Schlagwort-Archive: Nicola Denis

Ginette Kolinka. Rückkehr nach Birkenau

kolinka_rückkehr_nach_birkenauMeine Enkelkinder werden wahrscheinlich keine persönlichen Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden mehr haben. Ich selbst hatte im September 2015 das ganz große Glück, Marceline Loridan-Ivens zu begegnen. Ein erschütternd schöner Moment, als sie mir ihr Buch signiert hat. Auch meine beiden Söhne haben in der Schule noch Überlebende des Holocaust kennen gelernt. Von einem Besuch des Autors Sally Perel besitze ich ein signiertes Exemplar des Buches Ich war Hitlerjunge Salomon. Mit elegantem Schriftzug und einem freundlichen „Shalom“. Mein Sohn hatte es mir im Januar 2003 geschenkt.

Eine der ältesten Überlebenden ist Ginette Kolinka. Sie ist heute 95 Jahre alt, Jahrzehnte hat sie geschwiegen, bevor sie dieses schmale Buch schrieb.
Sie lebt in Paris und begleitet regelmäßig Schulklassen nach Auschwitz und Birkenau. Weiterlesen

Philippe Lançon. Der Fetzen

Lançon_Der_FetzenKaum habe ich dieses Buch zugeschlagen, da vermisse ich es bereits. Ich habe das Gefühl, ich hätte mich gerade stundenlang mit Philippe Lançon über Literatur und Musik unterhalten. Über Kafkas Briefe an Milena, Thomas Manns Der Zauberberg und über Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust (Lançons ständige Begleiter und Lebensretter). Und immer wieder über Bachs Goldberg-Variationen (Glenn Gould) oder Das wohltemperierte Klavier (Svjatoslav Richter). Die Musik von Bach schenkte ihm Erleichterung wie die tägliche Dosis Morphium:
Ja, mehr als das: Sie machte jeden Ansatz einer Klage, jedes Gefühl von Ungerechtigkeit und jede Fremdheit des Körpers zunichte. Bach senkte sich über das Zimmer und das Bett und mein Leben, über die Krankenschwestern und ihre Wagen. Er hüllte uns ein. Im Leuchten seiner Klänge zeichnete sich jede einzelne Geste ab, und der Friede, ein besonderer Friede machte sich breit (Seite 280). Weiterlesen

„Nehmen wir uns vor den Menschen in Acht“ – Olivier Guez und sein Roman über Josef Mengele

guez_das_verschwinden_des_josef_mengeleEin Ozeandampfer pflügt 1949 durch das schlammige Flusswasser von Buenos Aires. Allein an der Reling: Helmut Gregor. Später wird er weitere Namen tragen, wird sich Wolfgang Gerhardt oder Onkel Pedro nennen – doch er ist immer Josef Mengele, der ehemalige Lagerarzt vom Vernichtungslager Auschwitz. Ihm ist die Flucht aus Deutschland gelungen.
Atemlos lese ich, wie er in Argentinien ankommt, wie er unterstützt und hofiert wird. Von Diktatoren wie Perón, von Politikern und Sympathisanten. Auch seine Familie in Deutschland sorgt für tiefste Geheimhaltung – noch lange nach seinem Tod. Sohn Rolf hofft, dass irgendwann die Zeit Mengele verschlingen würde. Eine unsinnige und absurde Hoffnung. Menschen wie Mengele verschwinden nicht einfach so aus dem kulturellen Gedächtnis.

Olivier Guez ist das große Wagnis eingegangen, diesen Roman zu schreiben, uns von der Zeit Mengeles in der Emigration zu erzählen. Weiterlesen

Albena Dimitrova. Wiedersehen in Paris

dimitrova_wiedersehen_in_parisSie sind sorglos, sie sind verrückt, sie sind extrem unvorsichtig. Alba und Guéo begegnen sich in einem Sanatorium  im sozialistischen Bulgarien. Was als leise sanfte Sympathie füreinander und als kleine Rauchergemeinschaft mit klugen Gesprächen beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Amour fou im doppelten Sinne. Alba ist siebzehn, Guéo etwa fünfundfünfzig und verheiratet. Sie, ein einfaches Mädchen mit einer Amnesie im linken Bein. Er, ein Mitglied des Politbüros Bulgariens zur freiwilligen Elektroschock-Therapie. Elektroschock als Droge, um zu vergessen.

Die 1969 in Bulgarien geborene Albena Dimitrova erzählt in dem kaum 200 Seiten langen Roman von dieser Wahnsinns-Affäre zwischen Alba und Guéo. Sie erzählt auch von Korruption und von Bespitzelung im sozialistischen Bulgarien. Packend und sprachlich radikal reduziert, beschreibt sie die letzten Tage eines untergehenden Systems. Und die wenigen Tage einer ganz großen Liebe. Weiterlesen