Schlagwort-Archive: Rowohlt Verlag

Intelligent und absurd-komisch: Tyll

kehlmann_tyllEs war November. Die Weinvorräte waren erschöpft, und weil der Brunnen im Garten verdreckt war, tranken sie nur noch Milch. Da sie sich keine Kerzen mehr leisten konnten, ging der ganze Hofstaat abends mit der Sonne schlafen. Die Dinge standen nicht gut … (Seite 229).

Zurück aus einer unbestimmten Zukunft mit Juli Zeh und ihrem Roman Leere Herzen, stürze ich mich mit Daniel Kehlmanns Tyll in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Sofort bin ich komplett vereinnahmt von dem historischen Kosmos und seinen Figuren. Hier wirkt alles lebendig, ich habe das Gefühl, das Buch pulsiert und sprüht Funken. Endlich wieder ein Roman, bei dem ich mir gern den Wecker eine Stunde früher am Morgen stelle, weil ich ihn weiterlesen will, und weil er so genial in diese dunkle triste Zeit passt! Denn auch in Kehlmanns Roman ist es irgendwie ständig kalt und ungemütlich. Das Essen miserabel. Die Menschen meist übellaunig. Mitteleuropa im 17. Jahrhundert war einfach kein schöner Ort. Obwohl die Geschichte inhaltlich also ziemlich düster ist, überschlägt sie sich an intelligenten Einfällen und komisch-absurden Situationen. Und zaubert mir ein glückliches Lächeln ins Gesicht. Das liegt zuallererst natürlich an Kehlmanns großer Erzählkunst. Es liegt aber auch an der Hauptfigur Tyll Ulenspiegel. Diesem großen, hageren Mann, der immer da auftaucht, wo es eigentlich gar nichts mehr zu lachen gibt. Und es liegt auch an so zentralen Figuren wie Nele, dem Winterkönig Friedrich und dessen Frau Liz. Es fiel mir schwer, sie alle loszulassen. Weiterlesen

Advertisements

Mit Natascha Wodin auf einer Odyssee durch das 20. Jahrhundert

wodin_mariupolHeute möchte ich mein Glück mit Euch teilen. Es kommt nämlich nicht allzu oft vor, dass ein von mir favorisiertes Buch es auf die Longlist oder Shortlist schafft oder sogar einen Buchpreis gewinnt. Natascha Wodin hat mit ihrem biographischen Roman Sie kam aus Mariupol den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 gewonnen. Ich lächele still und bin voller Glück. Denn dieses Buch hat mich in den vergangenen Tagen begleitet und extrem aufgewühlt. Manches aus dieser Geschichte las ich das erste Mal in meinem Leben, andere Dinge waren mir bereits vertraut, ja ich hatte fast das Gefühl, als hätten mich die vorherigen Romane Der Lärm der Zeit und Betrunkene Bäume bereits vorbereitet auf diese Lektüre. Ich war durch die genannten Romane ja längst gedanklich ganz tief in der ehemaligen Sowjetunion …  Weiterlesen