Schlagwort-Archive: Frankfurter Verlagsanstalt

Werden alle sterben?? Ein kleiner Talk mit Mareike zu „Dunkelgrün fast schwarz“

fallwickl_dunkelgrün_fast-schwarzEine der schönen Seiten am Buchhändler- und Bloggerleben ist, dass man oft vorab Romane lesen und entdecken darf. Ohne andere Meinungen, nur mit der eigenen Stimme im Kopf. Es ist zugleich aber auch eine schwere Last, weil man so lange schweigen muss! Aber heute darf ich es endlich laut sagen, so wie bereits viele begeisterte Blogger und Buchhändler und Leser mit mir. Dieses Buch ist einfach grandios! Irgendwann zwischen Weihnachten und Sylvester 2017 habe ich Dunkelgrün fast schwarz verschlungen und während des Lesens bereits mit Mareike gechattet. Ein kleiner Trip in die Vergangenheit … Weiterlesen

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Bodo Kirchhoff. Widerfahrnis

kirchhoff_widerfahrnisReither gibt auf. Als etwa 60jähriger Verleger mit circa vier Büchern im Jahr erkannte er am Ende seines Berufslebens, dass es allmählich mehr Schreibende als Lesende gab (S. 10). Reither kann es sich leisten, plötzlich aufzuhören. Ein jüngerer Verleger müsste sich etwas Neues suchen. Reither kann sich einfach zurücklehnen. Die Seele baumeln lassen.

Dieser Reither ist auf sympathische Weise im Herzen und auch im Geiste jung geblieben. Auf eine wilde Art auch unvernünftig, raucht er leidenschaftlich gern filterlose Zigaretten und trinkt Rotwein aus Apulien – den er regelmäßig direkt dort kauft. Reither liebt seine Lederjacke und sein Feuerzeug, beides besitzt er schon ewig. Auch das hat etwas Jungenhaftes und führt dazu, dass ich Reither mehr und mehr sympathisch finde. Apropos, die Lederjacke! Sie ist gefüttert und hat viele Taschen, und es gab sie schon, als es noch kein Internet gab, solche Jacken werden heute gar nicht mehr hergestellt, weil sie zu lange halten (S. 35). Auch liebt er spontane Aktionen, was dazu führt, dass er eines Morgens im April das verschneite Weißachtal im bayerischen Allgäu in Richtung Süden verlässt – in einem BMW Cabrio. Weiterlesen

Sandra Weihs. Das grenzenlose Und

weihs_das_grenzenlose_undDarf ein Buch das? Mich so aufwühlen und erschüttern? Mich gleichzeitig tieftraurig und grenzenlos glücklich machen? Ja. Ja. Und Ja! Ich will vorläufig nur noch solche Texte! Dank Sandra Weihs habe ich meine Messlatte wieder ganz oben verortet. Leicht wie ein Papierflieger ist er nicht, der Roman. Vom ersten Moment, da er mit der Post aus Frankfurt zu mir kam, spürte ich – das ist kein Urlaubsroman, das ist auch keine Weihnachts- oder Neujahrslektüre. Und so kommt es, dass das Buch in seinem hoffnungsvollen Blau schon einige Wochen hier liegt …
Nun ist das Jahr noch so herrlich neu und frisch, die alten Bücher sind gelesen, die neuen warten schon. Überall stapeln sich die Verlagsvorschauen 2016. Ein kleiner Grenzgang also. Ein Spaziergang auf der Grenze zwischen dem alten und dem neuen Bücherjahr. Vor wenigen Tagen im Morgengrauen war ich dann schließlich bereit für Maries Geschichte. Ich habe den ersten Satz zaghaft, den zweiten Satz neugierig gelesen. Weiterlesen

Nino Haratischwili. Das achte Leben. Für Brilka

Haratischwili 003Ein Traum hat sich erfüllt und ich halte den neuen Roman von Nino Haratischwili in den Händen. Auch wenn ich mich gerade wie der glücklichste Mensch im Universum fühle, mischt sich eine bestürzende Trauer in dieses Gefühl: Der Roman wurde nicht in die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2014 aufgenommen.

Irgendwie bin ich dennoch sicher, dass er grenzenlos erfolgreich werden, dass man noch in Jahrzehnten von ihm sprechen wird. Denn „Das achte Leben“ ist nicht nur ein sprachliches Kunstwerk, welches fiktive und reale Ereignisse mosaikähnlich zusammenfügt. Es ist außerdem ein inhaltsreicher Roman mit einer Story, die sich anfühlt, als hätte Nino H. sie stellvertretend für alle Menschen, die in Diktaturen aufgewachsen sind, erzählt.

Ich hatte das große Glück (ein Dankeschön an die Frankfurter Verlagsanstalt!), dass ich den gesamten Roman vorab elektronisch lesen konnte. Doch weil das Lesen auf dem eReader kein Vergleich ist zum Rascheln der Buchseiten beim Umblättern sowie vom Erfassen von Buchstaben auf echtem Papier, will ich heute erneut eintauchen in das liebevoll gestaltete echte Buch. Und tatsächlich vermisse ich bereits Stasia, Christine, Kitty, Niza und all die anderen wundervollen starken Frauen … Doch vorerst ein weiterer Dank und eine tiefe Verbeugung:

Liebe Nino Haratischwili,

nicht in meinen stärksten Phantasien hätte ich mir vorzustellen vermocht, was dieses Buch mit mir machen wird. Dass es mich so komplett vereinnahmen wird. Dass viele Dinge in der realen Welt plötzlich unwichtig und klein erscheinen, weil ich nur weiterlesen, tiefer eintauchen will. Geradezu magisch werde ich hineingesogen, versinke in einer Art von Paralleluniversum. Und bin so unendlich dankbar. Für jede einzelne Szene. Jeden Satz –

Das 20. Jahrhundert hat gerade begonnen und der berühmte georgische Schokoladenfabrikant wird Vater. Hier, mit dem Ururgroßvater beginnt die Geschichte der Familie Jaschi. Anastasia, genannt Stasia, wird geboren. Viele Jahre später wird sie die Kinder Kolja und Kitty zur Welt bringen. Jeder dieser Figuren ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Buch 1, Buch 2 … Buch 8. Ich finde das wunderbar überschaubar und will inhaltlich hier gar nichts vorwegnehmen. Verblüffend finde ich, mit wie wenig Figuren der Roman auskommt. Und wie vertraut sie mir alle werden. Stasias übersinnliche Fähigkeiten, die verstorbenen Freundinnen zu sehen, scheinen auf mich überzugehen. Plötzlich habe ich das Gefühl, die Romanfiguren in meiner Nähe zu spüren und ich fühle mich tatsächlich wie in einem Paralleluniversum. Ich habe das Gefühl, alle im Roman beschriebenen Ereignisse würden in Echtzeit neben mir ablaufen. Ich frage mich, wo ist die geheime Tür? Wo der versteckte Spiegel, um ganz und gar in die Welt der Familie Jaschi zu kommen? Wenn eine Figur stirbt, zerreißt es mir das Herz. Wenn Niza ihren Großvater umarmt und ihm all seine Tyrannei verzeiht, dann spüre ich die körperliche Wärme der beiden Körper. Selten bin ich Figuren so nah gekommen.

In meinen Gedanken trinke ich die magische und sehr schwarze, heiße  Schokolade. Ich sehe den kaputten und schönen grauen Himmel Georgiens. Ich laufe durch die Räume des Grünen Hauses, sehe den granatapfelroten und mit Ornamenten verzierten Teppich. Durch meinen Kopf geistern die wütenden Songs von Waladimir Wyssotzki, tanzen sterbende Schwäne ihr Pas de deux zu der aufwühlenden Musik von Tschaikowsky. Ich sehe schwarze Rosen und bläulich gefärbten Schnee. Ich rase durch dieses gesamte 20. Jahrhundert, das sibirische Gulags und Menschen wie den Generalssimus und den Kleinen Großen Mann hervorgebracht hat. Aber eben auch so mutige und starke Figuren, wie sie im Roman beschrieben werden. Mit den Worten von Nizas Lehrer David und ein paar grandiosen Songs von Wyssotzki  möchte ich meinen kleinen Vorgeschmack auf ein ganz großes Buch beenden. Mit dem folgenden Satz hat David nicht nur Nizas Denken sehr geprägt, sondern mir eine wundervolle Weisheit geschenkt:

„Aus allen Varianten deines Ichs such dir die Unmöglichste aus.“

Wssotzki. Spazitje Naschi Duschi

Wossotzki. Kupola

Wyssotzki. Der weiße Walzer

Wyssotzki. Esho raz

Nino Haratischwili. Das achte Leben. Für Brilka. Frankfurter Verlagsanstalt Frankfurt am Main 2014. 1275 Seiten. 34,-€