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Michela Murgia. Accabadora – mein Lieblingsbuch aus dem Verlag für wilde Leser

WagenbachKürzlich lese ich den Beitrag „50 jahre und kein bißchen leise“ von der Klappentexterin. Ein Jubiläum ist zu feiern. Wagenbach – der unabhängige Verlag für wilde Leser – feiert Geburtstag. Sofort frage ich mich, welches ist eigentlich mein Lieblingsbuch von allen bisher gelesenen Romanen aus diesem Verlag –

Vielleicht die „Souveräne Leserin“ von Alan Bennett? Es kam damals als dünnes Heftchen mit dem Aufdruck „unkorrigiertes Leseexemplar“ in meine Hände und hat mich dann auf einen Kurztrip nach London begleitet. Dort habe ich es auch gelesen und mich aufs Beste amüsiert über die Queen, die die Welt der Romane entdeckt.  Nie vergesse ich das berauschende Gefühl von jenem Mai 2008, einen außergewöhnlichen Roman in den Händen zu halten. „Die souveräne Leserin“ wurde zum Liebling unzähliger Buchhändler und Leser und hat es damals sogar in die Spiegelbestsellerliste geschafft.

Erstmal weiter …. mein Lieblingsbuch. Ich stehe vor meinem Bücherregal und grüble. Begeisterte mich nicht auch „Gleissendes Glück“ von A.L. Kennedy ganz unglaublich? Und was ist mit „Der Ursprung der Welt“ von Jorge Edwards? Und mit Assani-Razakis „Iman“ und „Wojna“ von Larrue?!

Nein – jetzt bin ich sicher!!! Immer wieder empfohlen und verschenkt, ist es meine über alles geliebte „Accabadora“ von Michela Murgia. Der Roman ist 2010 auf Deutsch erschienen. Murgia erzählt nicht nur eine unvergessliche Geschichte, sondern behandelt elegant und wie nebenbei (auf lediglich 170 Seiten) die drei großen Themen Sterbehilfe, Adoption und Kinderlosigkeit.

Ein wirklich großartiges Buch! Weshalb es auch ein wenig krumm und schief ist, so oft habe ich es seitdem verliehen. Jede meiner Freundinnen sollte unbedingt die Geschichte um die geheimnisvolle Tzia Bonaria lesen. Als Hebamme und Sterbehelferin lebt und arbeitet sie in einem kleinen Dorf auf Sardinien. Da sie selbst kinderlos ist, holt sie sich eines Tages das Mädchen Maria aus einer vielköpfigen Familie in ihr Zuhause. Mit viel Wärme und großer Präzision erzählt Murgia diese archaisch anmutende Story, die ganz zeitlos erzählt ist und so beginnt:

Fillus de anima, Kinder des Herzens. So nennt man die Kinder, die zweimal geboren werden, aus der Armut einer Frau und der Unfruchtbarkeit einer anderen. In dieser zweiten Geburt wurde Maria Listru zum späten Segen für Bonaria Urrai … Maria lächelte, obwohl sie tief im Innnern wußte, das eigentlich Grund zum Weinen bestanden hätte.

Beim weiteren Stöbern fällt mir nicht nur ein Korkenzieher sondern außerdem ein fast 50 Jahre altes Heftchen aus dem Verlag Klaus Wagenbach in die Hände: „Das schwarze Brett 2. Almanach 1966“. 64 Seiten. Meine Mutter hatte in den 60er Jahren als Buchhändlerin gearbeitet und es mir irgendwann geschenkt. Ehrfürchtig und ungläubig blättere ich darin, reise in der Zeit. Damals konnte niemand auch nur ahnen, dass wir dieser Tage ein 50jähriges Jubiläum zu feiern haben. Auf der ersten Seite (und im 2. Jahr des Verlages) schreibt Klaus Wagenbach:

„Die künftige Arbeit des Verlages hängt sehr davon ab, dass die jetzige bekannt wird“ – so steht es auf den Karten, die jedem Buch des Verlages beiliegen … Die Freunde unter Lesern und Buchhändlern haben entschieden dabei geholfen, dem Verlag die drei übernommenen Risiken – hohes Autorenhonorar, niedriger Ladenpreis, kein Fremdkapital – zu erleichtern. Sie widerlegten die Voraussagen, der Verlag müsse entweder den Maßstab literarischer Qualität oder seine Unabhängigkeit aufgeben … Zahlreiche Freunde haben ihre Hilfe angeboten … kaufen Sie hie und da ein Quartheft, das ist Hilfe genug, eine sehr entscheidende Hilfe.

Wagenbach

Viele Leser haben seitdem Wagenbachs Bücher gekauft und gelesen und damit möglich gemacht, dass der Verlag überleben konnte – 50 Jahre unabhängig überleben konnte. Darauf trinke ich einen Schluck Wein, entkorkt (ganz klar!) mit meinem „wilden“ Wagenbach-Korkenzieher und freue mich auf viele neue Bücher. Beste Wünsche an das gesamte Verlags-Team!

Mein Lieblingsbuch: Michela Murgia. Accabadora. Aus dem Italienischen von Julika Brandestini. Verlag Klaus Wagenbach Berlin. 2010. 170 Seiten (auch als TB im Deutschen Taschenbuch Verlag 2011)

 

 

 

 

Daniella Carmi. Lucy im Himmel. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer

Carmi, Lucy im HimmelEin ganz normaler Sonntag im Februar und ich stelle mir vor, ich hätte „Lucy im Himmel“ nicht gelesen. Aus Unachtsamkeit, aus Oberflächlichkeit, aus was für Gründen auch immer.

Was wäre mir da entgangen! Doch allein, dass es in Israel spielt, hätte mich neugierig machen müssen (ich liebe „exotische“ Orte).  Auch hätte mich neugierig machen müssen, dass Carmi für diesen Roman einen hebräischen Literaturpreis erhalten hat (Preise erzeugen bei mir immer Respekt) und dass ihre Übersetzerin Anne Birkenhauer u.a. die Romane von Aharon Appelfeld und David Grossman (die ich beide sehr schätze) übersetzt hat.

All dies ist leider nicht passiert, doch dann las ich vor einigen Tagen glücklicherweise (!!) Maras vielversprechende Rezension auf Buzzaldrins Bücher. Und es machte KLICK.

Ein schmales Buch liegt nun vor mir, darin eine Geschichte, wie sie überall passieren könnte. Doch Carmi hat daraus Literatur gemacht: Ein kinderloses Ehepaar in Israel (sie Christin, er Moslem) will ein Baby adoptieren und bekommt einen 13jährigen Jungen als Pflegekind. Kein süßes knuddeliges Baby. Nein. Einen schlaksigen Teenager, der noch dazu nicht spricht. Auch über seine Herkunft erfahren Nadja und Salim Yassin nichts. Erst viel später erfährt Nadja, dass Netanel auf Wunsch des leiblichen Vaters (orthodoxer Jude) in ihrem arabischen Dorf vor seiner nichtreligiösen Mutter geschützt werden soll. Als Pflegeeltern stehen Nadja und Salim unter strenger Beobachtung und bekommen zusätzliche Verpflichtungen: der Junge hat die Kippa zu tragen, den Talmud zu lesen und den Sabbat einzuhalten. Gleichzeitig aber gehen bei Nadja und Salim geheime Drohungen ein, das Kind frei von jeder Religion zu erziehen.

Man ahnt es bereits – auf den Schultern des schmächtigen Netanel liegt eine zentnerschwere Last. Um sein Leben zu ertragen, wählt er das Schweigen. Und die Musik! Die Songs der Beatles und der Rolling Stones summend, sitzt Netanel im Feigenbaum und träumt sich weit fort –

Meine ganze Bewunderung in diesem Roman gilt Nadja. Wie sie mit all dem umgeht: dem stummen Jungen, dem schweigenden Ehemann, der Frage der richtigen Religion für Netanel (oder besser gar keine?) und dazu einem Job im sozialen Bereich. Sie schafft das mit Humor, mit unendlich viel Geduld und noch mehr Herzenswärme. Als sie erkennt, wie bedeutend für Netanel die Musik ist, fängt sie an, ihm Kassetten auf einem alten Gerät vorzuspielen. Sie wird seine „Lucy in the sky with diamonds“. Und dann der Moment, als Netanel das erste Mal spricht: „Nadja soll Marshmallow-Pie backen. Punktfertig.“ (S. 22)

Es ist wirklich herzzerreißend, wie Nadja dann ganz pragmatisch sofort loszieht, um diese amerikanischste aller Süßigkeiten aufzutreiben. Und wie sie endlich Erfolg hat. Ohne große Euphorie steht sie da in dem kleinen Laden, wo ein trauriger Verkäufer ihr die Beutel mit der rosa-weißen Süßigkeit reicht. Und lakonisch bemerkt sie: „Ich wusste nicht, ob ich einen oder zwei Beutel kaufen sollte. Da kaufte ich drei.“ (S. 25)

Es fiel mir wirklich schwer, dieses Buch zu beenden. Die Story um Nadja, Salim und Netanel ist viel zu schnell vorbei. Voll spannender Momente, dramatischer Gefühle und erfrischendem Humor, dabei herrlich unkonventionell. Besser als 100 Erziehungsratgeber. Man kann sich nur wünschen, dass Daniella Carmi, noch mehr solcher Bücher schreibt!

Daniella Carmi. Lucy im Himmel. Berlin Verlag in der Piper GmbH. Berlin 2013. 143 Seiten