Schlagwort-Archive: Fremdheit

Julya Rabinowich. Dazwischen: Ich

rabinowich_dazwischen_ich_hanserWeil unausgesprochene Worte manchmal wie Hühnerknochen sind, die sich im Hals verkeilen, schreibt die fünfzehnjährige Madina alles auf, was sie bedrückt. Eigentlich ist sie ein ganz normales Teenagermädchen, das sich Gedanken um das Leben, um die Schule und um seine Familie macht. Wenn da nicht ihre Vergangenheit wäre …

Wo ich herkomme? Das ist egal. Es könnte überall sein. Ich komme von überall. Ich komme von Nirgendwo. Hinter den sieben Bergen. Und noch viel weiter. Dort, wo Ali Babas Räuber nicht hätten leben wollen. Jetzt nicht mehr. Zu gefährlich (S. 7).

Autorin Julya Rabinowich lässt ihre Figur Madina Tagebuch schreiben und gibt so unzähligen Mädchen aus verschiedensten Ländern eine einzige sehr persönliche Stimme. Diese beeindruckt, hallt lange nach. Dazwischen: Ich ist ein Jugendroman, auch für Erwachsene. Seine Kraft und Stärke liegt in der ganz besonderen Sprache zwischen frech und schüchtern, draufgängerisch und verängstigt. Manchmal springt die Stimmung von einer Zeile zur nächsten. Von nachdenklich auf aggressiv. Beispielsweise fragt Madina sich, warum sie oft und gerne richtig wütend ist. Naja, schreibt sie, sie fühle sich dann lebendig. Wenn ich traurig bin, spüre ich wenig, fast nichts. Scheiß dich nicht an (S. 76).  Weiterlesen

Assia Djebar. Das verlorene Wort

Djebar_Das_verlorene_WortEinen schönen Zufall erlebe ich heute beim Lesen, der so eigentlich nur in Romanen passiert!  Eine Woche nach der traurigen Nachricht vom Tod der algerisch-französischen Autorin Assia Djebar am 7. Februar, lese ich ihren Roman „Das verlorene Wort“. Nicht ohne Schreibblock und Bleistift neben mir. Eine besondere Stelle im Roman, wo Berkane etwas notiert, will ich unbedingt zitieren und entdecke, er hat seinen kleinen Text mit dem heutigen Datum überschrieben. Es geht um das Schreiben und um die Liebe (S. 154):

14. Februar

Schreiben ist ein Zwang: Wenn das geliebte Wesen fehlt und du es nicht vergessen kannst, beginnst du zu schreiben, um so die Verbindung aufzunehmen! Ich schreibe, von Nadija heimgesucht, und hoffe, dass sie meine Stimme erkennt, wenn sie dies eines Tages liest, und sei es am Ende der Welt! Es ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht ganz ausgeschlossen.  Weiterlesen