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Dave Eggers. Der Circle

eggers, circleVor einigen Tagen wollte ich nur mal reinschauen … Vor wenigen Stunden habe ich bereits die letzten und alles entscheidenden Sätze von „Circle“ gelesen. Es gibt mehrere Gründe, warum ich allen Rezensionen zum Trotz meine Meinung zu diesem Buch gern auch noch sagen möchte.

Ein Grund ist – es hat mich fasziniert, zu Tode erschreckt und mich wahnsinnig begeistert! Desweiteren hat mich die großartige Besprechung auf Literaturen dazu inspiriert. Und ein letzter Grund – denn er ist der entscheidende – ich fand ganz besonders das Ende grandios. Als würde Eggers mir ein Messer in den Bauch rammen und es genüsslich um 180 Grad drehen.

Anfangs störte auch mich der leichte Erzählton. Will ich das lesen, fragte ich mich? Doch die Story entwickelt einen geheimen Sog – keine Ahnung, wie Eggers das angestellt hat – der einen süchtig vorwärts treibt.

Chronologisch erzählt, folgt eine haarsträubende Szene der anderen. Nach außen wirkt alles ganz positiv, alle Circler sprechen furchtbar nett miteinander. Doch ich habe eine Gänsehaut. Und Mae Holland, der glücklich im Circle aufgenommenen Protagonistin, kommen niemals Zweifel! Sie sieht die Signale nicht: ihre Eltern, ihr Ex-Freund Mercer, der geheimnisvolle Kalden – alle schreien eigentlich: HÖR AUF!!!!

Beim Ende der Story angekommen, denke ich,  dass der leichte Erzählton möglicherweise gewollt ist. Reden wir nicht bereits genau so? So reduziert, so effizient. Eggers hält mir einen Spiegel vor mein Gesicht. Ich frage mich, wie weit will ich selbst eigentlich gehen? Wie transparent will ich sein? Oder besser: nicht sein! Oft fühle ich mich genau wie Annie  überfordert von der Datenflut. Ich wünsche mir Unauffindbarkeit wie Mercer. Ich will aussteigen und auf dem Land leben ohne Handy und Laptop. Will auf Berge steigen, will mit dem Kanu rauschende Wildbäche durchstreifen –

Wenigstens für eine Zeit …

Dave Eggers. Der Circle. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch. Köln 2014. 560 Seiten. 22,99 €

 

Angelika Klüssendorf. april

aprilWieder so ein Roman, der einen packt und so richtig durchschüttelt vom ersten bis zum letzten Satz. Ich gestehe, dass ich mit der Vorgeschichte „Das Mädchen“ (August 2011) nicht klar kam. War mir zu spröde, zu hart, zu real.

Auch wenn die Sprache in „April“ wieder sehr reduziert ist, so liest es sich diesmal doch wahnsinnig gut und außerdem fasziniert mich die Story einfach sehr. Radikal kurze, aber inhaltsreiche Sätze umspannen eine Zeit von etwa 10 Jahren. Auf lediglich 219 Seiten! Ohne, dass genau benannt wird, in welcher  Zeit und wo der Roman überhaupt spielt, spürt man schnell, es sind die späten 70er und frühen 80er. Ort: Leipzig.

April ist mir von Anfang an so symphatisch, wie eine beste Freundin. Liebevoll nennen ihre Freunde sie Rippchen – weil sie so extrem dünn ist. Den Namen April hat sie sich, inspiriert durch Deep Purples gleichnamigen Song, selbst zugelegt. April trägt gern eine dicke Trainigshose unter Levi’s, dazu ein Nicki mit der US-Flagge drauf. Sie ernährt sich von Tütensuppen. April ist geheimnisvoll und sehr empfindsam. Ihre kleinen Ticks und Macken – man verzeiht sie ihr. Wie traumatisch ihre Kindheit wirklich gewesen ist, kann man nur ahnen. Manchmal regt April sich ungewollt über Kleinigkeiten ganz furchtbar auf.  Als löse sich ein Knoten in ihrem Inneren, fliegen dann ungebremst rote Wutpfeile durch die Luft.

„…und diese Pfeile haben so eine Wucht … Sie fragt sich, wo die Macht ihrer Mutter endet. Manchmal hat April das Gefühl, der Zorn ihrer Mutter würde wie eine Ascheschicht auf ihrem Herzen liegen. Als sollte sie nie frei atmen dürfen, als würde ihre Mutter noch immer versuchen, alles Gute und Lebendige in ihr zu vernichten“ (S. 115/116).

Nun ist sie endlich 18. Doch auch das Leben als erwachsene Frau, die ein Zimmer zur Untermiete sowie eine Stelle als Bürohilfskraft im Starkstromanlagenbau von der Jugendhilfe zugewiesen bekommen hat, ist nicht lustig!

Dennoch lebt April relativ unbeschwert. Sie trinkt ihren Kaffee schwarz, raucht Karo und beginnt irgendwann mit dem Schreiben. Bewegt sich in Künstlerkreisen. Alle sind irgendwie Literaten. Klüssendorf beschreibt diese Szene absolut authentisch. Es ist die Zeit der Schmalzbrote und des schwarzen Tees, der bärtigen Männer, umhüllt von Zigarettenrauch. Die Mädchen tragen Hippiekleider, eingefärbt und zusammengenäht aus Baumwollwindeln (leichte Baumwollstoffe gibt es nicht) und diskutieren über den Kater aus Bulgakows „Meister und Margarita“.

Wäre „April“ in der Zeit der DDR erschienen – es wäre sofort zum Kultbuch avanciert! Wir hätten es alle gelesen. Der Roman hat eine so ungebremste Wucht und eine sprachliche Kraft, dass man einfach nicht daran vorbei kommt. Auch heute nicht, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Aprils Ausreise nach Westberlin und ihr schwieriges Ankommen in Kreuzberg sind ebenfalls spannend, nehmen aber weniger Raum ein. Die Sorgen und Probleme sind jetzt viel existenzieller. Doch irgendwann nach vielen Tiefschlägen, scheint April im Leben angekommen zu sein. Der Schatten ihrer Kindheit wird kleiner und wir erleben sie mit einem zaghaften Lächeln. Als hätte sie endlich das Geheimnis entdeckt, um glücklich zu sein. Und glücklich – das bin ich auch.

Angelika Klüssendorf. april. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 2014. 219 Seiten. 18,99 €