Schlagwort-Archive: Istanbul

Wut und Rebellion. Fatma Aydemir und ihr Debüt „Ellbogen“

aydemir_ellbogenEs ist so da und es ist so heftig, dass man es fast anfassen kann. Wut. Meine ist so groß, dass sie nicht in mich hineinpasst. Sie droht meine Haut zu sprengen, mich von innen aufzufressen und wieder auszuspucken … Gül holt endlich die Ballerinas aus ihrer schweren Tasche, schmeißt sie heftig auf die deutschen Pflastersteine (S. 114).

Hazals Wut ist die Wut einer Achtzehnjährigen. Stunden, bevor es zu der gerade geschilderten Situation kommt, ist da schon ein Stechen, später ein Pochen im Kopf, weil Hazal mal wieder voller Hass auf ihre Mutter ist. Die ihr mit ihren ewigen Forderungen nach heißem Çay – begleitet vom Klingeln des Löffelchens im leeren Glas – extrem auf die Nerven geht. Irgendwann tief in der Nacht ist es dann nur noch totaler Kontrollverlust und krasse Wut. Eine Wut, die ihr Ventil in brutaler Gewalt gegen einen ahnungslosen deutschen Studenten findet. Weiterlesen

Emrah Serbes. Deliduman

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Cover der türkischen Originalausgabe

2014 erscheint im türkischen Original der Roman Deliduman, in dessen atemberaubendem Finale das Mädchen Cigdem vor den Wasserwerfern der Polizei auf dem Taksim-Platz im Mai 2013 den berühmten Moonwalk von Michael Jackson tanzen will.
Die Proteste im Gezi-Park liegen also lediglich ein paar Monate zurück, sind in den Köpfen der Leser noch präsent – da hat Emrah Serbes schon eine fertige Geschichte über diese Ereignisse.
Dass der Roman so schnell nun auch auf Deutsch vorliegt, ist dem Verlag binooki zu verdanken. Und ganz besonders der engagierten Übersetzung durch Selma Wels, die mir in einem Interview ein paar Fragen dazu beantwortet hat.

Auf der Lesung am 11. Oktober im Café Meyan in Schöneberg liest Selma aus dem neuen Roman und bittet um unser Verständnis, dass Emrah sich verspäte. Doch die Ereignisse in Ankara vom 10. Oktober hätten ihn so sehr geschockt, dass er die ganze Nacht hindurch schreibend verbracht habe. Weiterlesen

Feridun Zaimoglu. Siebentürmeviertel

zaimoglu_siebentürmeviertelDas historische Istanbul erleben! Mit Zaimoglu in die 30er Jahre reisen und sich einlassen auf einen sprachgewaltigen Roman … Die Vorfreude ist groß. Der Anfang des Romans ebenfalls. Weil das erste Kapitel den Namen „Der Erbarmer“ trägt und dies einer von vielen Namen Allahs ist, schaue ich ins Inhaltsverzeichnis. Es besteht aus 99 Kapiteln, die jeweils mit einem Namen Gottes überschrieben sind und sich Der Erhabene, Der Verzeiher, Der Großzügige … nennen. Im Vorsatz lese ich aus einer Überlieferung des Propheten, Gott hätte neunundneunzig schöne Namen, einen weniger als hundert.

Meine Neugier ist jetzt geweckt und ich beginne mit dem Prolog, der sich ebenfalls wie eine Aufzählung vieler Namen liest: Sie nennen mich Hitlers Sohn. Flüchtiger Arier. Kind mit Kraft. Sie nennen mich Windhundwelpe des Führers. Sie rufen mich den Gelben, die kleine Sonne, Zauberperle, lachendes glückliches Äffchen. Sie sagen: Verwandle dich nicht, und wir werden dich bewundernSie knurren die Laute, die Türken, sie pressen sie heraus, die Koseworte … Sie nennen mich: Das deutsche Kind, das die Düsternis vertreibt.

Das Kind heißt Wolf und schaut mit sehr klugen Augen in diese Metropole, eine Stadt voller Türken, Armenier, Tschetschenen, Griechen, Kurden … Weiterlesen

Elif Shafak. Der Bastard von Istanbul

shafak_bastard_von_istanbulUnd weiter geht es mit meiner kleinen Reihe der Istanbul-Romane. Lange Zeit war er nicht lieferbar, nun ist endlich Der Bastard von Istanbul bei Kein & Aber im Paperback mit diesem wunderschönen farbigen Buchschnitt erschienen. Die Paperbacks haben damit für mich fast schon Sammlerwert.

Inhaltlich geht Elif Shafak diesmal fast 100 Jahre zurück. In eine Vergangenheit, die so sehr schmerzt und deshalb oftmals besser verschwiegen und vergessen wird. Im Vorwort der Ausgabe von Februar 2015 sagt sie: Berlin ist eine Stadt, in der Erinnerung sichtbar gemacht wird. Istanbul ist das genaue Gegenteil … Gewiss, das geliebte und schöne Istanbul ist alt und voller Geschichten, aber bei einem Spaziergang durch die Stadt fällt einem auf, dass es fast keine Anzeichen urbaner Erinnerung gibt … Die Türkei ist eine Gesellschaft, die unter kultureller Amnesie leidet.

Gegen diese Amnesie schreibt Elif Shafak, die seit ihrer Kindheit eine irrationale Liebe zu Wörtern und Geschichten hat. Aus Fragmenten und winzigen Puzzleteilchen setzt Shafak ein großartiges Panoramabild zusammen. Unzähligen türkischen und armenischen Frauen verleiht sie eine Stimme. Ihr Thema in diesem Roman ist „die armenische Frage“. Ihr Wunsch, Gegensätze abzubauen, polarisierendes Denken zu überwinden.  Weiterlesen

Emrah Serbes. junge verlierer. Aus dem Türkischen von Oliver Kontny

junge verlierer 010Im Berliner Verlag binooki in Kreuzberg ist vor wenigen Tagen der Erzählband junge verlierer von Emrah Serbes erschienen. Nach einem inspirierenden Besuch am Messestand in Leipzig hatte ich nur noch einen Gedanken – ich mußte dieses Buch lesen (ein Interview über die beiden Verlegerinnen Inci Bürhaniye und Selma Wels gab es kürzlich auf dem Blog read indie). Nicht nur der Klappentext macht neugierig, sondern auch und besonders die Geschichte von Emrah Serbes.

Der 1981 geborene Autor lebt in Istanbul und gilt dort als „Schriftsteller und Stimme des Volkes“ – seitdem er im Sommer 2013 aktiv an den Gezi-Protesten gegen den türkischen Premierminister Erdogan teilgenommen hatte. In seinem Erzählband geht es um Jungs aus Istanbul, Ankara und Yalova, die alle irgendwie die gleichen Sehnsüchte in sich tragen: endlich erwachsen zu werden, Respekt zu bekommen, cool zu sein, sich zu verlieben. Manchmal ergeben sich Situationen, die tragisch und komisch zugleich scheinen. Selten klingt einer der Jungs verzweifelt, niemals schwach. Einfühlsam beschreibt Serbes Teenager, die gleichzeitig männlich und stolz sowie kindlich und sensibel sind. Die Grundstimmung der Stories ist eine optimistische. Schließlich gibt es immer einen Weg –

Was mochte ich so an diesen acht Erzählungen von Emrah Serbes?

Ich mochte, dass Serbes seinen Figuren so viel pralles Leben und eine solche Fülle an Emotionen verleiht, dass ich sie alle filmisch vor meinem inneren Auge sehen konnte. Erhan, Osman, Nurettin – jeden habe ich tief in mein Herz geschlossen.

Ich mochte, dass ich gedanklich ganz intensiv in der Türkei sein konte (ein langgehegter Traum von mir: Istanbul).

Auch mochte ich, dass in meinem Kopf immer eines dieser herzzerreißend schönen Lieder mitlief, wie man sie hier in Kreuzberg aus manch offenem Auto hören kann (um in Stimmung zu kommen, höre ich gerade den Soundtrack des Films „Die andere Seite“ von Fatih Akin – das passt!!).

Und nun zu meiner Lieblingsgeschichte „Omas Tod“ – eine Geschichte, die zwar tragisch beginnt, beim Leser im Verlauf aber das eine oder andere Grinsen hervorlockt und schließlich glücklich endet. Doch zunächst:

„Die Menschen, die mein Vater und meine Mutter hätten werden können, starben bei einem Verkehrsunfall. Ich war nicht sehr traurig. Sie hatten mich bei meiner Oma abgegeben und waren zu einem Abendessen gefahren, zu dem man sie eingeladen hatte. Ich blieb einfach da, wo sie mich abgegeben haben.“ S.7

Er bleibt also bei seiner geliebten 84jährige Oma, die mit „immenser Kraft“ ihre nie enden wollende Einsamkeit erträgt. Oma hält den Jungen manchmal für den verstorbenen Großvater Rüstem Bey – das erträgt der Junge gerade mal so. Dass sie ihm bei den Matheaufgaben hilft beeindruckt ihn wiederum sehr.

Aber da ist auch der 8jährige Oman aus „Ruf des Meeres“. Gerade noch sitzt er in ohnmächtiger Wut am Strand, weil er statt einem coolen Eimer den blöden Laster mit ans Meer genommen hat.

„Ich war unendlich frustriert, ich hatte keine Lust und keinen Spaß mehr, meine Lebensfreude nahm bedenklich ab. Ich setzte mich hin und vergrub meinen Kopf in meinen Händen So starrte ich aufs Meer … Da kam ein Mädchen im Bikini … ‚Hast du einen Eimer?‘ … Das war ein ganz mieser Anfang. In deinem allerersten Satz einem Menschen, den du noch gar nicht kennst, einen Mangel unter die Nase reiben, sowas machen doch nur Frauen, die böse Absichten haben, Baby.“ S.76/77

Das Mädchen heißt Sedef, zwischen beiden entwickelt sich eine berührende Freundschaft. Sedef wirkt auf uns (wie übrigens alle Mädchen/Frauen bei Serbes) wie ein Foto mit Weichzeichnereffekt. Zart, sensibel, schüchtern. Doch irgendwann ist auch der schönste Urlaub vorbei –

Manche Situationen in „junge verlierer“ sind dann wieder echt hart und katapultieren den Leser in eine Welt archaischer Familienstrukturen. Erziehen heißt leider manchmal auch schlagen. Männer der alten Generation spielen in den Familien oft noch eine dominante Rolle. Doch wird sich dagegen aufgelehnt! Es wird rebelliert und selten eine Vorschrift akzeptiert. Und so ist das Buch von Serbes auch eine Kampfansage junger Leute an alte Strukturen. Nicht nur in der Türkei. Es könnte überall spielen. Auch in Berlin, New York, London, Paris … Ein Buch, das ganz besonders für Jungs und Männer spannend ist. Weil sich jeder irgendwie darin wieder findet. Und für Mädchen und Frauen gibt es tiefe Einblicke wie Jungs eigentlich „ticken“. Genau deshalb sollte es vielleicht jeder lesen! stern_gross„junge verlierer“ ist eines meiner Lieblingsbücher zum 22. März, wenn wieder Indiebookday ist.

Emrah Serbes. junge verlierer. binooki 2014. 176 S. 16,90 €