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Hiromi Kawakami. Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß

kawakami_himmelEs muss einfach sein. Es gibt so Tage, da interessiert mich nichts Neues, da hilft nur ein Roman aus längst vergangenen Tagen, den ich ein zweites Mal lese. Ich freue mich auf die Begegnung mit den mir bekannten Figuren, bin gespannt, was ich noch erinnere und was ich neu entdecken werde …

Tsukiko ist 37 Jahre alt, als sie ihrem Japanisch-Lehrer Harutsuna Matsumoto-Sensei in einer Kneipe wiederbegegnet.
Gerade hatte sie dem Wirt ihre Bestellung zugerufen, da vernimmt sie neben sich die Stimme eines Mannes, der ebenfalls diese Gerichte bestellt – Thunfisch mit fermentierten Sojabohnen, gebratene Lotuswurzeln in süßer Sojasauce und eingelegte Perlzwiebeln. Erstaunt stellt Tsukiko fest, dass direkt neben ihr der Sensei sitzt. Er ist es tatsächlich!

Beide sind einsam, beide mögen sich. Und beide begegnen sich wie zufällig von nun an regelmäßig in diesem kleinen Laden, speisen gemeinsam, trinken warmen Sake aus kleinen Keramikflaschen und reden. Bereits nach wenigen Seiten, aber spätestens an folgender Stelle der Geschichte, weiß ich, es ist mehr als Sympathie, das beide verbindet: Der Sensei war für mich, wie soll ich sagen, wie die Buchschleife um den Schutzumschlag eines Buches, die man nicht abmachen und wegwerfen will (S. 32). Weiterlesen

T.C. Boyle. Der Samurai von Savannah

boyle_samurai_von_savannahRomane von T.C. Boyle mit Happy End? Sollte man besser nicht erwarten. Gibt es denn im echten Leben ein Happy End? Okay, manchmal vielleicht … Nicht jedoch bei Boyle. Skurril, witzig, böse und verrückt sind seine Geschichten. Und das trifft ganz besonders auf den Samurai von Savannah zu.

Boyle erzählt hier die Geschichte des 20jährigen Matrosen Hiro Tanaka aus Japan, der in die USA will. Grund dafür sind die fiesen Attacken, die er wegen seines Aussehens aushalten muss (sein Vater ein amerikanischer Hippie, den Hiro nie kennen gelernt hat). Langnase, Butterstinker, Halbblut, ein happa – das ist er für die anderen. „Doch die Amerikaner, das wußte er, waren ein Volk aus vielen Rassen … In Amerika konnte man ein Teil Neger, zwei Teile Serbokroate und drei Teile Eskimo sein und dennoch erhobenen Hauptes durch die Straßen gehen … Weiterlesen

Patrick Modiano. Die kleine Bijou

Modiano, BijouKaum wurde am 09. Oktober der Nobelpreis für Literatur verkündet, mußte ich mir schnell ein Buch von Modiano kaufen. Direkt danach landete es in meinem Reisegepäck für die Frankfurter Buchmesse. Das ist so eine Art Tradition bei mir. Bin ich im vorigen Jahr mit den „Tricks“ von Alice Munro nach Frankfurt gereist, ist es diesmal „Die kleine Bijou“.  Seit der Buchmesse ist aber schon wieder so viel passiert, dass ich tief graben muss. Was erzählt Modiano in diesem kleinen Roman? Da ist die 19jährige Thérèse, die als Mädchen Die Kleine Bijou gerufen wird. Sie ist noch ein Kind, als ihre Maman mit einem Mann nach Marokko verschwindet. Die Kleine Bijou bleibt in Paris. Eine Spurensuche –

Prenzlauer Berg 19.10.14 008Und dann habe ich plötzlich eine Idee. Denn genau wie die Kleine Bijou, bin auch ich an diesem sonnigen Oktobersonntag auf Spurensuche. Sitze bei marokkanischem Minzetee im 1993 eröffneten Café November in der Sredzkistrasse im schönen Prenzlauer Berg. Wie viele Erinnerungen ich mit den Straßen hier verbinde! Egal, ob ich in der belebten Eberswalder Strasse stehe und das Trödelmarkt-Getümmel im Mauerpark beobachte oder ob ich in einem Café in der Oderberger Strasse sitze mit Blick auf ebendiesen Park … Plötzlich verschwinden alle Farben. Menschenleere Ödnis erstreckt sich vor meinem Auge. Ich bin in den 80er Jahren und die Häuser beider Strassen sind unverputzt sowie voller Einschusslöcher aus dem letzten Krieg. Beide Strassen führen direkt hin zu einer grauen Betonmauer und einem Aussichtsturm. Ein Grenzsoldat bewacht den Ostteil der Stadt vor der Mauer, dahinter die Bernauer Strasse und der Wedding. Auf dem Aussichtsturm eine winkende Freundin aus Kreuzberg. Vor der Mauer: meine Ostberliner Freunde und ich …

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