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Betrunkene Bäume und entwurzelte Menschen

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Betrunkene Bäume bezeichnete nicht etwa eine bestimmte Art oder Gattung von Bäumen, sondern konnte jeden unter ähnlichen Bedingungen in Schieflage geratenen Baum bezeichnen. Ein Stamm, der im schmelzenden Permafrostboden an Halt verlor, kippte im tauenden Matsch, weil seine Wurzeln, den festen Permafrostboden gewohnt, keinen Halt mehr fanden. Ganze Wälder konnten so in Schieflage geraten (S. 139/140).

Begleitet vom Bild der betrunkenen Bäume im Permafrost, erzählt Ada Dorian in ihrem Debüt von Menschen, die den Halt verloren haben. Sie erzählt vom alten Erich mit seinem beigefarbenen Commodore, der wegen seiner schlechten Augen eigentlich gar nicht mehr fahren darf. Altersbedingt bereits ein bißchen hilflos, doch immer noch recht pfiffig, züchtet er in seinem Schlafzimmer einen kleinen Wald aus Birken, Erlen und Pappeln, weil er beim Geruch der Pflanzen besser schlafen kann. Sie sind seine besten Freunde. Am längsten lebt bei ihm der Ahorn, der nun bereits an die Decke stößt. Vor seiner strengen Tochter Irina hält er die Tür zu diesem Raum stets verschlossen. Sie würde ihn sicher für verrückt erklären –  Weiterlesen

Warlam Schalamow. Durch den Schnee. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold

cover.html„Wie tritt man einen Weg in unberührten Schnee? Ein Mann geht voran, schwitzend und fluchend, setzt kaum einen Fuß vor den anderen und bleibt dauernd stecken im lockeren Tiefschnee. Der Mann läuft weit vor und markiert seinen Weg mit ungleichen schwarzen Löchern. Er wirkt müde, legt sich in den Schnee, steckt sich eine Papirossa an, und Machorkarauch schwebt als blaues Wölkchen über dem weißen funkelnden Schnee.“

So beginnt „Durch den Schnee“ – die erste dieser unglaublich eindrucksvollen Erzählungen aus Kolyma. Erschienen ist das Buch bereits 2007 beim Verlag Matthes & Seitz. Erzählt wird von Hunger, Kälte und Tod. In einer so eindringlichen, radikalen und gleichzeitg poetischen Sprache, dass es einem den Atem raubt. Niemand hat jemals so über den Gulag geschrieben. Auch nicht Solschenizyn. Und es ist eine traurige Wahrheit, dass Schalamows Erzählungen in der Sowjetunion bis zu seinem tragischen Tod nie vernünftig abgedruckt wurden. Während Solschenizyn, der ebenfalls die Zustände in den Lagern des Gulag beschrieben hatte, 1970 den Literaturnobelpreis erhielt. Dass beide Autoren sich gegenseitig total ablehnten, ist nur eine der vielen Informationen, die man aus der großartigen Ausstellung im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstrasse zum Leben und Schreiben von Warlam Schalamow mitnimmt. Textpassagen aus seinen Erzählungen, Fotos und Tondokumente sowie zwei Filme geben Einblicke in das Werk eines der gößten Dichter der Weltliteraur.

Und nun lese ich sie wieder, die Erzählungen. Erneut bin ich erstaunt über den lakonischen Ton sowie über die tiefe Menschlichkeit, die aus jeder Zeile spricht. Schalamow scheint nie den Mut zu verlieren. Immer wieder kommt seine Liebe zur Natur in dieser unwirtlichsten aller Gegenden zum Ausdruck. So, wenn er eine vom Schnee gebeugte Lärche beschreibt oder  die verschiedenen Aromen der im Frost erstarrten Hagebutten und  Preiselbeeren. Wie er jede der gefrorenen Beeren behutsam  und gierig mit der Zunge an den Gaumen drückt und sich für einen Moment vom süßen Saft betäuben lässt. Um dann weiter Krummholz zu sammeln oder Steine in einer Mine zu schlagen. Bei Minusgraden, die wir uns nicht vorstellen können.

Schalamow erlebt und überlebt als Lagerhäftling insgesamt achtzehn Jahre, davon vierzehn in der Kolyma-Region im fernöstlichen Sibirien. Er beginnt mit dem Schreiben nach seiner Entlassung in den 50er Jahren und sieht sich selbst als Schriftsteller einer neuen Prosa. Einer Prosa, die einem Dokument eher gleicht als einem traditionell erzählten Text, wie es im Nachwort heisst. „Federführend sei nicht Orpheus, der in die Hölle hinabstieg, sondern Pluto, der der Hölle entsteigt“ (S. 298).

Die Ausstellung läuft noch bis zum 08.12.2013.

http://www.literaturhaus-berlin.de/