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Alice Munro. Liebes Leben. Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning (Teil 1)

Liebes Leben, Munro„Diesen Brief schreiben ist wie einen Zettel in eine Flasche stecken …                                       Und hoffen,                                                                      Er wird Japan erreichen.“

Anmutig wie ein Haiku, so klingen diese wenigen Zeilen in der ersten der 14 neuen Erzählungen. Es ist Greta, die an Harris schreibt. Verbunden mit dem Wunsch, er möge diese Nachricht erhalten. Wird er? So hofft und zittert man mit Greta. Denn nicht immer warten am Ende von Munros Geschichten das Glück und die Erfüllung von Wünschen.

Die zweite Erzählung führt in der Zeit um Jahrzehnte zurück, was man am Beginn gar nicht bemerkt. Alice Munro erzählt ja  immer irgendwie zeitlos…. Ein verschneiter Bahnhof, Männer in Uniformen, bizarre Stille, eine Lehrerin auf dem Weg zu ihrer neuen Stelle in einem Krankenhaus mit an TBC erkrankten Kindern. Spätestens jetzt wird klar (und andere Ereignisse bestätigen dies), es sind die 40er Jahre in Kanada.

Und weil ich die Beschreibungen vergangener Zeiten einfach so sehr liebe, bin ich voller Glück, als ich bemerke, dass auch „Abschied von Maverley“ in einer längst vergangenen Zeit spielt. Als man noch Schallplatten hörte, als es Kinos in jeder Kleinstadt gab und Nachtwächter in den Gassen.

Genau wie die Erzählung „Kiesgrube“, in welcher nur ein Nebensatz über einen möglichen Vietnameinsatz genügt, um uns in die späten 60er zu katapultieren. Und auch wenn ihr Inhalt wirklich traurig stimmt, vermittelt gerade diese Story eine ganz klare Botschaft: Tragödien anzunehmen, weil es sich dann leichter und gelassener leben lässt.

Diese und noch drei weitere waren die ersten der insgesamt 14 Erzählungen. Wie schön, dass ich gestern einen ganzen Tag frei hatte und zwischen meinem ersten Kaffee und dem Frühstück, zwischen Spaziergang bei stürmischstem Herbstwind und Café-Besuch die Zeit für diese „Sieben“ hatte. Bin nun voller Vorfreude auf den zweiten Teil des Buches, den ich spätestens bis zum 10. November gelesen haben will. Dann, wenn Alice Munro der Nobelpreis überreicht wird.

Ich wünsche Euch allen einen wunderschönen Nikolaus (und vielleicht ein Buch im Stiefel?) sowie einen kuscheligen 2. Advent –

Warlam Schalamow. Durch den Schnee. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold

cover.html„Wie tritt man einen Weg in unberührten Schnee? Ein Mann geht voran, schwitzend und fluchend, setzt kaum einen Fuß vor den anderen und bleibt dauernd stecken im lockeren Tiefschnee. Der Mann läuft weit vor und markiert seinen Weg mit ungleichen schwarzen Löchern. Er wirkt müde, legt sich in den Schnee, steckt sich eine Papirossa an, und Machorkarauch schwebt als blaues Wölkchen über dem weißen funkelnden Schnee.“

So beginnt „Durch den Schnee“ – die erste dieser unglaublich eindrucksvollen Erzählungen aus Kolyma. Erschienen ist das Buch bereits 2007 beim Verlag Matthes & Seitz. Erzählt wird von Hunger, Kälte und Tod. In einer so eindringlichen, radikalen und gleichzeitg poetischen Sprache, dass es einem den Atem raubt. Niemand hat jemals so über den Gulag geschrieben. Auch nicht Solschenizyn. Und es ist eine traurige Wahrheit, dass Schalamows Erzählungen in der Sowjetunion bis zu seinem tragischen Tod nie vernünftig abgedruckt wurden. Während Solschenizyn, der ebenfalls die Zustände in den Lagern des Gulag beschrieben hatte, 1970 den Literaturnobelpreis erhielt. Dass beide Autoren sich gegenseitig total ablehnten, ist nur eine der vielen Informationen, die man aus der großartigen Ausstellung im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstrasse zum Leben und Schreiben von Warlam Schalamow mitnimmt. Textpassagen aus seinen Erzählungen, Fotos und Tondokumente sowie zwei Filme geben Einblicke in das Werk eines der gößten Dichter der Weltliteraur.

Und nun lese ich sie wieder, die Erzählungen. Erneut bin ich erstaunt über den lakonischen Ton sowie über die tiefe Menschlichkeit, die aus jeder Zeile spricht. Schalamow scheint nie den Mut zu verlieren. Immer wieder kommt seine Liebe zur Natur in dieser unwirtlichsten aller Gegenden zum Ausdruck. So, wenn er eine vom Schnee gebeugte Lärche beschreibt oder  die verschiedenen Aromen der im Frost erstarrten Hagebutten und  Preiselbeeren. Wie er jede der gefrorenen Beeren behutsam  und gierig mit der Zunge an den Gaumen drückt und sich für einen Moment vom süßen Saft betäuben lässt. Um dann weiter Krummholz zu sammeln oder Steine in einer Mine zu schlagen. Bei Minusgraden, die wir uns nicht vorstellen können.

Schalamow erlebt und überlebt als Lagerhäftling insgesamt achtzehn Jahre, davon vierzehn in der Kolyma-Region im fernöstlichen Sibirien. Er beginnt mit dem Schreiben nach seiner Entlassung in den 50er Jahren und sieht sich selbst als Schriftsteller einer neuen Prosa. Einer Prosa, die einem Dokument eher gleicht als einem traditionell erzählten Text, wie es im Nachwort heisst. „Federführend sei nicht Orpheus, der in die Hölle hinabstieg, sondern Pluto, der der Hölle entsteigt“ (S. 298).

Die Ausstellung läuft noch bis zum 08.12.2013.

http://www.literaturhaus-berlin.de/