Archiv der Kategorie: Kriminalromane

Luis Sellano. Portugiesische Rache

sellano_portugiesische_racheWenn die Sehnsucht nach der Ferne allzu stark wird, träume ich mich gern mit einem Buch ganz weit weg … so kam es, dass ich am Wochenende in Lissabon war. Gemeinsam mit dem Ex-Polizisten Henrik Falkner bin ich durch die verwinkelten Gassen des Bairro Alto gelaufen und habe vom Senhora do Monte auf die Dächer Lissabons geschaut. Schon bei Portugiesisches Erbe mochte ich den perfekten Mix aus Spannung und aus politischer und sozialer Kritik. Weder extrem blutig noch ausufernd regional erzählt, war dieser Krimi auch gleichzeitig eine Liebeserklärung an diese bezaubernde Stadt am Rio Tejo. Davon wollte ich schon damals mehr! Et voilá, hier kommt der zweite Fall für den deutschen Ex-Polizisten Henrik Falkner.  Weiterlesen

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Luis Sellano. Portugiesisches Erbe

serrano_portugiesichAls ich vor einigen Jahren für eine Urlaubswoche in der Altstadt Lissabons aus dem Taxi stieg, hat diese Stadt mit ihrem morbiden Charme mich irgendwie sofort verzaubert. Bonjour tristesse! Melancholisch wie ihre Fadogesänge, so wirkten auch die Menschen auf mich. Köstlich und unvergessen sind all die Pastéis de Nata, welche ich zu einem heißen Espresso Morgen für Morgen genießerisch verschlungen habe.

Als ich die ersten Seiten von Portugiesisches Erbe lese, werden sofort all diese Erinnerungen aktiviert. Die romantischen Straßenbahnfahrten, das schöne Altstadtviertel Alfama, der berühmte Mosteiro dos Jerónimos in Belém, die Statue des heiligen Vinzenz (Schutzpatron von Lissabon), das Castelo de Sao Jorge,  – hier blättert zwar überall der Putz, doch lebt und atmet die Stadt einen Charme, dem schwer zu widerstehen ist.

Genau so geht es auch Henrik Falkner, Ex-Polizist aus Deutschland. Gerade hat er von seinem verstorbenen Onkel Martin ein altes Wohnhaus inclusive Antiquariat geerbt. Weiterlesen

Tom Hillenbrand und seine kulinarischen Krimis mit Xavier Kieffer / 1. und 2. Fall

Tom_HillenbrandAls Buchhändlerin im Weihnachtsgeschäft rauschen die letzten Tage vor Weihnachten rasant an mir vorbei und ich habe in den Zeiten dazwischen gerade noch Zeit und Muße für einen richtig guten Krimi. Unterhaltend, spannend und extrem kulinarisch sind diese Krimis aus der Welt der Restaurants und der großen Küchen von Tom Hillenbrand. Nicht ganz unwichtig beim entspannten Lesen im Morgengrauen oder am Abend auf dem Sofa, ist die regelmäßige Begegnung mit dem sympathischen Xavier Kieffer aus Luxemburg. Der hat nach jahrelangem Stress als Sternekoch ein kleines Lokal mit nationalen Spezialitäten eröffnet. Malerisch gelegen und mit schönem Blick auf die Stadt, ist es gut besucht, das „Les Deux Eglises“. Weiterlesen

Dennis Lehane. The Drop – Bargeld

Lehane. The DropWas ein kleiner Pitbull mit dem Autor Dennis Lehane zu tun hat? In seinem neuen Thriller „The Drop – Bargeld“ ist Welpe Rocco so eine Art Schlüsselfigur und außerdem extrem liebenswert. Vor wenigen Tagen erschienen, hat der Roman mir geschätzte fünf Stunden bester Unterhaltung bei gleichzeitig atemberaubender Spannung geschenkt.

Erst wollte ich nur mal reinschauen, die Stimmung erspüren. Würde es mich genauso fesseln wie „Mystic River“ und „In der Nacht“? Es hat mich genauso gefesselt! Und zwar gleich mit den ersten Sätzen. Komplette Szenen öffnen sich vor meinem inneren Auge, es ist eine Art Lehane-Sog. Wie sonst könnte man etwas so Einzigartiges nennen?

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Keigo Higashino. Verdächtige Geliebte – Fernweh JAPAN

939668_Higashino_VerdaechtigeGeliebte.inddFür meine heutige Fernweh-Empfehlung in acht Sätzen wähle ich als Reiseziel Japan.

Yasuko Hanaoka – so heißt die „verdächtige Geliebte“ – erdrosselt gleich zu Beginn der Story ihren unausstehlichen Exmann Togashi mit einem Elektrokabel! Fieses Opfer, nette Mörderin….

… Was für eine Wahnsinnsidee von Keigo Higashino (1958 in Osaka /Japan geboren), dass ich als Leser nicht nur bei dem Mord dabei bin, sondern für die Mörderin Yasuko die allergrößte Symphatie empfinde. Ebenso geht es dem freundlichen und unsterblich verliebten Mathelehrer Ishigami, Nachbar von Yasuko. Täglich kauft er sein Bento in dem kleinen benten-tei, dem Laden, wo sie arbeitet. Auf geheimnisvolle Weise bietet er Yasuko nicht nur an, die Leiche zu beseitigen, sondern auch, mit allen Mitteln der logischen Mathematik ein absolut sicheres Alibi für sie auszutüfteln.

Womit Ishigami nicht rechnet, das ist die Macht der Tatsachenbeweise seines Gegners, dem Physiker Dr. Yukawa. Zwei Supergenies in einem außergewöhnlichen Zweikampf, der mir den Atem raubt und mich mit großartigen Stimmungen sowie unerwarteten Wendungen verzaubert.

Keigo Higashino. Verdächtige Geliebte. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Klett-Cotta 2012. 320 Seiten. 19,95 € /Piper Taschenbuch 2014. 320 Seiten. 9,99 €

 

Annelie Wendenberg. Teufelsgrinsen. Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger

Wendenberg, TeufelsgrinsenZur Entspannung darf es bei mir ja gern immer mal ein Krimi sein. „Teufelsgrinsen“ hat mich eigentlich ziemlich schnell überzeugt, dass hier eine außergewöhnliche Autorin eine spektakuläre Story zu erzählen hat.

Annelie Wendeberg ist Umweltbiologin in Leipzig und vermittelt dieses Wissen in ihrem Blog scilogs. Irgendwann aber hatte sie Lust, einen Krimi zu schreiben und startete als Indie-Autorin mit einem  eBook. Das Verrückte daran ist, dass sie ihre Bücher selbst publiziert hat und das auch noch auf auf Englisch! „The Devil’s Grin“ ist sehr erfogreich gestartet und bereits in der 5. Auflage. Schließlich hat sie dem Verlag Kiepenheuer & Witsch ihr Manuskript angeboten und es ins Deutsche übersetzen lassen. So liegt uns nun glücklicherweise (!!) dieses Buch vor. Die aufregendsten Geschichten begegnen einem oft hinter den Geschichten.

Die Story beginnt im viktorianischen London, wo der angesehene Dr. Anton Kronberg von Scotland Yard zu einem Todesopfer bestellt wird:

„Ich war Bakteriologe und Epidemiologe, der Beste, den man in England finden konnte – was in erster Linie dem Mangel an Spezialisten auf diesem neuen Forschungsgebiet zuzuschreiben war. In ganz London gab es nur drei – von denen zwei meine Studenten gewesen waren. Bei sämtlichen Choleratoten oder anderen Opfern angriffslustiger Keime in und um London wurde ich hinzugebeten … London. Manchmal wurde ich dieser Stadt so überdrüssig, dass ich das unbändige Verlangen spürte, meine Habseligkeiten zu packen und aufs Land zu ziehen … Doch ich war Wissenschaftler und mein Gehirn brauchte Betätigung.“ (S. 12/13)

Dr. Anton Kronberg heißt eigentlich Anna und ist eine Frau – cool, unabhängig und sehr geheimnisvoll. Diese Rolle spielt sie im Privatleben täglich und sehr geschickt. Doch da es für eine Frau im 19. Jahrhundert absolut unmöglich ist, zu studieren und zu forschen, hat Anna die Alternative der Verkleidung gewählt. So widmet sie sich am Tag in Männerkleidern ihren wissenschaftlichen Forschungen. Niemand ahnt ihre wahre Identität.

An ihrer Seite (und von ihr anfangs mehr geduldet als akzeptiert) arbeitet der Detektiv Sherlock Holmes. Schnell spürt Anna, dass Holmes (anders als die meisten aller ihr bekannten Männer) einen scharfen Geist und klugen Wortwitz  besitzt. Es dauert auch nicht lange, bis er mit seinem analytischen Blick Annas wahre Identität erkennt. Es entwickelt sich eine rasante und spannende Story, die sehr von den intelligenten und witzigen Dialogen der beiden lebt. Schließlich bleibt es auch nicht bei dem einem Toten und schreckliche Dinge werden aufgedeckt –

Auch wenn „Teufelsgrinsen“ im viktorianischen London spielt, sollte man keinen im klassischen Stil erzählten Krimi erwarten. Wie der Verlag auf dem Einband ankündigt, ist Anna eine starke Heldin, die ihrer Zeit weit voraus ist. Anna denkt absolut modern und könnte genauso gut in der Jetzt-Zeit leben. Als ich beim Lesen einmal innehielt und überlegte, ob die Story so funktionieren kann, ist mir eingefallen, dass auch Sherlock Holmes nur eine von Conan Doyle erdachte, eine fikive Figur ist. Und auch wenn jeder ihn zu kennen glaubt, er hat nie gelebt, außer im Kopf des Autors vor mehr als hundert Jahren. Annelie Wendeberg beweist: alles ist möglich und der Phantasie sind einfach keine Grenzen gesetzt (nebenbei sei bemerkt, dass der Roman von der Sherlock Holmes Society of London geprüft wurde). Wichtig ist, dass es absolute Freude bereitet, diesen Krimi zu lesen und er Vorfreude weckt auf die nächsten Fälle mit Anna Kronberg – meiner neuen Heldin!

Annelie Wendeberg. Teufelsgrinsen. Ein Fall für Anna Kronberg. Verlag Kiepenhuer & Witsch 2014. 22 Seiten. 14,99 €

Jan Costin Wagner. Tage des letzten Schnees

wagner, letzte SchneeJan Costin Wagner, geboren 1972, ist nicht nur Autor großartiger literarischer Kriminalromane, sondern außerdem Songwriter und Musiker. Und so fühlt sich eine Lesung mit ihm schon mal an, wie ein kleines Event, womit er einen total verzaubert. Da sitzt er – still und so symphatisch – während er im Wechsel liest oder leise Musik spielt. Am Klavier. Literatur und Musik ergänzen sich bei Jan Costin Wagner in vollkommenster Weise.

Und darum sitze ich jetzt hier, höre seine CD „behind the lines“ und erinnere mich an die letzten Stunden mit Kimmo und „Tage des letzten Schnees“. Passenderweise habe ich das Buch am Wochenende in einem alten Haus in der Altmark gelesen. Draußen fiel in dicken Flocken der Schnee, die Landschaft war im Frost erstarrt. Fenster vom Fussboden bis zur Decke  schenkten mir eine Aussicht in den verschneiten Garten, die sich vom Cover des Romans kaum unterscheidet. Die Stimmung war schon fast magisch! Es hätte Turku sein können. Denn Ort der Handlung in diesem, dem 5. Fall mit Kimmo Joenta, ist wieder Finnland. Es ist der erste Tag im Mai:

„Am ersten Mai fiel der letzte Schnee. Das hatte der Wetterbericht so vorhergesagt und so war es gekommen. Lasse Ekholm steuerte den Wagen vom Parkplatz auf die Straße und betrachtete den Himmel, aus dem die dicken weißen Flocken fielen, die in diesem Monat nichts verloren hatten. Er dachte darüber nach, dass im Zusammentreffen des ersten Tages mit dem letzten Schnee eine Symmetrie verborgen lag. Eine Symmetrie, die schlüssig und schön war, weil sie auf asymmetrischen Komponenten beruhte. Das Erste und das Letzte, Anfang und Ende, verschmolzen zu einer Einheit …“ (S. 9)

Lasse, der gerade seine kleine Tochter Anna vom Eishockey abholt, ahnt noch nicht, dass dies der schrecklichste Tag seines Lebens sein wird. Nichts wird mehr sein wie bisher.Wie lebt man weiter mit einem Unfall, an dessen Ausgang man nicht ganz unschuldig war?

Parallel zu der Story um Anna und Lasse Ekholm laufen weitere Handlungen, die zu einem grandiosen und abslout schlüssigen Finale zusammen laufen. Immer wieder wechseln Orte und Erzählperspektiven. Den Faden der Handlung verliert man dennoch nie. So wird die Geschichte um Kimmo und seine scheue Geliebte, die sich Larissa nennt, weiter erzählt. Kimmo, der vor vielen Jahren seine Frau Sanna verloren hat, öffnet ihr ganz langsam sein Herz. Ein finnischer Fondsmanager verliebt sich in Ostende (Belgien) in eine ungarische Prostituierte. Ein einsamer junger Mann bewegt sich fast ausschließlich in Chatrooms und plant einen Amoklauf. Allen Figuren gemeinsam ist eine gewisse Einsamkeit und ein Leben als Außenseiter. Es gibt weder ausgelassen fröhliche Familien noch glücklich funktionierende Beziehungen. Als hätte sich über alle Menschen diese winterliche Stimmung gelegt. Wenn der Roman im September endet, fällt bereits der erste frühe Schnee.

Wer zum ersten mal Jan Costin Wagner liest, wird sich schnell in die Melancholie und den lyrischen Rhythmus seiner Sprache verlieben. Man darf keinen klassisch skandinavischen Krimi erwarten. Eher beschreibt Wagner, wie kleine Tragödien das Leben dramatisch verändern können. Ein unachtsamer Moment. Eine Eifersuchtszene, die anders verläuft, als geplant. Eben schwebte alles noch im schönsten Gleichgewicht, um im nächsten Moment außer Kontrolle zu geraten. Und dann ist es eben die besondere Stimmung, die ich so noch bei keinem Autor gefunden habe. Seit „Eismond“ folge ich Kimmo Joenta. Leide mit ihm, freue mich mit ihm, als sei er ein guter alter Freund. Der Roman endet mit einer großen Veränderung in seinem Leben, warum ich es jetzt kaum aushalten kann, wie es mit ihm weiter geht.

Jan Costin Wagner. Tage des letzten Schnees. Galiani Berlin 2014

Hier kann man in drei der Songs von „behind the lines“ reinhören:

http://www.jan-costin-wagner.de/60.html