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Fragen an Selma Wels vom Verlag binooki in Berlin Schöneberg

Inci Bürhaniye (auf dem Foto links) und Selma Wels sind zwei in Pforzheim geborene Schwestern. In Deutschland aufgewachsen, ist ihre zweite Heimat Istanbul.
Eines Tages entstand in beiden Frauen der Wunsch, Bücher türkischer Autoren in Deutschland publik zu machen. Sie gründeten in Kreuzberg einen Verlag, sind inzwischen aber nach Schöneberg gezogen. Auf ihrer Webseite erzählen sie, warum sie sich binooki nennen:
Unser Name leitet sich aus dem Wort Binokel, dem Zwicker, ab. Wir fügten nur noch ein „o“ hinzu, damit in unserem Logo auch das Wort „book“ hervorzuheben. Jetzt waren wir ganz offiziell Verlegerinnen.
 Seit Januar 2012 gibt es binooki und viele großartige Bücher großartiger türkischer Autoren wie Oğuz Atay, Emrah Serbes, Alper Canigüz, Baris Uygur sind seitdem auf Deutsch erschienen.

© Stephan Pramme

© Stephan Pramme

Nicht immer läuft im Verlag alles glatt. So beispielsweise, wenn geplante Übersetzungen nicht stattfinden oder politische Ereignisse auf tragische Weise eine Lesung in Berlin beeinflussen und ein Autor beinah gar nicht kommen kann. Beides passierte bei Deliduman. Beim Lesen des Romans sind mir deshalb viele Dinge durch den Kopf gegangen und so habe ich Selma geschrieben …  Weiterlesen

Emrah Serbes. junge verlierer. Aus dem Türkischen von Oliver Kontny

junge verlierer 010Im Berliner Verlag binooki in Kreuzberg ist vor wenigen Tagen der Erzählband junge verlierer von Emrah Serbes erschienen. Nach einem inspirierenden Besuch am Messestand in Leipzig hatte ich nur noch einen Gedanken – ich mußte dieses Buch lesen (ein Interview über die beiden Verlegerinnen Inci Bürhaniye und Selma Wels gab es kürzlich auf dem Blog read indie). Nicht nur der Klappentext macht neugierig, sondern auch und besonders die Geschichte von Emrah Serbes.

Der 1981 geborene Autor lebt in Istanbul und gilt dort als „Schriftsteller und Stimme des Volkes“ – seitdem er im Sommer 2013 aktiv an den Gezi-Protesten gegen den türkischen Premierminister Erdogan teilgenommen hatte. In seinem Erzählband geht es um Jungs aus Istanbul, Ankara und Yalova, die alle irgendwie die gleichen Sehnsüchte in sich tragen: endlich erwachsen zu werden, Respekt zu bekommen, cool zu sein, sich zu verlieben. Manchmal ergeben sich Situationen, die tragisch und komisch zugleich scheinen. Selten klingt einer der Jungs verzweifelt, niemals schwach. Einfühlsam beschreibt Serbes Teenager, die gleichzeitig männlich und stolz sowie kindlich und sensibel sind. Die Grundstimmung der Stories ist eine optimistische. Schließlich gibt es immer einen Weg –

Was mochte ich so an diesen acht Erzählungen von Emrah Serbes?

Ich mochte, dass Serbes seinen Figuren so viel pralles Leben und eine solche Fülle an Emotionen verleiht, dass ich sie alle filmisch vor meinem inneren Auge sehen konnte. Erhan, Osman, Nurettin – jeden habe ich tief in mein Herz geschlossen.

Ich mochte, dass ich gedanklich ganz intensiv in der Türkei sein konte (ein langgehegter Traum von mir: Istanbul).

Auch mochte ich, dass in meinem Kopf immer eines dieser herzzerreißend schönen Lieder mitlief, wie man sie hier in Kreuzberg aus manch offenem Auto hören kann (um in Stimmung zu kommen, höre ich gerade den Soundtrack des Films „Die andere Seite“ von Fatih Akin – das passt!!).

Und nun zu meiner Lieblingsgeschichte „Omas Tod“ – eine Geschichte, die zwar tragisch beginnt, beim Leser im Verlauf aber das eine oder andere Grinsen hervorlockt und schließlich glücklich endet. Doch zunächst:

„Die Menschen, die mein Vater und meine Mutter hätten werden können, starben bei einem Verkehrsunfall. Ich war nicht sehr traurig. Sie hatten mich bei meiner Oma abgegeben und waren zu einem Abendessen gefahren, zu dem man sie eingeladen hatte. Ich blieb einfach da, wo sie mich abgegeben haben.“ S.7

Er bleibt also bei seiner geliebten 84jährige Oma, die mit „immenser Kraft“ ihre nie enden wollende Einsamkeit erträgt. Oma hält den Jungen manchmal für den verstorbenen Großvater Rüstem Bey – das erträgt der Junge gerade mal so. Dass sie ihm bei den Matheaufgaben hilft beeindruckt ihn wiederum sehr.

Aber da ist auch der 8jährige Oman aus „Ruf des Meeres“. Gerade noch sitzt er in ohnmächtiger Wut am Strand, weil er statt einem coolen Eimer den blöden Laster mit ans Meer genommen hat.

„Ich war unendlich frustriert, ich hatte keine Lust und keinen Spaß mehr, meine Lebensfreude nahm bedenklich ab. Ich setzte mich hin und vergrub meinen Kopf in meinen Händen So starrte ich aufs Meer … Da kam ein Mädchen im Bikini … ‚Hast du einen Eimer?‘ … Das war ein ganz mieser Anfang. In deinem allerersten Satz einem Menschen, den du noch gar nicht kennst, einen Mangel unter die Nase reiben, sowas machen doch nur Frauen, die böse Absichten haben, Baby.“ S.76/77

Das Mädchen heißt Sedef, zwischen beiden entwickelt sich eine berührende Freundschaft. Sedef wirkt auf uns (wie übrigens alle Mädchen/Frauen bei Serbes) wie ein Foto mit Weichzeichnereffekt. Zart, sensibel, schüchtern. Doch irgendwann ist auch der schönste Urlaub vorbei –

Manche Situationen in „junge verlierer“ sind dann wieder echt hart und katapultieren den Leser in eine Welt archaischer Familienstrukturen. Erziehen heißt leider manchmal auch schlagen. Männer der alten Generation spielen in den Familien oft noch eine dominante Rolle. Doch wird sich dagegen aufgelehnt! Es wird rebelliert und selten eine Vorschrift akzeptiert. Und so ist das Buch von Serbes auch eine Kampfansage junger Leute an alte Strukturen. Nicht nur in der Türkei. Es könnte überall spielen. Auch in Berlin, New York, London, Paris … Ein Buch, das ganz besonders für Jungs und Männer spannend ist. Weil sich jeder irgendwie darin wieder findet. Und für Mädchen und Frauen gibt es tiefe Einblicke wie Jungs eigentlich „ticken“. Genau deshalb sollte es vielleicht jeder lesen! stern_gross„junge verlierer“ ist eines meiner Lieblingsbücher zum 22. März, wenn wieder Indiebookday ist.

Emrah Serbes. junge verlierer. binooki 2014. 176 S. 16,90 €