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Banana Yoshimoto. Der See. Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg

yoshimoto, seeMit diesem Roman hat Yoshimoto mich wieder ganz und gar verzaubert! „Der See“ ist eine tiefgreifende Liebesgeschichte, nach deren Lektüre man voller Hoffnung aufblickt und denkt: Ja. So schön, so tröstlich und so beruhigend kann Liebe sein. So will man selbst auch lieben. So. Und nur so.

Obwohl die Figuren ihrer Romane selten älter als 30 Jahre alt sind – auch Chihiro (Kunststudentin) und Nakajima (Medizinstudent) sind sehr jung – feiert Banana Yoshimoto im Juli ihren 50. Geburtstag! Vielleicht erwartet uns Leser auch mal die Geschichte einer späten Liebe? Doch, wie ist das eigentlich mit der Liebe? Trägt nicht jeder für immer und ewig dieses Gefühl in sich, nie wirklich erwachsen zu werden? In dem Roman „Geschichte für einen Augenblick“ von Ruth Ozeki fragt das 16jährige Mädchen Nao seine Urgroßmutter Jiko (104 jahre alt), wie alt man werden muss, bis der Verstand wirklich erwachsen ist. Die Antwort der alten Jiko: 105 Jahre! Interessante Antwort. Und möglicherweise ernst gemeint.

Tokio. Der stille und zurückgezogen lebende Nakajima und das offensive Mädchen Chihiro beobachten sich gegenseitig durch die Fensterscheiben ihrer Wohnungen, begegnen sich schließlich und mögen sich auf Anhieb. Zwischen beiden entwickelt sich, zart wie eine Bambussprosse, eine vorerst freundschaftliche Beziehung. Chihiro, die mehr mit dem Körper als mit dem Kopf denkt, bemerkt irgendwann, dass mit Nakajimas Körper irgendwas nicht stimmt. Sein Leben scheint von einem dunklen Geheimnis in seiner Vergangenheit geprägt. Von diesem Gefühl beeinflusst, gelingt es ihm nicht, im Hier und Jetzt wirklich glücklich zu sein. Sie drängt ihn, „zurück“ in seine Kindheit zu gehen, den Knoten zu lösen. Nur so könne es eine Chance für eine gemeinsame Zukunft geben.

Denn längst ist Chihiro wahnsinnig verliebt. Mit Haut und Haar. Statt wie früher Beruhigung zu finden beim Streicheln und Liebkosen ihrer Katze, genügt nun allein die Anwesenheit Nakajimas. Wenn er da ist, hellt sich ihre Stimmung auf, neutralisiert sich das Gift in ihrem Herzen. „Ich fühlte mich, als würde ich in den endlos weiten Himmel schauen oder, im Flugzeug sitzend, über dem leuchtend weißen Wolkenmeer schweben. Es war so schön, dass es schmerzte…“ (S. 151). An der Seite Nakajimas fühlt Chihiro eine bisher ungekannte Verbundenheit mit dem gesamten Universum. Eine Liebe so tief, dass sie erschauert.

Für Nakajima wird dieser Weg in die Vergangenheit sehr schmerzvoll. Er führt zurück an den See. Dort, wo er eine zeitlang als kleiner Junge gelebt hat. Dort am See begegnet er zwei ganz besondere Menschen, die Nakajima helfen können –

Wie schön, dass es die Romane von Banana Yoshmoto gibt! Und wie man das bei ihr kennt und es auch erwartet, verschwimmen auch in „Der See“ die Grenzen zwischen Realität und Imagination auf ganz besondere Weise. Man liest diese 220 Seiten und hat das Gefühl, eine kleine spirituelle Reise gemacht, einen Tempel besucht oder dem Gebet einer buddhistischen Nonne gelauscht zu haben. Erfüllt von Ruhe und tiefen Glück.

Und falls Ihr Euch auch immer schon gefragt habt, wie eine Japanerin zu dem Namen Banana kommt: Inspiriert von der bezaubernden Blüte der Red Banana Flower soll sie ihren wirklichen Namen Mahoko Yoshimoto getauscht haben gegen den Künstlernamen Banana Yoshimoto.

red banana flower

Weitere Beiträge zum Roman „Der See“ – außergewöhnlich gestaltet und absolut lesenswert – findet Ihr bei der Klappentexterin und bei deepread.

Banana Yoshimoto. Der See. Diogenes Verlag. Zürich 2014. 220 Seiten

 

Haruki Murakami. Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe (3)

Herr TazakiWas muss  das für ein großartiges Gefühl sein: In einem alten Holzhaus in Honolulu zu  sitzen (wo es, nach Murakamis eigenen Worten, wunderbar langweilig ist) und zu wissen, dass gerade unzählige Leser auf der anderen Seite des Kontinents ihre Zeit mit Tsukuru Tazaki verbringen. Meine Phantasie reicht dafür kaum aus. Aber verrückt und schön, dass muss es wohl sein, dieses Gefühl. Wenn Schreiben für ihn der Sinn des Lebens ist (gelesen im Interview in der Zeit vom 08.01.14), dann ist „Gelesen werden“ in diesen Sinn wohl inbegriffen. Dort in Honolulu genießt er Stille, Einsamkeit, aber auch Zeit für Schwimmen und Triathlon. Er ist den Honolulu-Marathon gelaufen! Faszinierend. Wo er doch heute seinen 65. Geburtstag feiert!

In seinem neuen Roman verbinden sich wieder Traumsequenzen mit realen Situationen. Murakami glaubt auch im wirklichen Leben, dass beide Welten – die wirkliche und eine andere irreale Welt – zugleich bestehen, sich vermischen. Im Zeit-Interview sagt er, er würde manchmal so eine Art Brise spüren. Erstmalig sei ihm das beim Schreiben von „Wilde Schafsjagd“ passiert. Da sei von der anderen Seite der Schafsmann aufgetaucht: „Also habe ich ihn beschrieben. Mehr musste ich nicht tun.“

Mit diesem Wissen ist es noch viel mehr Genuss, die Story zu lesen. Eigentlich kann ich mir einen Murakami-Roman ohne surreale Momente kaum vorstellen. Es gehört einfach dazu. Und so muss nun Tsukuru, um sich für eine neue Beziehung zu öffnen, in die Vergangenheit reisen. Eine seelische Verletzung vor 16 Jahren hatte sich tief in sein Herz gegraben. Wieder sind es ganz besonders die Mädchen, die als unvergessliche Figuren in Erinnerung bleiben.

So unvergessen wie Shimamoto San aus „Gefährliche Geliebte“ und Aomame aus „1Q84“. Nur heißen sie diesmal Kuro, Shiro und Sara. Es gibt eine Szene, die zu meinen Lieblingsszenen gehört. In wunderschönem Schwarz/Weiss-Kontrast beschrieben. Aus dem Blickwinkel von Tsukuru Tazaki schauen wir Shiro dabei zu, wie sie am Yamaha-Flügel sitzt und ihr Lieblingsstück „Le mal du pays“ aus den „Années de pèlerinage“ von Franz Liszt spielt. Die leicht geöffneten Lippen. Das schwarze Haar. Der weisse Schwanenhals. Haut wie Porzellan. Und wie ihre zarten weißen Finger über die schwarzen und weißen Tasten gleiten.

Diese melancholische Melodie zieht sich als roter Faden durch den gesamten Roman, verbindet Vergangenes mit Gegenwärtigem. Mal sind es knisternde Schallplatten, auf den Plattenteller gelegt, dann wieder CDs, in eine kleine Stereoanlage geschoben. Ein schlichtes Thema, immer unverändert schön. Doch jedesmal mit einem ganz eigenen Zauber. Und der entfaltet sich, so findet Tsukuru, ganz besonders am Seeufer in Finnland. Hier besucht er Kuro. Das zweite Mädchen aus der Fünfergruppe. Und hier in Finnland gibt es ein weiteres Bild, das ich einfach nicht vergessen kann. Weil es die Melancholie des Abschieds einfach, aber eindrucksvoll beschreibt (S. 282/283).

Tsukuru verlässt Kuro, die ihn noch vor den Losfahren vor den Kobolden warnt. Er winkt ihr aus dem Auto zu, gibt dann Gas, fährt los. Er weiss, er wird hier nie wieder herkommen. Auch wenn ihn das traurig stimmt, aber es gibt kein Zurück.

„Der Wind hatte aufgefrischt, und auf dem See bildeten sich hier und da kleine Schaumkronen. Ein großer junger Mann paddelte in einem Kajak langsam und lautlos wie ein großer Wasserkäfer vorbei.“

Tsukuru Tazaki wird mich noch viele Tage begleiten. Immer wieder nehme ich diesen außergewöhnlichen Roman in die Hände und wünsche,  dass es jedem so gehen mag: einfach glücklich zu sein, seine Geschichte gelesen zu haben.

Happy birthday, dear Mister Murakami!!

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Haruki Murakami. Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Dumont Verlag. 2014

Haruki Murakami. Die unheimliche Bibliothek. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

Die unheimliche Bibliothek von Haruki MurakamiHerrTazaki 001Nur noch 30 endlose Tage, bis  Murakamis neuer Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ erscheint!!!!!

Ich tröste mich (und vielleicht auch euch) mit seinen im Dumont Verlag erschienenen Erzählungen, die Kat Menschik liebevoll illustriert hat.

Jemandem zu beschreiben, der noch nie Murakami gelesen hat, warum man jedes Wort dieses einzigartigen Autors in sich aufsaugen möchte, ist wahrscheinlich kompliziert. Ich gehöre zu den Lesern, die nach gewisser Zeit ohne einen Roman oder eine Erzählung von ihm Entzugserscheinungen bekommen. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Lesestoff. Ich gehe an mein Regal ….

Diesmal wähle ich „Die unheimliche Bibliothek“, eine Erzählung aus dem Jahre 2005.  Darin geht es um einen  Jungen, der zur Bibliothek läuft, um sich diverse Bücher über die Steuereintreibung im Osmanischen Reich auszuleihen. Ein grummeliger alter Mann gibt ihm zwar zwei zerlesene Exemplare, zwingt ihn aber gleichzeitig, ihm in ein labyrinthartiges Gewölbe unter der Bibliothek zu folgen. Nur hier dürfe er lesen. Ausleihen unmöglich –

„Mir wurde unbehaglich zumute. Um ehrlich zu sein, war ich keineswegs sonderlich erpicht, etwas über die Steuern im Osmanischen Reich zu erfahren. Doch hatte sich mir auf dem Heimweg von der Schule unvermittelt die Frage gestellt: Wie haben die eigentlich damals im Osmanischen Reich die Steuern eingetrieben? Und wenn ich etwas nicht wusste, ging ich immer sofort in die Stadtbücherei, um es herauszufinden. Schon von klein auf.“ (S. 10)

Im weiteren Verlauf dieser phantastisch anmutenden Story steht überraschend der Schafsmann vor dem Jungen. Und ich glaube, das ist genau der Moment, wo man als erfahrener Murakami-Leser im reinen Glück ist. Nur wer „Die wilde Schafsjagd“ kennt, weiß wahrscheinlich um das Geheimnis des Schafsmannes – hier begegnet man ihm also wieder in seinem seltsam übergehängten Schafspelz mit den langen Ohren …                                                                                                             Alles ist so vertraut und doch wieder ganz anders. Murakami eben. Dann taucht das schöne stumme Mädchen auf. Doch existiert es wirklich? Ist sein Kuss auf die Wange des Jungen real oder geträumt?                                                                    Beide, der Schafsmann und das stumme Mädchen, warnen den Jungen vor einer großen Gefahr –

Viel zu schnell bewegt sich die Geschichte dann auf ihr Ende zu. Dank der beeindruckend schönen Illustrationen von Kat Menschick kann man aber beim Lesen inne halten und sich im Anblick der kleinen Kunstwerke verlieren. Und obwohl ich meine Bilder zu Geschichten lieber im Kopf entstehen lasse (Murakami ist ein virtuoser Zauberer ganzer Kopfwelten), genieße ich ihre Impressionen zu Murakamis Gedankenkosmos: schwarz glitzernde Diamanten, melancholisch, phantasievoll, mystisch..

Yoko Ogawa. Schwimmen mit Elefanten. Aus dem Japanischen von Sabine Mangold

Ogawa_SchwimmenMitElefantenAm Anfang des Romans hat er noch keinen Namen, er ist einfach nur „der Junge“. Schon in früher Kindheit entwickelt er eine Leidenschaft für Schach und beschließt mit elf Jahren, nicht mehr zu wachsen. Ausgelöst durch zwei Geschehnisse in seiner Kindheit, ist er besessen von der Tragödie um das Größerwerden. Allein der Gedanke daran, zieht ihn in einen Sumpf aus Angst.

Da ist außerdem Indira, das Elefantenmädchen. Einst als Baby und zu Zwecken der Attraktion auf das Dach eines Kaufhauses transportiert, sollte Indira irgendwann für immer in den Zoo. Mittlerweile war Indira aber zu groß für den Fahrstuhl und musste bis ans Ende ihrer Tage auf dem Dach des Kaufhauses leben. Vier Kuhlen im Betonboden und eine Fußfessel zeugen von ihrem tristen Leben.

Für den Jungen eine traumatische Kindheitserfahrung.

Und dann ist da noch der dicke Mann. Leidenschaftlicher Schachspieler, lebt in einem ausrangierten Bus. Von ihm lernt der Junge die Eleganz und Raffinesse des Schachs. Der dicke Mann lehrt ihn, dass es mehr darum geht, die Schönheit des Spiels zu genießen, als den König des Gegners in die Enge zu treiben. Zeit seines Lebens wird ihn der Spruch seines Meisters, „Nicht so hastig, mein Junge“ begleiten –                                                                                                                                        Doch sein Meister, der auch eine Leidenschaft für Süßes und Kuchen aller Art hat, wird dicker und dicker. Kaum verlässt er noch seinen Bus, in welchem er mit seinem Kater Pawn lebt.

Interessant an dem Roman finde ich, dass ein zweites Tier auftaucht, welches einen Namen trägt. Der Meister und der Junge bleiben namenlos. Passenderweise ist Pawn schwarz-weiß gefleckt wie der Tisch daneben mit den schwarz-weißen Quadraten. Beide bilden eine harmonische und untrennbare Einheit. Jahrelang verbindet die drei eine tiefe Freundschaft.

Ein tragisches Ereignis jedoch wird die Angst des Jungen, groß zu werden, verstärken. Ein Ereignis, an welches er sich sein ganzes Leben erinnern wird.

Er wird andere Orte erleben, an denen er aber eines immer und immer wieder tut: Schachspielen. Mittlerweile ist er berühmt als der kleine Aljechin (inspiriert von Alexander Aljechin, dem berühmten französisch-russischen Schachspieler) und tritt, versteckt in einem Schachautomaten, gegen die unterschiedlichsten Gegner an. Und dann ist da auch noch das Mädchen Miira…                                      Ein melancholisches, zartes Mädchen, das die Notationen zu jedem Spiel des kleinen Aljechin aufschreibt.                                                                                                    Der Junge ist ein stiller Liebender und so sind es oft nur ganz versteckte, aber umso tiefer berührende Momente, in denen seine tiefe Liebe zu Miira zum Ausdruck kommt. Etwa, wenn er sie unter vielen anderen weiß Gekleideten zu finden hofft und sie schließlich erkennt an dem unverwechselbaren Schatten ihrer traurig gesenkten Wimpern (S.196).

So ist „Schwimmen mit Elefanten“ nicht nur Schach- sondern auch wunderschöner Liebesroman. Wie in den Romanen von Haruki Murakami begegnen einem beim Lesen skurrile Charaktere in außergewöhnlichen Situationen. Traum und Realität vermischen sich leise und elegant miteinander.  Bin fasziniert, tief berührt und sehr begeistert.                                                               Eine außergewöhnliche Geschichte über einen ganz besonderen Jungen.

Endlich im Januar 2014 der neue Roman von Haruki Murakami. Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki (1)

HerrTazaki 001Der Countdown läuft…… und nach dem 10. Januar 2014 werden wir alle sehr viel mehr wissen. Wer ist Herr Tazaki? Warum wird er farblos genannt? Und welche Rolle spielt das Musikstück „Pilgerjahre“ von Franz Liszt in dieser wieder so geheimnisvoll anmutenden Story.

Im Klappentext ist zu lesen, dass es ein großer Roman über Freundschaft und Liebe, Schmerz und Schuld ist. Als Tsukuru Tazaki das Mädchen Sara kennenlernt, das in einem Reisebüro arbeitet, öffnet er sich das erste Mal in seinem Leben. Tsukuru Tazaki – eigentlich ein Mann ohne Leidenschaft und ohne besondere Eigenschaften – muss tief in seine Vergangenheit zurückgehen. Er begibt sich auf die Suche nach einer seelischen Verletzung, deren Wunde nie verheilt ist. Wobei vier Farben eine entscheidende Rolle spielen. Schon während ich das schreibe, habe ich das Gefühl, den farblosen Tsukuru Tazaki zu kennen.

Für mich ist der 10. Januar ein magisches Datum und weitaus wichtiger als Weihnachten, Sylvester oder irgendwas. Es ist schön, dass der sehnsüchtig erwartete Roman zeitgleich zum 65. Geburtstag von Murakami am 12. Januar erscheint. So macht er den Lesern an seinem Geburtstag ein Geschenk. Gleichzeitig kann er davon ausgehen, dass Hunderte von Fans in diesen Tagen seinen Roman verschlingen werden – das sicher schönste Geschenk für einen Autor.

Die meisten seiner Fans, die „Harukinisten“ leben – klar – in Japan und gleich in der ersten Woche wurden dort eine Million Exemplare verkauft!

Seine Leser sollen schon um Mitternacht Schlange gestanden haben (manche Buchläden in Tokio haben tatsächlich auch nachts noch geöffnet).

Zu meiner großen Freude erscheint das Buch wie gewohnt bei Dumont (allein das Cover ist ein Kunstwerk) und übersetzt hat es auch diesmal Ursula Gräfe, die deutsche Stimme von Haruki Murakami.