Maya Angelou. Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

Marguerite Johnson ist ein schwarzes Mädchen, das mit seinem Bruder Bailey in den Südstaaten bei der strengen aber liebevollen Großmutter, der Momma, aufwächst. Als sie 1940 ihr Abschlusszeugnis für die 8. Klasse bekommt, ist sie gleichzeitig hoch erfreut und zutiefst betrübt. Denn sie weiß, dass sie als Schwarze in Amerika keine Chance auf einen guten Beruf hat und vielleicht nie haben wird …

Schwarz zu sein, nicht über das eigene Leben bestimmen zu können, war schrecklich. Jung zu sein, aber schon gewohnt, die Vorurteile über die eigene Hautfarbe still und widerspruchslos anzuhören, war brutal. Besser, wir wären alle tot. Alle, eine Leichenpyramide: unten die Weißen, dann die Indianer … dann die Schwarzen … Die ganze Gattung war ein scheußlicher Irrtum. Wir alle (Seite 206).

Solche düsteren Gedanken gehen Maya oft durch den Kopf. Doch macht es sie nicht trübsinnig, im Gegenteil. Maya entwickelt einen extremen Kampfgeist und aus einem anfangs ängstlichen und stark religiös geprägten Mädchen wird eine mutige junge Frau, eine Tänzerin und die erste schwarze Straßenbahnfahrerin in San Francisco. All dies trifft auch auf die Autorin zu, sodass man von einem stark autobiographisch erzählten Roman ausgehen darf. Maya Angelou war in ihrem Leben außerdem Journalistin, Schriftstellerin, Regisseurin Bürgerrechtlerin und enge Vertraute von Malcolm X und Martin Luther King. Sie starb 2014.

Auch wenn der Roman voller Phantasie erzählt und angereichert ist mit außergewöhnlichen Momenten, Eindrücken und Bildern, so fällt es nicht schwer, sich in der kleinen Maya und später in der schlanken großen Frau die Autorin vorzustellen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen – egal, ob sie Düfte, Farben, Kleidung, Essen oder Autos beschreibt.

Ein ganz wichtiger Moment im Leben der kleinen Maya war schließlich die Entdeckung der Literatur. So half ihr durch das von weißem Rassismus und männlichem Chauvinismus geprägte Leben ein einziges Zauberwort. Ihre Lehrerin Mrs. Flowers hatte es ihr mitgegeben: BÜCHER.

Unvergesslich deshalb ein Geschenk, welches Bailey ihr zum Schulabschluss macht: eine weiche Lederausgabe der Gedichte von Edgar Allan Poe. Sofort, nachdem Maya das in Weihnachtspapier verpackte Buch ausgewickelt hat, gehen die Geschwister in den Garten und rezitieren gemeinsam die traurig-schönen Verse von Annabell Lee.

Und schließlich gelingt Maya als junger Frau das Unmögliche! Entgegen aller Schwierigkeiten und der Bemerkung ihrer Mutter, man würde keine Farbigen bei der Straßenbahn nehmen, bewirbt Maya sich so oft und so energisch, bis es klappt. Tapfer ignoriert sie die kalten Augen weißer Verachtung (Seite 300).

… und eines Abends turnte ich hinten auf dem lärmenden Trolley herum und forderte die Fahrgäste breit lächelnd auf, nach vorne durchzugehen. Ein ganzes Semester lang segelte ich mit der Straßenbahn über die leuchtenden Hügel San Franciscos … (Seite 303).

Mary Angelous Roman ist ein großartiges Beispiel dafür, was Literatur vermag. Mich erinnert dieses Buch nämlich Zeile für Zeile daran, warum ich eigentlich lese. Weil ich unglaublich sprachverliebt bin, weil ich mich gern verzaubern, in fremde Welten und andere Zeiten entführen lasse. Weil ich kleine Heldinnen wie Maya und deren Gedanken voller kraftvoller Schönheit, Humor und Poesie liebe.

Maya Angelou. Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt. Aus dem amerikanischen Englisch von Harry Oberländer. Suhrkamp Verlag. Berlin 2018. 322 Seiten. 12,- €

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