Schlagwort-Archive: Rassismus

Ann Petry. Die Strasse

petry_die _strasseEgal, ob Lutie Johnson zu Fuß durch New York City hastet oder mit der Subway von Downtown Manhattan nach Harlem fährt – immer ist man mitten drin mit ihr in dieser aufregenden einzigartigen Metropole. Vor dem inneren Auge den Stadtplan New Yorks:

Ein kalter Novemberwind jagte durch die 116th Street. Er rüttelte an Mülltonnendeckeln, saugte Rollos aus halboffenen Fenstern und klatschte sie von außen gegen die Scheiben, und er vertrieb zwischen Seventh und Eight Avenue fast alle von der Straße, bis auf ein paar gehetzte Passanten (Seite 7).

Atmosphärisch und geradezu filmisch beginnt dieser Roman. Er bleibt es bis zum letzten Satz. Und hat man diesen schließlich gelesen, muss man sich eingestehen, dass das Ende unerwartet bitter ist (mit einem winzigen Lichtblick, immerhin). Doch es sind die 40er Jahre in Harlem in New York City. Was hatte ich erwartet? Weiterlesen

Baldwin is back. „Go Tell It on the Mountain“ endlich wieder auf Deutsch

baldwin_von dieser_weltEs schmerzt immer ein wenig, wenn man als Buchhändlerin auf die Frage nach einem Autor oder einer Autorin sagen muss, dass momentan nichts lieferbar sei. Kein einziges Buch. Die Reaktionen schwanken zwischen Entrüstung und Trauer.
Die Frage nach Büchern von James Baldwin wurde seit dem Film I am not your negro von Raoul Peck (März 2017) zu einer Standardfrage. Meine Erleichterung war deshalb riesig, als der dtv Verlag ankündigte, dass am 9. März 2018 Baldwins Debüt Go Tell It on the Mountain in einer Neuübersetzung erscheinen würde.
Genau am Karfreitag beschloss ich, dass es Zeit sei für Von dieser Welt. Oft genug hatte ich den legendären ersten Satz des Romans gehört: Alle hatten immer gesagt, John werde mal Prediger, genau wie sein Vater.
Ein Roman, der mit einem solchen Satz beginnt, verspricht große Emotionen. Und genau das wollte ich – einen Roman mit großer Wucht und gern mit einem religiösen Thema. Ich spürte, dieses Buch würde mich begeistern.  Weiterlesen

Homegoing. Heimkehren. Yaa Gyasi

gyasi_heimkehrenEin Buch, das mich vor einigen Wochen sehr bewegt hat, ist Heimkehren von Yaa Gyasi. Von der Story und den Figuren los zu lassen, fiel mir extrem schwer. Ich brauchte mehrere Tage, um überhaupt Lust zu haben auf ein neues Buch. Und das will schon was heißen! Nun schreibe ich darüber und habe das Gefühl, ein Theatervorhang öffnete sich. Wieder und wieder würden Esi, Effia, Ness, H und all die anderen auf die Bühne treten und sich bei tosendem Applaus verneigen. Jede Figur vertraut, so vertraut.
Der Roman beginnt in Afrika vor mehr als 200 Jahren mit den Mädchen Esi und Effia. Sie sind Halbschwestern und kennen sich doch nicht. Esi schließlich wird gefangen genommen und als Sklavin in die USA verschleppt, Effia muss einen weißen Briten heiraten, der in Afrika stationiert ist. Kapitel für Kapitel geht es in großen Sprüngen durch die Jahrhunderte bis ins Heute. Weiterlesen

Im Herzen der Gewalt – der neue Roman von Édouard Louis

louis_im_herzen_der_gewaltÉdouard Louis ist gerade mal 24 Jahre alt und hat bereits sein zweites Buch geschrieben. Während er in Das Ende von Eddy von einer schwierigen Kindheit in einem französischen Dorf erzählt, geht es in diesem Buch um einen jungen Mann und um eine Gewalttat, welche fast tödlich endet. Der Autor hat diese Situation erlebt und arbeitet mit Im Herzen der Gewalt  das schreckliche Erlebnis auf.

Es ist Nacht. Hinter ihm liegt ein lustiger Pariser Kneipenabend mit ein paar Freunden und er ist noch ganz in dieser positiven Stimmung, als ein fremder junger Mann aus dem Maghreb ihn anspricht. Reda ist unglaublich schön und sofort sehr zärtlich zu Édouard. So zärtlich, dass sich bei Édouard heftiges Begehren einstellt. Ein Begehren, dem er schnell erliegt. Redas Vorschlag, ihn in seine Wohnung zu begleiten, nimmt er deshalb bedenkenlos an. Beide erleben vorerst glückliche Stunden, bis die Situation eskaliert und sich komplett ins Gegenteil verkehrt.
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