Berührung mit dem Bösen – Annette Hess und ihr Roman „Deutsches Haus“

img_4416Eva Bruhns ist eine junge Frau im Frankfurt am Main der Sechziger Jahre. Ihre Eltern Edith und Ludwig Bruhns betreiben das Lokal “Deutsches Haus” – hier wird täglich gute deutsche Küche serviert. Gänsebraten, Eisbein, Knödel, Schokoladenpudding.
Weil Eva sehr gut Polnisch spricht, wird sie eines Tages ins Gericht bestellt, um die Zeugenaussage eines polnischen Juden zu übersetzen, welche ihr absurd und skurril erscheint. Zyklon B? Menschen wurden vergast??
Am nächsten Tag liest Eva in der Zeitung vom Beginn der Auschwitz-Prozesse und ist wieder voller Unglaube. Es soll mehr als 1.000.000 Tote in Auschwitz gegeben haben? Das MUSS ein Druckfehler sein. Eine Million? Da sind doch ein paar Nullen zu viel?!
Doch mit der Zeit ahnt Eva, dass mehr Wahrheit hinter dieser Zahl steckt, als ihr lieb ist. Ihre Eltern jedoch schweigen beharrlich zum Thema, lassen Eva außerdem ganz klar wissen, dass sie deren Arbeit als Übersetzerin dort nicht wünschen. Ihr Verlobter Jürgen geht noch einen Schritt weiter und verbietet Eva rigoros ihre Tätigkeit bei den Auschwitz-Prozessen. Er hat große Befürchtungen, was die Berührung mit dem Bösen aus Eva machen würde …

Er dachte darüber nach, wie er mit Evas Ungehorsam umgehen sollte. Er hatte sie ganz anders kennen gelernt, nachgiebig, lenkbar und bereit zu akzeptieren, dass der Mann das letzte Wort in der Ehe hatte … Und während Jürgens Gedanken um das traditionelle Kräfteverhältnis in einer Ehe kreisten, spürte er darunter seine eigentliche Furcht: Er hatte Angst vor dem Prozess, den Eva begleiten würde. Er hatte sich in Evas Unschuld verliebt, in ihre Reinheit, weil er selbst nicht unschuldig war (S. 107).

Auch Eva ist anfangs unsicher, spürt aber mehr und mehr, dass sie hier richtig ist. Endgültig davon überzeugt ist sie beim Anblick der Polizisten, die vor den Angeklagten salutieren und die Hacken zusammenschlagen. Polizeibeamte, die jene Männer vor den Reportern und den Zuschauern beschützen. Anfangs noch als Beobachterin des Prozesses, beginnt sie am 23. Verhandlungstag ihre Arbeit als Übersetzerin.
Als Leser nehmen wir in kurzen Momentaufnahmen an den Prozessen teil, erleben aber auch deutschen Alltag. Schockiert lausche ich mit Eva einer Zeugenaussage und sitze im nächsten Absatz mit ihr am Mittagstisch. Ich spüre mit Widerwillen den Geruch von Rinderrouladen und Kartoffelbrei, fühle mich erdrückt vom Anblick der dunklen Möbel und der Häkeldeckchen in ihrem Zuhause.
Diese Perspektivwechsel machen das Unfassbare gut sichtbar. Weil wir immer im Wechsel ganz direkt im Gerichtssaal dabei sind, und dann wieder am bieder-spießigen Alltagsleben der Familie Bruhns mit ihren drei Kindern Annegret, Eva und Stefan teilhaben. Hier spüre ich immer ganz stark die Drehbuchautorin von Weißensee, der großartigen Serie über zwei Familien in der ehemaligen DDR. Die Wechsel zwischen dem kleinen Kosmos einer Familie und dem politischen Ganzen habe ich in der Serie als sehr positiv empfunden. Mal wurde ganz nah an die Story heran gezoomt und dann aus großer Distanz geschaut.
Auch in ihrem Roman erzählt Annette Hess gleichzeitig distanziert und empathisch.
Spannend fand ich auch, wie genau sie das Frauenbild jener Zeit beschreibt, als Männer noch als Familienoberhaupt galten und zum großen Teil über ihre Frauen und Töchter bestimmten. Wie schwer es war, sich aus diesem Rollenbild zu befreien, zeigt Evas spannende Entwicklung zu einer selbstbewussten Frau.

Am Ende des Prozesses schockieren nicht nur die harmlosen Urteile. Am meisten schockiert die absolute Gefühllosigkeit der Angeklagten. Niemand von ihnen zeigt angesichts der berichteten Grausamkeiten Reue oder Scham. Da ist nichts Menschliches. Kein Einsehen. Keine Entschuldigung.

Deutsches Haus ist ein packender und sehr komplexer Roman, der unglaublich gut in die heutige Zeit passt. Es steckt so unglaublich viel in ihm drin: Liebesgeschichte, Geschichte einer Familie, Milieuschilderung, Geschichte über Schuld und Verdrängung, Geschichte einer Wandlung. Aber natürlich und zuerst ist er ein Roman über den Holocaust und die Auschwitz-Prozesse 1963-65. Annette Hess hat sich intensiv mit den Dokumenten und Zeugenaussagen jener Zeit beschäftigt. Sie lässt diese teilweise in den Text einfließen, ohne dass das den Fluss der Handlung stört.
Das Besondere am Buch: es ist ein Roman für viele Leser*innen jeden Alters.
Deutsches Haus ist so ein Buch, was ich mir als Buchhändlerin immer wünsche. Ein Buch, das ich täglich von Herzen empfehlen kann und bei dem ich schon nach drei gesprochenen Sätzen auf großes Interesse stoße.
Deshalb auch hier und heute: absolute Leseempfehlung!

Annette Hess. Deutsches Haus. Ullstein Verlag. Berlin 2018. 365 Seiten. 20,- €

Advertisements

5 Antworten zu “Berührung mit dem Bösen – Annette Hess und ihr Roman „Deutsches Haus“

  1. Klingt sehr interessant, ich werd heute mal reinlesen, falls die Buchhandlung offen hat

    Gefällt mir

  2. Danke für die Empfehlung, die ich auf den Wunschzettel und die Leseliste nehme. Das Thema erinnert mich an Bernhard Schlinks „Vorleser“, und hier bin ich gespannt auf die Wahrnehmungen der Übersetzerin. Wie wird sie Fritz Bauer schildern, der die Frankfurter Auschwitz-Prozesse in Gang brachte? Wie werden sich die Familien- und Beziehungsgeschichten entwickeln, die Geschichten der Opfer, Täter und Zeug*innen?
    – Während meiner zurückliegenden Studienzeit wurde die Gaststätte „Deutsches Haus“ in Erlangen einladend griechisch bewirtet. –
    Dank & Gruß

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s