Schlagwort-Archive: London

Eve Harris. Die Hochzeit der Chani Kaufman

Harris_Chani_KaufmanChani Kaufman ist blaß, dunkelhaarig, schlank und äußerst klug. Sie lebt im heutigen London und ist 19 Jahre alt, als sie heiratet. Die Ehe mit Baruch – so hofft sie – wird sie aus der bedrückenden familiären Enge im Haus ihrer Eltern führen. Neugierig lese ich die ersten Sätze dieser mir unbekannten Autorin, bin sofort gebannt und gerate immer tiefer hinein in diese mutige und klug erzählte Geschichte, die ich schließlich bis zum letzten Satz atemlos verschlinge.

Reglos stand die Braut da, unter Lagen kratziger Petticoats wie zur Salzsäule erstarrt. Schweiß lief ihr den Rücken hinunter … Jetzt war es soweit. Dies war ihr Tag. Der Tag, an dem ihr Leben endlich begann. Sie war neunzehn und hatte noch nie die Hand eines Jungen gehalten (S. 7).

Doch auch die Mehrzahl der Jungen in dieser jüdisch-orthodoxen Gemeinde Londons ist erschreckend unerfahren. Diese Jungen wissen NICHTS! Mit 20 Jahren stolpern sie in eine Ehe, die meist arrangiert wird, und wissen nichts über Hormone, über Sex, über Frauen.  Weiterlesen

Elif Shafak. Ehre

Was für eine wundervolle Verbindung:

Shafak_Ehre_HCEin paar Tage Urlaub in der Türkei machen, unzählige Gläschen Tee (mit viel Zucker!!) leeren, der wundervollen türkischen Sprache sowie dem endlosen Rauschen des Meeres lauschen und dabei einen Roman lesen, der mich genau dorthin entführt: in die Türkei.

Ich habe mich für das „echte“ Buch entschieden, denn Herzensbücher als eBook zu lesen, das schaffe ich nur in ganz wenigen Ausnahmen. Es  muss beim Blättern nach Papier duften, ich will dem Rascheln der Seiten nachspüren und natürlich mein geliebtes Lesezeichen aus Stoff benutzen. Mit dem türkischen Halbmond …

türkischer tee 002Auch wenn „Ehre“ nicht ausschließlich in der Türkei spielt, besitzt der Roman doch eine ganz besondere Atmosphäre, die mich absolut in ihren Bann zieht. Auch Shafaks Figuren sind wieder so lebendig! Allen voran Iskender Toprak, seine Mutter Pemba, die Geschwister Esma und Yunus. Die kleine Familie emigriert in den 70er Jahren aus dem kurdischen Teil der Türkei  nach London. Die alten Traditionen und Wertvorstellungen aus dem Leben im kurdischen Dorf bringen sie mit.  Weiterlesen

Anthony McCarten. Funny girl. Aus dem Englischen von Manfred Allié

Funny girlLondon heute: Das Mädchen Azime hat bereits mehr als zehn Verabredungen um den perfekten Ehemann zu finden, scheitern lassen. Erfolgreich scheitern lassen!

Obwohl liberal muslimisch, sind ihre Eltern sehr traditionell und so kommt es, dass ihre Mutter gemeinsam mit einem kurdischen Eheberater regelmäßig diese Treffen arrangiert. Azime gilt als schwer vermittelbar. Sie ist bereits 20 Jahre alt und noch dazu klug. Sie liest Bücher! Welcher Mann will eine solche Ehefrau?! Weil alle Treffen scheitern, glaubt die Mutter bereits, Azime hätte den bösen Blick – doch ihre Tochter ist einfach eine super gute Komikerin! Mit diversen gespielten Ticks (Schielen, unkontrolliertes Zucken der linken Schulter, heftige Reaktionen wegen einer angeblichen Nussallergie …) schockt Azime die älteren kurdischen Herren (meist in Joppe, mit Schnauzbart und jenseits der 40 Jahre). Manche verlassen daraufhin höflich, andere aber fluchtartig die Teestube. Schon hier wird klar, was für eine außergewöhnliche Heldin Azime ist.

Azime will nämlich überhaupt nicht heiraten! Im Gegenteil, sie will selbstbestimmt leben, sie will sich verlieben und sie hat einen Traum: Sie will die erste weibliche muslimische Stand-up-Comedian der Welt werden. Um dafür zu trainieren, besucht sie in London eine Comedian-School. Komisch sein ist nämlich gar nicht so einfach. Im Gegenteil: „wenn eine komische Nummer nicht funktionierte, dann war das grässlich, trauriger als jede Tragödie“ (S. 48). Für ihre Gags beobachtet sie genau ihre Familie und ihre Umgebung. Und schockt mit ihrem Auftritt, für den sie sich eine schwarze Burka kauft (eigentlich wollte sie nur mal testen, wie sich das so anfühlt…). Das Publikum hält den Atem an. Azime erhält Morddrohungen auf Facebook und youtube.

Schon im „Englischen Harem“ hatte McCarten eine mutiges junges Mädchen als Hauptfigur gewählt, welches im Ringen um Selbstbestimmung das Risiko eingeht, das Vertrauen und die Liebe seiner Familie zu verlieren. Die Konflikte, welche McCarten in seinen Romanen beschreibt, sind typisch für jede Familie. Das Besondere bei ihm ist aber, dass er die Möglichkeit der Versöhnung zulässt. Ganz besonders die Versöhnung unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Traditionen. Das ist aufwühlend und motivierend gleichzeitig. Denn bei McCarten gibt es keine Trennung von Gut und Böse. Menschen haben die verschiedensten Anschauungen und Lebensweisen – das ist einfach so. Mit diesem Wissen habe ich nun „funny girl“ gelesen und wurde wieder einmal belohnt!

Großartige Story! Man erhält tatsächlich Einblicke in den Alltag einer Comedian-School (obwohl mich manche Monologe der Comedians und die Diskussionen darüber ermüdet haben). Und man wird daran erinnert, wie wichtig in unserem Leben das Lachen ist. Dass es viele Dinge erleichtert und dass es glücklich macht.

Für Azime als Mädchen ist es nicht einfach, den gewählten Weg zu gehen. Doch sie kämpft für ihre Ideale. Als die Situation sich zuspitzt und Azime vor der Wahl steht, sich zu fügen oder weiterhin zu rebellieren, da wählt sie Widerstand. Gegen alles und gegen jeden. Am Ende erleben wir sie stärker, selbstsicherer. Aber auch versöhnter. Mit sich und ihrer Familie.

Anthony McCarten. funny girl. Diogens Verlag 2014.