Schlagwort-Archive: Homosexualität

Baldwin is back. „Go Tell It on the Mountain“ endlich wieder auf Deutsch

baldwin_von dieser_weltEs schmerzt immer ein wenig, wenn man als Buchhändlerin auf die Frage nach einem Autor oder einer Autorin sagen muss, dass momentan nichts lieferbar sei. Kein einziges Buch. Die Reaktionen schwanken zwischen Entrüstung und Trauer.
Die Frage nach Büchern von James Baldwin wurde seit dem Film I am not your negro von Raoul Peck (März 2017) zu einer Standardfrage. Meine Erleichterung war deshalb riesig, als der dtv Verlag ankündigte, dass am 9. März 2018 Baldwins Debüt Go Tell It on the Mountain in einer Neuübersetzung erscheinen würde.
Genau am Karfreitag beschloss ich, dass es Zeit sei für Von dieser Welt. Oft genug hatte ich den legendären ersten Satz des Romans gehört: Alle hatten immer gesagt, John werde mal Prediger, genau wie sein Vater.
Ein Roman, der mit einem solchen Satz beginnt, verspricht große Emotionen. Und genau das wollte ich – einen Roman mit großer Wucht und gern mit einem religiösen Thema. Ich spürte, dieses Buch würde mich begeistern.  Weiterlesen

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Im Herzen der Gewalt – der neue Roman von Édouard Louis

louis_im_herzen_der_gewaltÉdouard Louis ist gerade mal 24 Jahre alt und hat bereits sein zweites Buch geschrieben. Während er in Das Ende von Eddy von einer schwierigen Kindheit in einem französischen Dorf erzählt, geht es in diesem Buch um einen jungen Mann und um eine Gewalttat, welche fast tödlich endet. Der Autor hat diese Situation erlebt und arbeitet mit Im Herzen der Gewalt  das schreckliche Erlebnis auf.

Es ist Nacht. Hinter ihm liegt ein lustiger Pariser Kneipenabend mit ein paar Freunden und er ist noch ganz in dieser positiven Stimmung, als ein fremder junger Mann aus dem Maghreb ihn anspricht. Reda ist unglaublich schön und sofort sehr zärtlich zu Édouard. So zärtlich, dass sich bei Édouard heftiges Begehren einstellt. Ein Begehren, dem er schnell erliegt. Redas Vorschlag, ihn in seine Wohnung zu begleiten, nimmt er deshalb bedenkenlos an. Beide erleben vorerst glückliche Stunden, bis die Situation eskaliert und sich komplett ins Gegenteil verkehrt.
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Patricia Highsmith. Carol oder Salz und sein Preis

Highsmith_Carol_oder_Salz_und_sein_PreisDer Sommer boomt, die Hitze in der Großstadt ist kaum noch auszuhalten. Warum also die Gedanken nicht mal wandern lassen an einen kühleren Ort und in eine andere Zeit … Vorweihnachtliche Stimmung im New York der 50er Jahre. Um sich ein wenig Geld dazu zu verdienen, arbeitet Therese in der Spielzeugabteilung eines Kaufhauses. Übermächtig lastet auf ihr das Sinnlose ihrer Tätigkeit. Sie hat das Gefühl, dieser Job mit seiner hoffnungslosen Tristesse hindere sie daran, das zu tun, was sie eigentlich gern tun würde. Sie ist Bühnenbildnerin und entwickelt mit großer Leidenschaft Modelle für Theaterbühnen. Doch fehlt ihr die Zeit für Kreativität. Auch macht ihre Beziehung mit Richard sie nicht glücklich. Er ist gut zu ihr und manchmal war ihr, als wäre sie verliebt … Doch diese Empfindung hatte keine Ähnlichkeit mit dem, was sie über die Liebe gelesen hatte. Die Liebe galt als eine Art seligen Irrsinns (S. 42). Und wenn sie die Arme um Richard legte, dann kam sie sich gehemmt und töricht vor, als würde sie einen Baumstamm umarmen (S. 35).

In all dieser sinnlosen Tristesse steht eines Tages Carol vor ihr. Weiterlesen

Olga Grjasnowa. Die juristische Unschärfe einer Ehe

grjasnowa eheOlga Grjasnowa, 1984 in Baku (Aserbaidschan) geboren, hat mich bereits mit ihrem Debüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ fasziniert. Schnell war mir klar, dass ich einer aufregend neuen Stimme lausche. Einer Stimme, die packend und authentisch erzählt.

Ihr neuer Roman ist wild, verrückt und wieder völlig gegen den Mainstream erzählt. Wieder träumen ihre Figuren von der unmöglichen Liebe, bringt jede Verliebtheit neue Enttäuschung. Die Story packt mich, rüttelt mich komplett durch und entlässt mich am Ende mit einem winzigen Schimmer der Hoffnung. Wofür ich Olga Grjasnowa zutiefst danke, habe ich doch Leyla und Altay in mein Herz geschlossen (manchmal braucht auch eine abgebrühte Leserin ein bißchen Hoffnung!). Mein innigster Wunsch war, sie nicht so enden zu sehen, wie das Mädchen Mascha aus dem ersten Roman: im Ungewissen in der Wüste Israels oder möglicherweise sogar tot.

Denn dramatisch enden könnte es auch für Leyla und Altay, die als offiziell verheiratetes Paar ihre Homosexualität voll ausleben. Was in Berlin kein Problem, aber in Ländern wie Georgien, Aserbaidschan und Russland strafbar ist und für krank erklärt wird.

Beide hatten sich in Baku kennengelernt, als die verzweifelten Eltern von Altay ein Mädchen zum Verheiraten für ihren Sohn suchen. Ahnungslos stellen sie ihm Leyla vor, die sich zu Mädchen mehr hingezogen fühlt, als zu Männern. Später im Restaurant erkennt Leyla, dass sie ihn als Frau ebenfalls nicht interessiert und sein Blick immer wieder zum Hintern des süßen Kellners abschweift. Leyla und Altay heiraten und gehen später nach Berlin. Seine Arbeit in der Notaufnahme eines Moskauer Krankenhauses hatten Altay zu sehr zermürbt. Ihm wird dort offen gezeigt, dass er unpassend ist: Aserbaidshaner und schwul. Die Zeiten der Völkerfreundschaft und der Sowjetunion sind lange vorbei und in Russland war für ihn lange kein Platz mehr. Doch Berlin ist wunderbar – hier kann man homosexuell und Mensch sein! Alle kommen nach Berlin in die Stadt des Exils. Hier findet Altay schließlich Arbeit auf einer Suchtstation im Wedding. Altay mag den Wedding. Wedding fühlt sich an wie ein Moskauer Basar.

„Juristisch unscharf“ – das ist diese verrückte Ehe. Abenteuerlich und rücksichtslos. Manchmal schwer nachzuvollziehen. Dann beispielweise, als sich Leyla dem Mädchen Jonoun mit fiebrigem Begehren nähert. Jonoun mit dem bernsteinfarbenen Haar und den grünen sanften Augen, Kellnerin in einer Bar in Kreuzberg.

aserbaidschan, baku

Doch die Story beginnt und endet in Baku, Hauptstadt von Aserbaidschan, auch das „Dubai“ am Kaspischen Meer genannt. Korruption und gnadenlose Ausbeutung bestimmen den Alltag. Eine Maßlosigkeit der wenigen Reichen konkurriert mit der grenzenlosen Armut der vielen Menschen mit aussichtsloser Zukunft. Olga Grjasnowa beschreibt mit scharfem und kritischem Blick die Zustände in diesen Ländern, schweift aber immer wieder auch über üppige Pinienwälder, grün wuchernde Obsthaine und geradezu biblische Landschaften. Orientalisches Feeling zwischen Iran, Georgien, Armenien, Russland und Kaspischem Meer. Sie nimmt mich mit in Gegenden, wo das Navy schweigt und eine sowjetische Landkarte zur Wegebeschreibung dient. Entführt mich zu einem Roadmovie der ganz besonderen Art.

Was mich zusätzlich stark begeistert, das ist das von Peter-Andreas Hassiepen gestaltete Cover – inspiriert von einem Motiv aus dem Künstlerbuch „Codex Seraphinianus“ von Luigi Serafini.  In diesem Buch enthalten sind unzählige wild verrückte Kreaturen, inspiriert aus Flora und Fauna, aus der Welt der Physik und der Maschinen.

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Olga Grjasnowa. Die juristische Unschärfe einer Ehe. Carl Hanser Verlag München 2014. 265 S. 19,90 €