Schlagwort-Archive: Familie

Betrunkene Bäume und entwurzelte Menschen

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Betrunkene Bäume bezeichnete nicht etwa eine bestimmte Art oder Gattung von Bäumen, sondern konnte jeden unter ähnlichen Bedingungen in Schieflage geratenen Baum bezeichnen. Ein Stamm, der im schmelzenden Permafrostboden an Halt verlor, kippte im tauenden Matsch, weil seine Wurzeln, den festen Permafrostboden gewohnt, keinen Halt mehr fanden. Ganze Wälder konnten so in Schieflage geraten (S. 139/140).

Begleitet vom Bild der betrunkenen Bäume im Permafrost, erzählt Ada Dorian in ihrem Debüt von Menschen, die den Halt verloren haben. Sie erzählt vom alten Erich mit seinem beigefarbenen Commodore, der wegen seiner schlechten Augen eigentlich gar nicht mehr fahren darf. Altersbedingt bereits ein bißchen hilflos, doch immer noch recht pfiffig, züchtet er in seinem Schlafzimmer einen kleinen Wald aus Birken, Erlen und Pappeln, weil er beim Geruch der Pflanzen besser schlafen kann. Sie sind seine besten Freunde. Am längsten lebt bei ihm der Ahorn, der nun bereits an die Decke stößt. Vor seiner strengen Tochter Irina hält er die Tür zu diesem Raum stets verschlossen. Sie würde ihn sicher für verrückt erklären –  Weiterlesen

Imbolo Mbue. Das geträumte Land

mbue_das_getraumte_landEinige Tage lang habe ich vier außergewöhnliche Menschen durch New York begleiten können. Es wurde geliebt und gelacht, getrunken und gestritten. Ich habe viel erfahren über Familie und Zusammenhalt in schweren Zeiten. Wo es manchmal einfacher gewesen wäre, wegzulaufen oder sich für immer zu trennen. Es wurden Entscheidungen mit enormem Weitblick getroffen, die ich gar nicht erwartet hatte und die dann doch einleuchtend waren. Das geträumte Land hat mich am Ende sehr überrascht. Irgendwie hatte ich ganz eigene Vorstellungen und Wünsche für die Story. Und ganz besonders für Neni Jonga …  Weiterlesen

Claudia Piñeiro. Ein wenig Glück

pineiro_ein_wenig_glück_Glücklicherweise wusste ich vor dem Lesen dieses Romans nichts über seinen Inhalt, habe einfach angefangen. „Lies mal die Piñeiro. Die wird dir gefallen.“ Diese zwei Sätze einer guten Freundin noch im Ohr, verzichte ich sogar auf den Klappentext (ein Tipp, den ich unbedingt weitergeben möchte, da dort alles, was den Roman so besonders macht, vorweggenommen wird). Ich starte also völlig ahnungslos mit den ersten Sätzen …

Ich hätte Nein sagen sollen, dass es nicht geht, dass ich nicht wegkann. Irgendwas sagen, egal was. Aber das habe ich nicht getan. Immer wieder habe ich mir die Gründe aufgezählt, warum ich mich, statt Nein zu sagen, am Ende doch bereit erklärt habe. Der Abgrund zieht uns an. Manchmal ohne dass wir es merken. Wie ein Magnet. Dann treten wir an den Rand, blicken in die Tiefe – und könnten springen. Ich bin so jemand. Ich könnte vortreten, mich in die Tiefe stürzen, in die Leere, ins Nichts fallen lassen, nur um – endlich – frei zu sein (S. 10).  Weiterlesen

David Vann. Aquarium

vann_aquariumIch träume mich weit weg mit diesem Roman. Zu Caitlin nach Nordamerika, in die dunklen sparsam beleuchteten Gänge des Großaquariums und zu den faszinierenden stummen Wesen hinter Glas, die dort ruhig und gelassen ihre Bahn ziehen. Bunt schillernd, urzeitlich und bizarr.

Caitlin ist ein zwölfjähriges Mädchen, das all seine Freizeit im Aquarium in Seattle verbringt. Hier fühlt sie sich wie in einem U-Boot in ungeheurer Tiefe. Wenn sie dann die faszinierende Unterwasserwelt verlässt, betritt sie die reale Welt der grau-matschigen Großstadt. Dort wartet sie auf ihre Mutter, die in ihrem Thunderbird selten pünktlich ist. Der kindliche Traum von einer Zukunft weit weg aus diesem Leben verwundert deshalb wenig:

Ich würde später mal Ichtyologin werden. Ich würde in Australien leben oder Indonesien oder Belize oder am Roten Meer. Und fast den ganzen Tag in diesem warmen Wasser tauchen. Ein Fischbecken, das sich Tausende von Meilen erstreckte. Im Aquarium kamen wir ja nicht zu ihnen (S. 14).  Weiterlesen

Tomas Espedal. Wider die Kunst

Knausgard lesen oder Espedal? Für mich ganz klar – ich wähle Tomas Espedal. Das hat mehrere Gründe und einer davon ist, dass ich für ein fünfbändiges Werk, in welchem es ausschließlich um Sterben, Leben, Träumen, Liebe und natürlich immerzu um den Autor selbst geht, einfach keine Geduld habe. Auch fehlt mir dazu die Zeit. Den ersten Impuls, Espedal zu lesen, gab diese Begegnung im August 2014 …

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©Mara Giese. Begegnung mit Tomas Espedal. August 2014

Es ist nämlich so, dass Wider die Kunst schon seit längerer Zeit nach mir ruft. Auf dem Sommerfest und zehnjährigem Verlagsjubiläum von Matthes & Seitz im LCB am Wannsee begegneten die Klappentexterin und ich vor zwei Jahren Tomas Espedal. Und dort hat er uns unter anderem von diesem autobiographischen Roman erzählt.  Weiterlesen

Rasha Khayat. Weil wir längst woanders sind

kayat_weil_wir_längst_woanders_sindLayla und Basil sind zwei untrennbar und sehr eng miteinander verbundene Geschwister. Viele Jahre gemeinsamen Lebens mit Alex in einer Hamburger WG lösen eine intensiv schöne Kindheit ab. Doch dann ist Layla plötzlich weg. Basil ist schockiert und wütend, als er erfährt, dass seine Schwester eine traditionelle Ehe in Jeddah in Saudi-Arabien eingehen will. Dort, wo beide aufgewachsen sind. Wo sie Freunde hatten, wo sie zur Schule gegangen sind, wo sie als Kinder glücklich waren.

Fremd fühlten sich Layla und Basil immer bei den Großeltern in Deutschland, wo  sie regelmäßig die Sommerferien verbracht haben. Eines Tages geht es nach den Schulferien nicht wie gewohnt zurück in die arabische Heimat. Beide Kinder sind völlig ahnungslos, als ihre Eltern Barbara und Tarek sich für ein Leben in Deutschland entscheiden. Basil versucht sich später zu erinnern, ob er es irgendwie hätte ahnen können: Weiterlesen

Dörte Hansen. Altes Land

hansen_altes_land„Altes Land“ und ich sind erst sehr spät Freunde geworden. Da stand der Roman längst auf der Bestsellerliste. Es war bereits Herbst …. doch kaum hatte ich mich auf die ersten Sätze eingelassen, da war ich schon komplett eingenommen von der Geschichte und hatte das Gefühl, selbst in diesem alten, stöhnenden und von den Westwinden durchgerüttelten Haus mit dem Reetdach zu sitzen. Neben Vera „in ihrer Rüstung aus Zorn“. Gemeinsam mit ihren Hunden und dem kleinen Jungen Leon mit seinem Maulwurf-Trinkbecher und einem frischen Honigbrot.

Seither habe ich diesen Roman unzählige Male und voller Leidenschaft in der Buchhandlung empfohlen. „Altes Land“ war eines der am liebsten gekauften Weihnachtsbücher. Und nun sitze ich hier beim leisen Flackern einer Kerze, höre klassische Musik und trinke heißen und sehr starken Kaffee. Ich schaue zurück auf die letzten zwölf Monate mit unzähligen guten Büchern. Ich schreibe meinen (vielleicht) letzten Text in diesem Jahr. Keine Rückschau. Nur ein paar letzte Worte zu einem meiner liebsten Bücher von 2015 …  Weiterlesen