Schlagwort-Archive: Liebesgeschichte

Kevin Kuhn. Liv

kuhn_livDie letzten 100 Seiten gelesen. Fast ohne Pause. Die Finger eiskalt. Der Herzschlag viel zu schnell. Ein entzündetes Gefühl in den Augen. Was würde Livs elektronischer Pulsmesser jetzt sagen?
Atmen. Wasser trinken!
Ich besitze eine solche Smartwatch, wie Liv sie zeitweise trägt, nicht. Hauchdünn und biegsam legt sie sich um das Handgelenk wie eine zweite Haut. So ein Ding würde mir Angst machen, überwacht es doch alles, was man tut und fühlt – ähnlich dem implantierten Chip in Juli Zehs Roman Corpus Delicti. Schließlich weiß ich auch ohne eine solche Smartwatch, dass ich jetzt erstmal einen super starken Kaffee brauche!

Ein verrückt schöner Trip durch die Zeit und über mehrere Kontinente liegt hinter mir. Bin mit Liv, ihrem Smartphone und Tausenden von Followern einmal rund um den Erdball gereist. Stationen dieses Trips waren Israel, Mexiko, die USA, Neuseeland und Berlin. Wir waren in einer Geisterstadt in der amerikanischen Salzwüste und sind da fast verdurstet! Wir waren mit dem kleinen Hund_Fufu auf einer Luxusjacht im Pazifik, wo wir beinahe von einer riesigen Sturmfront verschlungen wurden. Wir waren im Tempelhofer Feld in Berlin.  Weiterlesen

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Bodo Kirchhoff. Widerfahrnis

kirchhoff_widerfahrnisReither gibt auf. Als etwa 60jähriger Verleger mit circa vier Büchern im Jahr erkannte er am Ende seines Berufslebens, dass es allmählich mehr Schreibende als Lesende gab (S. 10). Reither kann es sich leisten, plötzlich aufzuhören. Ein jüngerer Verleger müsste sich etwas Neues suchen. Reither kann sich einfach zurücklehnen. Die Seele baumeln lassen.

Dieser Reither ist auf sympathische Weise im Herzen und auch im Geiste jung geblieben. Auf eine wilde Art auch unvernünftig, raucht er leidenschaftlich gern filterlose Zigaretten und trinkt Rotwein aus Apulien – den er regelmäßig direkt dort kauft. Reither liebt seine Lederjacke und sein Feuerzeug, beides besitzt er schon ewig. Auch das hat etwas Jungenhaftes und führt dazu, dass ich Reither mehr und mehr sympathisch finde. Apropos, die Lederjacke! Sie ist gefüttert und hat viele Taschen, und es gab sie schon, als es noch kein Internet gab, solche Jacken werden heute gar nicht mehr hergestellt, weil sie zu lange halten (S. 35). Auch liebt er spontane Aktionen, was dazu führt, dass er eines Morgens im April das verschneite Weißachtal im bayerischen Allgäu in Richtung Süden verlässt – in einem BMW Cabrio. Weiterlesen

Anna Quindlen. Ein Jahr auf dem Land

Quindlen_Ein_Jahr_auf_dem_LandStill life with bread crumbs – so ist der Originaltitel dieses wundervollen Romans, in welchem es auch um Fotografie und um Stillleben geht. Irgendwie gefällt er mir besser, als der Titel der deutschen Übersetzung und tatsächlich dachte ich zuerst, hm, noch ein Apfelbuch, schaute aber glücklicherweise mal rein in die Story und … begegnete einer ganz außergewöhnlichen und mir schnell sehr vertrauten Romanfigur: Rebecca Winter, Fotografin in New York.

Beim Lesen fühlt es sich an, als hätte auch ich eine Fotokamera in der Hand und würde mich mit jedem Kapitel näher an Rebecca heran zoomen. Zuerst beobachte ich sie aus gesicherter Entfernung mit einem Teleobjektiv. Ich sehe eine dunkelhaarige, zierliche Frau, ca. 60 Jahre. Ihre Schulter gleicht einer weichen, weißen Landschaft, so verschwommen sind die Konturen. Assoziationen zu Wüsten- und Sandbildern entstehen. Rebecca selbst hat manchmal solche Bilder gemacht. Immer in Schwarzweiß. Nie in Farbe! Weiterlesen