert, die Gesundheit meiner Mutter im Schwinden begriffen. In Romanen oder Erzählungen ginge das nicht. Aber das Seltsame ist, dass diese Zeit in meiner Erinnerung keine unglückliche ist. Im Haus herrschte keine besonders verzweifelte Stimmung.“ (S.357)

Die kleine Alice kocht das Abendessen für die Familie. Gerichte, die sie exotisch findet (Spaghetti und Omelette!). Sie liest begeistert Marcel Proust und Thomas Mann, sie lernt für die Schule. Später, als Frau und Mutter erkennt sie, dass sie möglicherweise mehr hätte tun können für ihre Eltern und sie entlässt uns als Leser mit zwei nachdenklich stimmenden Sätzen, die voller Weisheit über das Leben sind. Die auch eine Mahnung enthalten und mich deshalb nicht loslassen:

„Wir sagen von manchen Dingen, dass sie unverzeihlich sind oder dass wir sie uns nie verzeihen werden. Aber wir tun es – wir tun es immerfort.“ (S. 367)

Lange war ich nicht so glücklich mit der Wahl des Nobelpreises, wie in diesem Jahr. Ich freue mich auf viele weitere Erzählungen und schließe für heute „Liebes Leben“, in welchem Alice Munro uns beschenkt mit einigen wenigen (und möglicherweise einzigen!) Einblicken in ihr Leben, vereint mit 10 fiktiven Stories aus ihrem geliebten Kanada.