Haruki Murakami. Sputnik Sweetheart

murakami_sputnik_sweetheartSo schön es ist, in eine unbekannte Geschichte einzutauchen, so aufregend kann es sein, eine bereits gelesene erneut aufzuschlagen. Es ist ja auch eine Reise in das lesende Ich meiner Vergangenheit. Sputnik Sweetheart habe ich 2002 gelesen und es war einer meiner ersten Romane von Haruki Murakami. Ein Riesenrad spielte eine zentrale Rolle und eine Liebe zwischen zwei Frauen. Mehr als diese vagen Erinnerungen habe ich nicht, doch unvergessen ist das Glücksgefühl, das ich vor 15 Jahren schon verspürte. Und es stellt sich sofort wieder ein:

Sumire besaß so wenig Möbel, dass die Wohnung kalt und leblos aussah. An den Fenstern hingen keine Vorhänge, und auf dem Boden stapelten sich Bücher, die keinen Platz in den Regalen gefunden hatten, wie intellektuelle Flüchtlinge (S. 76/77).

Genau! Das war es! Diese kleine verrückte Sumire, die ich von Anfang an so mochte, ich schließe sie sofort erneut und noch ein bisschen  heftiger in mein Herz. Freue mich so sehr über dieses „Wiedersehen“. 
Sumire, die mit einem Minimum an Möbeln und dem Maximum an Büchern lebt, träumt davon, Schriftstellerin zu werden. Sie verehrt Jack Kerouac und will genauso ungehemmt und wild sein, wie eine Figur von ihm. Die Hände in die Taschen gestemmt, die Haare absichtlich zerzaust, starrte sie durch eine schwarze Sonnenbrille à la Dizzy Gillespie … einen Lippen- oder Augenbrauenstift hatte sie wahrscheinlich in ihrem ganzen Leben noch nie in der Hand gehabt (S. 10).
Ich-Erzähler dieser Geschichte ist ein junger Mann, der hoffnungslos verliebt ist in Sumire, die jedoch seine Liebe nicht erwidert, nicht erwidern kann, da sie in die etwas ältere Miu verliebt ist. In diese anmutige, sportlich schlanke und immer ein wenig kühle Miu. In einem Gespräch mit ihr fällt der Name Kerouac und Miu fragt, ob das nicht so ein Sputnik gewesen sei. Sumire grübelt und fragt zurück, ob ein Sputnik nicht eher das ist, was die Sowjets 1950 in den Weltraum geschossen haben … Miu würde wohl Beatnik meinen. Von diesem Tag an nannte Sumire ihre Freundin Sputnik Sweetheart.Beide Frauen verbindet anfangs eine wundervolle Freundschaft, doch schon bald empfindet Sumire mehr als nur freundschaftliche Gefühle für Miu.

Beide verbringen eine anfangs sorglos unbeschwerte Zeit auf einer griechischen Insel nahe Rhodos. Bis Sumire eines Tages verschwindet. Und zwar komplett und ohne jegliche Spuren. Der Ich-Erzähler erfährt davon mitten in der Nacht und wird von Miu eindringlich gebeten, sofort nach Athen zu fliegen, weiter nach Rhodos und dann mit der Fähre zu der kleinen Insel zu kommen. Verstört, unruhig und voller Angst macht er sich auf den Weg. In einer Zeit, da man Tickets noch am Flughafen und nicht eben mal schnell online buchen musste. Eine beschwerliche Reise voller Ungewissheit, doch stets umhüllt von der Schönheit Griechenlands. Weshalb dies auch ein perfekter Urlaubsroman ist! Unglückliche Liebesgeschichte dazu mit den bei Murakami bereits gewohnten surrealen Momenten. Außerdem spannend erzählt wie ein Thriller. Denn es gibt keine einzige Spur von Sumire. Fast keine –

Ich besitze glücklicherweise noch diese schöne frühe Taschenbuchausgabe des DuMont-Verlages mit dem japanischen Mädchen auf dem Cover. Und überhaupt – ich liebe die alten Cover von Naokos Lächeln bis Wilde Schafsjagd und Kafka am Strand. Ist nicht der Kult um das Buch auch ganz eng verknüpft mit seinem Cover? Und ich frage mich, ob das mit den neuen Abbildungen funktionieren wird. Auf dem aktuellen Cover des Romans befindet sich – ja, was – ein Lutscher oder eine Blüte? Wie geht es Euch damit? Findet Ihr die neuen Cover der Murakami-Romane besser, schöner, ausdrucksstarker? Oder geht es Euch wie mir? Ist Euch das möglicherweise völlig egal?
Et voliá – hier sind sie:

Haruki Murakami. Sputnik Sweetheart. Aus dem Japanischen Ursula Gräfe. DuMont Verlag. Köln 2002. 234 Seiten. 9,99 €

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14 Antworten zu “Haruki Murakami. Sputnik Sweetheart

  1. Liebe masuko,
    oh, wie ist das schön! Ich möchte auch nochmal in diese besondere Geschichte eintauchen, werde es vielleicht tun, wenn das Novilesen vorbei ist. Danke für den erneuten Ausflug!

    Erst kürzlich hatte ich das Buch ebenfalls in den Händen, voller Entzücken auch über das Cover. Apropos. Ich finde die alten Cover viel schöner. Man denke an die wundervolle »Kafka am Strand«, »Mister Aufziehvogel« oder eben »Sputnik Sweetheart«-Cover. Wie gut, dass ich all die alten Schätze besitze. Wobei ich die neuen Murakamis in ihrem Design wiederum sehr gern habe.

    Beste murakamische Grüße
    Klappentexterin

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    • Liebe Klappentexterin,
      diesen Luxus werde ich mir auch wieder öfter gönnen, fühle ich mich doch beim Lesen der „alten“ Geschichten immer wieder sehr wohl. Musik hören wir ja auch auch wieder und wieder, manchmal so oft, bis wir den gesamten Songtext mitsingen können. Warum also nicht dem Sound eines Autors wieder und wieder folgen.
      Danke für dein Feedback zu den Covern.
      Strahlende Grüße, masuko

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  2. Unter Marketinggesichtspunkten finde ich die neuen Cover gut. Da wird eine Autorenmarke mit einem klaren Corporate Design aufgebaut, die sehr aufmerksamkeitsstark ist und sich am POS deutlich vom Wettbewerb abgrenzt. Als Leser und Fan muss ich sagen: die alten Cover waren viel besser – sowohl schöner als auch praktischer.

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    • Stimmt, den Gedanken hatte ich auch. Ein Design für einen Autor ist eine clevere Sache. Aber als Leserin und Fan kann ich nur seufzen und sehnsuchtsvoll zu den alten Covern schauen.

      Liebe Grüße

      Klappentexterin

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    • Mit diesem Blick gesehen, ist es vielleicht sinnvoll, die neuen Cover einzuführen. Aber ist Murakami nicht längst eine Marke? Und ist er das nicht auch wegen der sehr coolen Cover? Als Buchhändlerin muss ich beispielsweise immer aufpassen, dass ich „Kafka“ und „Naoko“ nicht in einen Stapel packe – sie sehen sich einfach zu ähnlich. Und welches Cover soll ich mir für „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ erst vorstellen … Nichts ersetzt doch dieses dynamische Foto von Murakami!
      Schön, dass auch du die alten Cover sehr schätzt.
      P.S. Meine alte Suhrkamp-Ausgabe von „Wilde Schafsjagd“ hüte ich wie einen kostbaren Schatz und würde sie bei einem Wohnungsbrand als Erstes retten

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  3. Habe es vor einigen Wochen zum ersten Mal gelesen und war hellauf begeistert. Murakami weiß einfach den Lesern in seinen Bann zu ziehen. Kafka am Strand liegt auch noch bereit. Dem muss ich mich bald einmal widmen.
    Schönes Wochenende.
    Liebe Grüße
    lesesilly

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    • Ja, eine traurig-schöne Geschichte, das ist „Sputnik Sweetheart“. Freue mich sehr, dass du das Buch nun kennst und dass es dich begeistert hat. Vielleicht wirst auch du es irgendwann einmal erneut in die Hand nehmen und dich wieder in seinen Bann ziehen lassen. Das kann Murakami ja wirklich gut! Ich muss wohl „Kafka am Strand“ bald ein zweites Mal lesen 🙂
      Ganz liebe Grüße, masuko

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  4. Interessant wie oft das spurlose Verschwinden in den Romanen Murakamis eine Rolle spielt. Bisher in fast jedem gelesen. Und immer gedacht, dass das im echten Leben nicht passiert. Dass die Leute ihre Absichten mal kund tun oder man ja letzten Endes eh weiß wo man sie finden würde. Aber dann doch einmal selber erlebt.

    Ich finde die alten Cover auch schöner, wobei ich es sehr mag, dass die neuen einen ähnlichen Stil haben. 🙂

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    • Ja, das ist ein seltsames Phänomen mit dem Verschwinden. Habe es zwar im realen Leben noch nicht erfahren, doch in der Literatur kommt es ziemlich häufig vor. Auch bei anderen Autoren.
      Merci für dein Feedback zu den Covern und einen schönen Abend, masuko

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  5. und wieder ein Murakami Es wird wieder im Urlaub gelesen, und mal vorwegnehmend zum Thread oben, auch Deborah Feldman wird mich begleiten.

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  6. Pingback: Haruki Murakami. Sputnik Sweetheart — masuko13 | Guenterwahl2009's Blog

  7. Oh, vielen Dank fuer den Hinweis. Er ist wirklich mein absoluter Lieblingsautor! LG aus London 🙂

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    • „Sputnik Sweetheart“ fällt einem meist gar nicht ein, wenn man über Murakami spricht, weil viele andere Bücher von ihm so berühmt sind. Doch ist es ein ganz besonderes Buch, weil es sehr leise daher kommt und dann mit voller Wucht zuschlägt. Schöne Grüße nach London

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