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Mit Natascha Wodin auf einer Odyssee durch das 20. Jahrhundert

wodin_mariupolHeute möchte ich mein Glück mit Euch teilen. Es kommt nämlich nicht allzu oft vor, dass ein von mir favorisiertes Buch es auf die Longlist oder Shortlist schafft oder sogar einen Buchpreis gewinnt. Natascha Wodin hat mit ihrem biographischen Roman Sie kam aus Mariupol den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 gewonnen. Ich lächele still und bin voller Glück. Denn dieses Buch hat mich in den vergangenen Tagen begleitet und extrem aufgewühlt. Manches aus dieser Geschichte las ich das erste Mal in meinem Leben, andere Dinge waren mir bereits vertraut, ja ich hatte fast das Gefühl, als hätten mich die vorherigen Romane Der Lärm der Zeit und Betrunkene Bäume bereits vorbereitet auf diese Lektüre. Ich war durch die genannten Romane ja längst gedanklich ganz tief in der ehemaligen Sowjetunion …  Weiterlesen

Pierre Jarawan. Am Ende bleiben die Zedern

jarawan_am_ende_bleibe_die_zedernDie Zeder ist das Symbol der Flagge des Libanon. Die Zeder mit ihrem Duft ist es auch, die diese Geschichte begleitet. Wenn der Vater Brahim seinem Sohn Samir Geschichten aus der Heimat erzählt, dann ist immer auch die Libanon-Zeder darin verwoben. Aufgewachsen ist Samir in Deutschland. Als sein Vater spurlos und für immer verschwindet, ist der Junge gerade acht Jahre alt. Eigentlich war es ein ganz normaler Abend und wie immer erzählt Brahim seinem Sohn eine Gute-Nacht-Geschichte, küsst den ahnungslosen Samir auf die Stirn.

Es war der letzte Kuss, den er für mich hatte. Eine große Zufriedenheit überkam mich. Wie warme Daunen legte sie sich auf mich und hüllte mich ein. Dann fuhr er mir durchs Haar. Es war das letzte Mal, dass er es tat … Hätte ich damals gewusst, dass dies die letzten Sekunden waren, die mir mit meinem Vater blieben, ich hätte mir mehr Mühe gegeben. Ich hätte versucht, ihn länger anzuschauen … Aber ich war zu müde. Und so war das Letzte, was ich von meinem Vater sah, seine Silhouette im Türrahmen und wie er liebevoll – zumindest glaube ich das heute – zu mir herüberblickte (S. 98/99).  Weiterlesen

Abbas Khider. Die Orangen des Präsidenten

khider_orangen_btbIn wenigen Tagen erscheint bei Hanser Literaturverlage der neue Roman „Ohrfeige“ von Abbas Khider. Ich sehe das als einen Anlass, nochmal inne zu halten und mich zu erinnern, was damals das Buch „Die Orangen des Präsidenten“ mit mir gemacht hatte …
In meinem Notizbuch von 2011 finde ich einleitend die Worte von Denis Scheck, der in seiner Sendung „Druckfrisch“ den Roman ein paradiesisches Buch, das direkt in die Hölle führt nannte. Besser kann man es kaum sagen. Dieser Roman mit seinen 160 Seiten – an welchem Abbas Khider drei Jahre lang geschrieben hat –  vereint Glück und Unglück, Schönheit und Grausamkeit auf einzigartige Weise. Er wollte seine Leser unbedingt auch unterhalten mit seiner Geschichte, wollte nicht nur schockieren. Er wollte von der Schönheit seiner Heimat erzählen und gleichzeitig auch von Saddam, von Folter und von Haft. Das ist ihm auf ganz besondere Weise und auf höchstem literarischen Niveau gelungen. Ich erinnere mich, wie fasziniert und beeindruckt ich war, als ich vor fünf Jahren umsonst nach einem arabischen Übersetzer im Impressum suchte – Khider hat diesen Roman (wie alle anderen Romane auch) auf Deutsch geschrieben. Weiterlesen