Schlagwort-Archive: Frankreich

Annie Ernaux. Die Jahre

img_4614Als Studentin träumt Annie Ernaux davon, ein ganz besonderes Buch zu schreiben. Mysteriöse Dinge würde sie darin ausdrücken und eine neue überraschende Sprache finden wollen. Lange Zeit bleibt es bei ihrem Traum. Und es braucht tatsächlich ein ganzes Leben für dieses Buch (Les Années ist 2008 in Frankreich und Die Jahre 2017 bei Suhrkamp erschienen). Ein ganzes weiteres Jahr braucht es, dass ich es lese … Weiterlesen

Im Herzen der Gewalt – der neue Roman von Édouard Louis

louis_im_herzen_der_gewaltÉdouard Louis ist gerade mal 24 Jahre alt und hat bereits sein zweites Buch geschrieben. Während er in Das Ende von Eddy von einer schwierigen Kindheit in einem französischen Dorf erzählt, geht es in diesem Buch um einen jungen Mann und um eine Gewalttat, welche fast tödlich endet. Der Autor hat diese Situation erlebt und arbeitet mit Im Herzen der Gewalt  das schreckliche Erlebnis auf.

Es ist Nacht. Hinter ihm liegt ein lustiger Pariser Kneipenabend mit ein paar Freunden und er ist noch ganz in dieser positiven Stimmung, als ein fremder junger Mann aus dem Maghreb ihn anspricht. Reda ist unglaublich schön und sofort sehr zärtlich zu Édouard. So zärtlich, dass sich bei Édouard heftiges Begehren einstellt. Ein Begehren, dem er schnell erliegt. Redas Vorschlag, ihn in seine Wohnung zu begleiten, nimmt er deshalb bedenkenlos an. Beide erleben vorerst glückliche Stunden, bis die Situation eskaliert und sich komplett ins Gegenteil verkehrt.
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Salut Michel, Yasmina et Virginie!

Was ist ein Wohlfühlbuch? Darüber habe ich vor einigen Tagen mit zwei Freundinnen diskutiert. Unser Fazit: Ein Wohlfühlbuch sollte hoffnungsvoll optimistisch und mit vielen positiven Figuren und Situationen angereichert sein. Es sollte einen verregneten Sonntag auf dem Sofa schöner machen – bei Schokolade und einer Tasse Tee oder Kaffee. Manchmal braucht man das einfach bei all der Tristesse da draußen. Und es tut gut für den Moment des Lesens.
Eigentlich lese ich aber viel lieber Bücher, die kritisch, düster, zynisch oder auch mal ein bißchen schräg sind. Unangepasste Helden in komplizierten Situationen, verrückte Einzelgänger oder komplizierte Aussenseiter – ich suche immer wieder nach ihren Geschichten. Und finde sie neuerdings immer öfter in der aktuellen französischen Literatur:

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Marceline Loridan-Ivens. Und du bist nicht zurückgekommen

Loridan_Ivens_Und_du_bist_nicht_zurückgekommenSchloime und sein liebes kleines Mädchen Marceline hatten nie die Chance, sich zu streiten oder stürmische Auseinandersetzungen zu haben. Als Marceline ein 15-jähriges Mädchen ist, werden beide für immer getrennt. Viele Jahre später wünscht Marceline sich, dass es solche Streits  gegeben hätte. Wie gern hätte sie knallende Türen und Versöhnungen gehabt. Doch …

… wir sind in dem Moment getrennt worden, als wir hätten anfangen können (S. 88).

Die heute 87-jährige Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin wurde 1943 gemeinsam mit ihrem Vater Schloime verhaftet, 1944 ins KZ Auschwitz deportiert und dann von ihm getrennt.  Weiterlesen

Anthony Doerr. Alles Licht, das wir nicht sehen

doerr_alles_lichtEs gibt Romane, die ganz leise daherkommen und dann eine Wucht entwickeln, die man ihnen nie zugetraut hätte. Sie schlummern monatelang in den Regalen der Buchhandlungen. Fast landen sie auf dem „Friedhof der vergessenen Bücher“, weil kaum einer über sie spricht. Dann kommt, einem kleinen Erdbeben gleich, eine Erschütterung (ein Buchpreis beispielsweise), aus welcher sich eine stetige Riesenwelle entwickelt. Plötzlich wollen alle das Buch lesen und es liegt in Stapeln auf dem Bestsellertisch deiner Buchhandlung –

Auch ich will endlich diesen Roman lesen, für den Anthony Doerr den Pulitzer-Preis 2015 gewonnen hat. Neugierig tauche ich ein, lasse mich in die 40er Jahre in den Nordwesten Frankreichs, nach Sain Malo entführen. Ich spüre und höre den wilden, salzigen Atlantik. Nur sehen kann ich ihn nicht. Und damit geht es mir fast genauso, wie Marie-Laure, die mit sechs Jahren erblindet ist. Weiterlesen

Assia Djebar. Das verlorene Wort

Djebar_Das_verlorene_WortEinen schönen Zufall erlebe ich heute beim Lesen, der so eigentlich nur in Romanen passiert!  Eine Woche nach der traurigen Nachricht vom Tod der algerisch-französischen Autorin Assia Djebar am 7. Februar, lese ich ihren Roman „Das verlorene Wort“. Nicht ohne Schreibblock und Bleistift neben mir. Eine besondere Stelle im Roman, wo Berkane etwas notiert, will ich unbedingt zitieren und entdecke, er hat seinen kleinen Text mit dem heutigen Datum überschrieben. Es geht um das Schreiben und um die Liebe (S. 154):

14. Februar

Schreiben ist ein Zwang: Wenn das geliebte Wesen fehlt und du es nicht vergessen kannst, beginnst du zu schreiben, um so die Verbindung aufzunehmen! Ich schreibe, von Nadija heimgesucht, und hoffe, dass sie meine Stimme erkennt, wenn sie dies eines Tages liest, und sei es am Ende der Welt! Es ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht ganz ausgeschlossen.  Weiterlesen

Michel Houellebecq. Unterwerfung

michel_houellebecq_unterwerfungFrei von jeglicher Erwartung und und ohne Voreingenommenheit lese ich Unterwerfung. Ich habe bisher keine einzige Rezension gelesen, keine andere Meinung gehört. Ich möchte mich diesem Buch ganz offen und frei annähern. Es beginnt im Paris des Jahres 2022 mit dem 45-jährigen François, Literatur-Professor an der Sorbonne. Er trinkt gern Alkohol bis zur Besinnungslosigkeit, raucht leidenschaftlich und findet junge Studentinnen extrem sexy. Ihn erregt ihre Art zu reden, ihn erregen ihre Miniröcke und die knappen Tops.

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Jean-Luc Seigle. Der Gedanke an das Glück und an das Ende

seigle, glück Obwohl niemand in seiner Familie je ein Buch zur Hand genommen hat, packt den 10jährige Gilles die Leidenschaft für Bücher, verbindet er mit dem Lesen ein Gefühl von Glück. Dieser  Eindruck verstärkt sich dadurch, dass er schon seit einiger Zeit den weißhaarigen Nachbarn Antoine beobachtet. Dieser tritt jeden Morgen um 9 Uhr mit einem Ausdruck tiefsten Glücks im Gesicht aus seinem Haus, um in einem Buch zu lesen.

Vater Albert erkennt in der Leidenschaft seines Sohnes für Bücher die Chance, Gilles‘ Rechtschreibung zu verbessern. Seine Wahl fällt auf jenen Antoine, einen ehemaligen Lehrer. Der ist überrascht und hocherfreut, dass Gilles bereits Balzac liest. Eugénie Grandet! Ob ihm die langen, oft komplizierten Sätze keine Angst machen würden, fragt er. Nein, antwortet Gilles. Er würde es lieben, den verschachtelten Sätzen – verschlungenen Pfaden gleich – zu folgen.

Und dann schaut der Junge sich um … Büchertürme! Ungeordnet stapeln sie sich auf Tischen und am Boden: Bücher aller Sorten. Ihn überkommt ein Zittern, jedoch nicht wegen Monsieur Antoine und all der Bücher. Nein, es ist die Güte seines Vaters Albert, die ihn plötzlich überwältigt. Denn der hat den Jungen hierher geführt… Der melancholische Albert ist es schließlich auch, dem meine größte Symphatie gehört. Erst viel später erfahre ich, was es mit seiner Depression im Zusammenhang mit der Maginot-Linie im Zweiten Weltkrieg auf sich hat.

Zentrum der Geschichte, die fast ausschließlich im Garten und im Haus der Familie spielt, ist allerdings die Anschaffung des ersten Fernsehers in jenem heißen Juli 1961. Eine Kriegsreportage würde in einem Interview Sohn Henri zeigen, der in Algerien kämpft. Alles dreht sich um dieses Ereignis. Die Verwandschaft kommt zu Besuch, der Postbote Paul taucht auf und die Nachbarin kommt zum Kaffeeschwatz. Doch alle Fröhlichkeit in diesem Haus täuscht. Diese Familie ist auch nur eine ganz gewöhnliche Familie. Vieles wird verschwiegen, übergangen oder stillschweigend akzeptiert. Die alte kranke Großmutter genauso, wie der vom Krieg traumatisierte Vater oder die Mutter Susanne, die sich für einen anderen Mann schön macht.

Seigle wandert von Figur zu Figur, so dass ich mal in Susannes und dann wieder in Alberts oder in Gilles‘ Kopf bin. Abwechselnd sehe, fühle, schmecke ich mit ihnen und entdecke wunde Punkte –

Von all diesen Dingen erzählt Seigle in einer ganz leichten Art, geht dabei jedoch in die Tiefe, lotet die Stimmungen seiner empfindsamen Figuren aufs Feinste aus. Viele Sätze lese ich mehrmals. Ich verweile. Hole tief Luft, gehe zurück, streife mit meinen Augen Wort für Wort. Meine innere Stimme mahnt: Langsam, langsam! Es ist nur ein schmales Buch. Genieße dein Glück! Und, ja – genau so ist es: Der Roman weckt dieses ganz besondere Glücksgefühl in mir. Ich fühle mich, wie der kleine Junge mit seinem Balzac-Roman. Perfekter Inhalt, klare und ausdrucksstarke Sprache, unvergessliche Figuren – alles vereint in allerschönster Harmonie.

Eine wundervolle Rezension zum Buch findet Ihr auch bei der Klappentexterin

Jean-Luc Seigle. Der Gedanke an das Glück und an das Ende. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Verlag C.H. Beck 2014. 220 Seiten. 18,95 €

Jean-Philippe Blondel. 6 Uhr 41

blondel, 6 uhr 49Wenn ein Mann nach der Abfahrt des Zuges das Abteil betritt und sich auf den einzig freien Platz neben eine Frau setzt, so ist das zunächst eine alltägliche Situation. Wenn sie aber daraufhin in sein Gesicht schaut und denkt Allmächtiger!, dann verspricht das möglicherweise eine gute Story. Und, ja! Es ist eine gute Story! Philippe scheint Cécile nämlich nicht nur bekannt, sondern auf eine seltsame Art auch vertraut zu sein. Deshalb möchte sie am liebsten aufspringen, flüchten und einen neuen Platz suchen! Sie ist so eine Frau, sie ist „der Inbegriff einer schwierigen Kundin“. Während sie noch, Ach du Schande, Philippe Leduc!, denkt …

… packt ihn ein leichter Schwindel, fühlt er sich wie in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert und denkt er zutiefst schockiert: Cécile Duffaut! Er hofft, sie möge ihn nicht erkennen, immerhin  ist es 30 Jahre her, dass sie das letzte Mal miteinander geredet haben. Ganz anders als Cécile ist Philippe ein ewiger Zögerer. Er würde niemals einen anderen  Sitzplatz wählen, er bringt nicht einmal den Mut auf, sie anzusprechen. Stoisch erträgt er die Situation.

Während die Innen-Perspektiven der Beiden wechseln, erfahre ich, dass es tatsächlich eine gemeinsame Geschichte zwischen Cécile und Philippe gegeben hat und möglicherweise in nächster Zeit geben könnte, wenn …

Stephan Masuck. Diesellokomotive

Stephan Masuck. Diesellokomotive

… er mehr Mut hätte. Philippe träumt von einer gemeinsamen Zukunft, während die Vergangenheit vor ihm abläuft. Auch im Kopf von Cécile springen die Gedanken zwischen Gestern und Morgen hin und her. Abwechselnd geplagt von Zweifeln und Hoffnung, stellt sie sich vor, sie würde einer Beziehung eine Chance geben. Aber was, wenn sie dadurch eine andere Chance verpassen würde? Gedanken, die Schienensträngen gleich durch diesen kleinen feinen Roman laufen, machen ein Unterbrechen der Geschichte unmöglich. Unermüdlich rattern die Räder über die Gleise. Wie wird es enden? Plötzlich bin ich selbst geplagt von wechselnden Gefühlen zwischen Zweifel und Hoffnung, bin geplagt von Unsicherheit und Unklarheit, dann wieder Zuversicht – wie das eben so ist in der Liebe.

„6 Uhr 41“ ist wirklich eine Liebesgeschichte der besonderen Art. An der Endstation wird nicht nur der Zug im Bahnhof halten, sondern auch die Berg- und Talfahrt der Gefühle von Cécile und Philippe beendet sein. Endlich sind beide im JETZT angekommen. Erst hier auf dem Bahnsteig kann meine brennende Ungeduld beruhigt werden. Einem zarten Pinselstrich gleich, wird ganz zart und verschwommen etwas angedeutet, was mir beinahe entgeht. Positiv oder negativ – das soll an dieser Stelle offen bleiben. Ich atme tief durch, bevor mit dem letzte Satz diese Story endgültig endet.

Jean-Philippe Blondel. 6 Uhr 41. Aus dem Französischen von Anne Braun. Deuticke Verlag 2014. 192 Seiten. 16,90 €